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Konflikt zwischen Israel und HisbollahMassenflucht im Libanon

Israel hat große Evakuierungen im Libanon angeordnet. In Panik fliehen Menschen im Südlibanon, Ostlibanon und im südlichen Beirut mit allem, was sie tragen können.

Wo hin, um sich vor Bombardierungen der israelischen Armee zu schützen? Menschen in der Innenstadt von Beirut Foto: Khalil Ashawi/reuters
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Ali und Mscheifa Maschhak haben mit einem Seil vier dünne Schaumstoffmatratzen aufs Audodach gespannt, Wolldecken eingepackt und sind geflohen. Mit ihren vier Kindern sitzen sie im Auto in Beiruts Stadtzentrum und wissen nicht, wo sie unterkommen. „Es ist kalt und sie bombardieren, wir können nicht zurück“, sagt die Mutter. Die Familie kommt aus Schuwayfat, südlich von Beirut.

Israels Militär hat am Donnerstag alle Bewohner der schiitisch geprägten südlichen Stadtviertel der Hauptstadt zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert. Das Gesundheitsministerium meldete zwei Krankenhäuser, die zur Schließung und Evakuierung gezwungen waren.

Acht Stunden nach der Warnung flog die israelische Luftwaffe nach eigenen Angaben 26 Lufangriffe in Süd-Beirut und bombardierte dort zehn Häuser. Am Abend gabe es israelische Angriffe in Brital und Douris im Ost-Libanon. Seit Montag wurden durch israelische Angriffe 123 Menschen getötet und 683 verletzt. Die Zahlen meldete das libanesische Gesundheitsministerium am Donnerstag und verwies darauf, dass es mehr Opfer geben könnte, die von den Krankenhäusern noch nicht gezählt wurden.

Mehr als 700.000 Menschen aus Beirut betroffen

Betroffen von der Aufforderung zur Evakuierung sind 700.000 Menschen in Südbeirut, aus den Vierteln Chiyah, Ghobeiri, Haret Hreik, Hadath and Burj al-Barjaneh.

Es gibt aber viel mehr Binnengeflüchtete im Libanon. Im jüngsten Krieg 2024 mussten rund 1,2 Millionen Menschen ihre Heimatorte verlassen.

Hinzu kommen Vertriebene aus anderen Landesteilen. Ebenfalls am Donnerstag hatte die israelische Armee auf der Plattform „X“ eine Karte veröffentlicht, auf der ganz Süd-Libanon bis zum Litani-Fluss rot markiert war. Der Fluss liegt 30 Kilometer hinter der undefinierten gemeinsamen Grenze. Der israelische Militärsprecher warnte die Zivilbevölkerung, dass „jede Bewegung nach Süden ihr Leben gefährden könnte“.

Die weitreichenden Appelle werfen ernsthafte rechtliche und humanitäre Fragen auf und lassen Befürchtungen um die Sicherheit der Zivilbevölkerung aufkommen, warnt Human Rights Watch (HRW). „Wie sollen ältere Menschen, Kranke und Menschen mit Behinderungen so schnell evakuiert werden können?“, so Ramzi Kaiss, HRW-Libanon-Experte.

Es gäbe Anlass zur Sorge, dass es der israelischen Regierung nicht um den Schutz der Zivilbevölkerung geht. Das humanitäre Völkerrecht verbiete die Zwangsumsiedlung von Zivilisten in bewaffneten Konflikten, es sei denn, die Sicherheit der betroffenen Zivilisten oder zwingende militärische Gründe erfordern dies, aber diese Ausnahmen sind streng begrenzt. Selbst wenn es als „Evakuierung“ bezeichnet wird, muss die Umsiedlung vorübergehend sein, und die Zivilisten müssen nach Beendigung der Feindseligkeiten zurückkehren können, so die Menschenrechtsorganisation.

Staus auf den Autobahnen

Panik löste die Aussage des rechtsextremen israelischen Ministers Bezalel Smotrich aus, Beiruts südliche Orte würden „bald Chan Junis ähneln“. Die Stadt im südlichen Gazastreifen liegt durch israelische Flächenbombardierungen in Trümmern.

Im Libanon kam es zu Staus, vor allem auf der Autobahn an der Küste, in der Hauptstadt Beirut und in die östliche Bekaa-Ebene Richtung Damaskus. Autos voller Familien drängten sich neben Krankenwagen und Lkws. Menschen flohen zu Fuß aus den südlichen Vierteln Beiruts – Tüten und Taschen mit ihren Habseligkeiten in den Händen.

Die libanesischen Behörden hatten rund 400 Notunterkünfte einrichten lassen, die meisten in öffentliche Schulen. 357 davon wurden am Donnerstag als „voll“ gemeldet. Die libanesische Regierung hat am Montag alle militärischen Aktivitäten der Hisbollah verboten und Zuwiderhandlungen offiziell unter Strafe gestellt.

Seit dem Waffenstillstandsabkommen am 27. November 2024 hat Israel den Libanon täglich angegriffen. Die UN Mission Unifil zählte über 10.000 Luft- und Bodenangriffe während des offiziellen „Waffenstillstands“. Bis zum 24. November 2025 wurden bei diesen Angriffen mindestens 127 Zi­vi­lis­t*in­nen im Libanon getötet, zählte das UN-Büro für Menschenrechte (OHCHR). Die Hisbollah hatte in dieser Zeit bis zu Sonntagnacht keine Raketen auf Israel abgefeuert.

Nach internationalem Recht sind bewaffnete Gruppen wie die Hisbollah verpflichtet, Kämpfer, Munition, Waffen und militärische Infrastruktur nicht in dicht besiedelten Gebieten zu platzieren. Die Anwesenheit solcher militärischen Ziele entbindet das israelische Militär aber nicht von der völkerrechtlichen Verpflichtung, wahllose oder unverhältnismäßige Angriffe zu vermeiden und Zivilpersonen zu verschonen – auch diejenigen, die das Gebiet nach einer Evakuierungsaufforderung nicht verlassen.

Die Nachrichtenagentur dpa meldet am Freitagmorgen, die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz im Libanon habe die Bewohner im Norden Israels zum Verlassen des Gebiets aufgerufen. Die Angriffe der israelischen Armee im Libanon würden „nicht ohne Reaktion bleiben“, drohte die Schiiten-Organisation. Sie rief dazu auf, alle israelischen Siedlungen innerhalb von fünf Kilometern von der Grenze entfernt zu räumen. Es war die erste Warnung der Miliz dieser Art seit Ausbruch der neuen Gewalt.

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