Buch über Musks Mind Control-Fetisch: Elon Musk will unsere Souveränitat
Im Sachbuch „Muskismus“ warnen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff vor Elon Musks Bestreben, unser aller Bewusstsein zu kontrollieren. Es kommt zur richtigen Zeit.
So wie der „Fordismus“ das zwanzigste Jahrhundert bestimmte, könnte der „Muskismus“ über das einundzwanzigste herrschen. Das ist die beunruhigende These des neuen Buches von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff. Darin analysieren sie eine Ära des Kapitalismus, in der auch der letzte Gegenspieler des freien Marktes endlich privatisiert ist: die staatliche Souveränität.
Ein „Ratgeber für die Ratlosen“ will das Buch sein – und wie jeder gute Ratgeber zeigt es, dass wir die Antwort auf unsere Fragen bei uns selbst suchen müssen. Gegen die allgemeine Entrüstung bestehen Slobodian und Tarnoff darauf, dass der „Muskismus“ aus genau der bürgerlichen Welt entstanden ist, die sich jetzt über ihn empört. So wird die technokratische Utopie, in der sich politische Probleme in wissenschaftliche auflösen, vielen Leserinnen genauso vertraut sein wie die allgemeine Zuversicht in den freien Markt.
Im ersten Teil schildern die Autoren Musks Aufstieg aus den Weißenvierteln des südafrikanischen Apartheitsregimes über die Anfänge des Internets und die Massenproduktion von Satelliten bis hin zum Tesla-Konzern. Mitunter scheint es, als hätten sich diese großen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nur durch technischen Fortschritt und Unternehmerkraft durchgesetzt. Gegen diese Erzählung führen die Autoren immer wieder an, wie das Silicon Valley und insbesondere Musks eigene Unternehmungen vom Staat ermöglicht und gelenkt wurden. Es waren eben keine privaten Entrepreneure, die den „Muskismus“ vorantrieben, sondern genau die demokratisch legitimierten Institutionen, die er jetzt untergräbt. Im ersten Teil des Buches wird die zunehmende Privatisierung als eine Geschichte der Selbstabschaffung des Staates erzählt.
Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: „Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 281 Seiten,
22 Euro
Der zweite Teil ist dem Cyborg gewidmet. Seit seiner Kindheit träume Musk von der Verschmelzung des Menschen mit der Maschine. Daraus erklären die Autoren auch den Rechtsruck und die Transfeindlichkeit des Milliardärs: Musk ängstige, dass durch Hormone und Operationen die Grenzen zwischen dem „Natürlichen“ und dem „Artifiziellen“ auf eine Weise eingerissen werden, die Herrschaft untergräbt. Er fürchtet sich – so die originelle These – vor seinem eigenen Traum.
„Neuralink“ soll politische Gesinnung ablesen können
Damit dieser sich nicht in einen Albtraum verwandelt, arbeitet Musk seit einigen Jahren an neuen Formen der Kontrolle. 2016 gründete er „Neuralink“, das an Gehirnimplantaten forscht, die es ermöglichen könnten, politische Gesinnung oder sexuelle Vorlieben von unseren Neuronen abzulesen.
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Dabei geht Musk davon aus, dass unser „mind“ – das man wohl besser mit dem hegelianischen Geist als mit Bewusstsein übersetzt hätte – bereits vollständig vernetzt ist. Es bräuchte gar keine Gehirnimplantate. Das Internet und die sozialen Medien formten längst nicht nur unsere Meinungen, sondern unsere gesamte Erfahrung: was wir lieben, woran wir glauben, worüber wir lachen.
Musks größte Furcht sei, dass das so entstandene Netzwerk sich „infizieren“ könnte. Daher setzt er alles daran, den „woke mind virus“ auszumerzen. Dabei ginge es ihm nicht um die vielbeschworene individuelle Freiheit, sondern um eine Hegemonie im Geist. So drohen wir im „Muskismus“ nach der Souveränität des Staates zuletzt noch die Souveränität über uns selbst zu verlieren. Wer das Buch zuschlägt, muss sich fragen, ob wir sie kampflos aufgeben wollen.
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