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Starkbieranstich am NockherbergDer Sonnenkönig wird an den Rand geschoben

Zahm ging das Politikerderblecken am Nockherberg in diesem Jahr über die Bühne. Aber eine wichtige Erkenntnis gab es: Es geht auch mit weniger Söder.

Markus Söder mit seinem Double Thomas Unger beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg Foto: Peter Kneffel/dpa
Dominik Baur

Aus München

Dominik Baur

Dr. Fu Manchu sitzt in der ersten Reihe. Natürlich ist es in Wirklichkeit Markus Söder, heute sogar ausnahmsweise unverkleidet. Aber mit seinem Bart erinnert er Fastenredner Stephan Zinner eben an Dr. Fu Manchu. Der, erklärt Zinner, sei in Filmen aus den Sechzigern „ein skrupelloser, chinesischer Superschurke gewesen, der die Weltherrschaft angestrebt hat“. Gut, das treffe jetzt auf Söder nicht hundertprozentig zu. Er sei ja kein Chinese.

Es ist März, es ist Starkbierzeit, und es ist Nockherberg. Der Nockherberg ist in Wirklichkeit natürlich nur eine Örtlichkeit am Münchner Isarhochufer, doch längst wird der geografische Begriff als Synonym für ein Ereignis benutzt: den dortigen Starkbieranstich und das damit verbundene Politikerderblecken. Jahr für Jahr fährt es eine Rekordquote ein. Auch diesmal folgten laut Bayerischem Rundfunk wieder 2,2 Millionen Menschen der Live-Übertragung.

Im bayerischen Politbetrieb ist es einer der Höhepunkte des Jahres und in diesem Fall mal tatsächlich etwas, was es so nur in Bayern gibt. Fast die gesamte hiesige Politprominenz – neben den Landespolitikern auch einige Kommunal- und Bundespolitiker – findet sich hier ein, um sich den Spiegel vorhalten zu lassen. Erst knöpft sie sich ein Fastenprediger vor, dann werden einige von ihnen im Singspiel, einem Bühnenstück, persifliert.

Natürlich war es der Auftritt des neuen Fastenredners, der mit der größten Spannung erwartet worden ist. Stephan Zinner heißt der Mann, zumindest in Bayern weithin bekannt: auf der Bühne als Musiker und Kabarettist, vor allem aber auch aus Film und Fernsehen, in den beliebten Eberhofer-Krimis etwa spielt er den Metzger. Und bis vor einigen Jahren gab er beim Singspiel am Nockherberg selbst den Söder.

Im vergangenen Jahr stand hier noch der Allgäuer Kabarettist Maxi Schafroth und hielt – zum fünften Mal – die Predigt. Hart ging er mit Söder und Co ins Gericht. Zu hart? Jedenfalls war vor allem die CSU wenig amüsiert. Die Pointendichte sei zu gering gewesen, hieß es dann etwa. Die Paulaner-Brauerei wechselte Schafroth aus.

Merz auf Drachenjagd

Jetzt also Zinner. Er wird mit großem Wohlwollen empfangen, ist aber merklich nervös. Er legt los. Es geht um die Unvereinbarkeit von CSU und Bescheidenheit, den Ministerpräsidenten, der so selten im Landtag ist, und die Bayern-SPD, deren Vertreter eh keiner kennt. Klassiker. Harmlos. Eine Weile wartet man noch. Vielleicht ist das ja die Methode: erst mal schön in Watte einpacken, in Sicherheit wiegen, um dann auch mal Treffer zu landen, die wehtun.

Aber es tut nicht weh. Zinner liest seinem Publikum in den vorderen Reihen nicht die Leviten, sondern redet ihnen – zumeist recht allgemein – ins Gewissen. Das ist schwierig bei einem Format, das von der direkten Täteransprache lebt.

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Es stimmt ja, wenn er dem abwesenden Friedrich Merz angesichts von dessen AfD-Abstimmungsmanöver vorhält, dass, „wer von Brandmauern spricht und zugleich mit den Fackeln der Worte zündelt, schon wissen sollte, dass oft nur ein Funke genügt, damit der Stammtisch brennt“. Und es ist angebracht, „bissl weniger Ich, dafür mehr Wir“ zu fordern. Was Zinner sagt, ist gut und richtig, auch sein Hohelied auf das „Augenmaß“, das der Politik abhandengekommen sei. Doch etwas weniger Samt hätte es dann doch sein dürfen. Müssen. Immerhin: Die Brauerei bekam, was sie wollte.

Söder gibt den Blödelbarden

Auch beim Singspiel. Das haben in bewährter Manier das Duo Richard Oehmann und Stefan Betz auf die Bühne gebracht. Solide ist es, lustig. Die schauspielerischen und musikalischen Leistungen der Mitwirkenden sind herausragend, einzelne Szenen sehr unterhaltsam. Die Story ist dagegen wenig stringent, auch die Metaphern dieser bewegten Karikatur sind nicht ganz so treffsicher wie in früheren Singspielen.

Es geht um Ritter Friedrich Merz, der einen Drachen besiegen, endlich mal was wuppen will. Die Szene ist in einer dystopischen Landschaft irgendwo zwischen einem deutschen Schrottplatz und einer Wildwest-Geisterstadt angesiedelt. Bei seiner Unternehmung wird Merz von Bärbel Bas, Alexander Dobrindt, Jens Spahn, Hubert Aiwanger, der bayerischen Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze, der bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter und einigen Unglücksraben begleitet. Und natürlich von Markus Söder.

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Der jedoch tritt in diesem Jahr etwas in den Hintergrund. Eine erfrischende Innovation, denn bisher dominierte der CSU-Chef in seiner Sonnenkönighaftigkeit stets das Singspiel, gekonnt karikiert, aber eben doch viel Raum gebend. Jetzt haben sie ihn zum Barden gemacht. Zum Blödelbarden, versteht sich. Und schließlich bekommt er auch noch von Hobby-Alchimist Aiwanger, der es nicht verkraftet, dass er in Sachen Polit-Entertainment nie mit seinem Chef mithalten kann, in einer Bratwurstsemmel ein Ernsthaftigkeitsserum verpasst.

Die Folge: In der zweiten Hälfte des Singspiels taucht Söder – Höchststrafe! – recht wenig auf, und wenn, dann entfleuchen ihm Sätze wie: „Die letzten spektakulären Innovationen aus Bayern waren der Transrapid und Wirecard.“ Nachdem die anderen dann den Drachen der schlechten Laune erlegt haben und singen „Sehen wir das mal positiv“, ist ausgerechnet er derjenige, der Wasser ins Starkbier kippt, der von ihm ungewohnte Wahrheiten ausspricht: „Übrigens, eine Mehrheit im Land ist schon längst für ein Tempolimit“, ruft er beispielsweise. „Und für eine Super-Reichensteuer.“

Für Söder, also den echten, den Dr. Fu Manchu aus der ersten Reihe, muss das tatsächlich eine Umstellung sein. Wer so wenig eingeschenkt bekommt, sitzt schnell auf dem Trockenen. Seinem Gesichtsausdruck und den halbwegs lobenden Worten, die er sich hinterher gequält abringt, ist denn auch zu entnehmen, dass ihm diese überhaupt nicht behagt. Auf dieser Bühne als Populist dargestellt zu werden, als Opportunist, als selbstverliebter Gockel, sogar als hinterfotziger Intrigant, das kennt er alles. Aber an den Rand geschoben zu werden? Das ist neu. Als gäbe es eine Welt außerhalb des Söder-Kosmos.

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