Angriff vor libyscher Küste: Rätsel um Frachter der russischen Schattenflotte
Vor der libyschen Küste wird der russische Flüssigerdgas-Frachter „Arctic Metagaz“ angegriffen – von wem, ist allerdings noch ungeklärt.
Getroffen, versenkt: Ein russischer Flüssigerdgas-Frachter ist am Dienstagmorgen um 4 Uhr Ortszeit nach einem Angriff vor der libyschen Küste gesunken. Medienberichten zufolge sei die „Arctic Metagaz“ auf ihrer Fahrt zwischen Malta und Libyen von einer Drohne getroffen worden und in Brand geraten.
Dem Feuer seien mehrere Explosionen vorausgegangen. Der Frachter, der auf dem Weg nach Port Said in Ägypten gewesen sein soll, ist mit Sanktionen der USA, Großbritanniens, der Europäischen Union (EU), der Schweiz, Kanadas, Australiens und Neuseelands belegt.
Die maltesischen Streitkräfte bestätigten den Eingang eines Notrufs am Dienstag und entsandten Einheiten zum Unglücksort. Laut der Nachrichtenagentur Reuters habe die 30-köpfige Besatzung – alle russische Staatsangehörige – das Schiff verlassen und gerettet werden können.
Der Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums Serhij Sternenko veröffentlichte am Mittwoch exklusive Fotos des angegriffenen russischen Tankers auf seinem Telegram-Kanal. „Der russische Tanker, der Dienstag im Mittelmeer von unbekannten Drohnen angegriffen wurde, hat ein großes Loch im Maschinenraum und ist nicht mehr zu reparieren“, schrieb Sternenko.
Den Standort verschleiert
Laut Schiffsverfolgungsdaten von MarineTraffic hat das Schiff seine Position zuletzt am Montag vor der Küste Maltas gemeldet. Am Abend desselben Tages habe die Arctic Metagaz ihr automatisches Identifizierungssystem (AIS) deaktiviert, nachdem sie die ausschließliche Wirtschaftszone Maltas (Exclusive Economic Zone, EEZ) verlassen habe.
Angaben von Mitarbeitern des ukrainischen Geheimdienstes zufolge habe die „Arctic Metagaz“ auch in der Vergangenheit häufig falsche Positionsdaten übermittelt, um ihren Standort zu verschleiern. Diese Praxis verstößt gegen das internationale Seerecht.
Russland machte umgehend die Ukraine für den Angriff verantwortlich. Der Tanker habe Fracht von Murmansk aus transportiert, die gemäß allen internationalen Vorschriften abgefertigt worden sei. Der Angriff sei von unbemannten ukrainischen Booten von der libyschen Küste aus verübt worden.
Der Vorfall stelle „einen Akt des internationalen Terrorismus und der Seepiraterie dar, einen eklatanten Verstoß gegen die grundlegenden Normen des internationalen Seerechts. Derartige Straftaten, die mit Duldung der Behörden von EU-Mitgliedstaaten begangen werden, dürfen von der internationalen Gemeinschaft nicht ohne eine entsprechende Bewertung bleiben“, heißt es in einer Erklärung des russischen Transportministeriums, die die staatliche Nachrichtenagentur Interfax zitiert.
1.422 Tanker
Die „Arctic Metagaz“ war Teil der russischen Schattenflotte, die von den USA und Europa sanktionierte Brennstoffe von Russland ins Ausland transportiert. Laut eines Berichts des ukrainischen Nachrichtenportals Zerkalo nedeli zählt die Flotte derzeit 1.422 Tanker – 921 Schiffe stehen auf Sanktionslisten der EU, der USA und Großbritanniens.
Auch wenn die Urheberschaft des Schlags gegen die „Arctic Metagaz“ noch unklar ist: In den vergangenen Monaten hat Kyjiw seine Angriffe auf russische Tanker mit Seedrohnen verstärkt. Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) zufolge sind Ende November zwei sanktionierte russische Öltanker, „Kairos“ und „Virat“, vor der türkischen Schwarzmeerküste angegriffen worden.
Am 10. Dezember erklärte der SBU, er habe mit „Sea-Baby“-Marinedrohnen einen Öltanker der russischen Schattenflotte im Schwarzen Meer angegriffen und diesen schwer beschädigt. Die Zerstörung der „Arctic Metagaz“ wäre der erste Fall, dass ein LNG-Tanker im Zuge bewaffneter Auseinandersetzungen außer Gefecht gesetzt wird.
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