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Konflikt zwischen Ungarn und der UkraineSelenskyjs verbale Entgleisungen

Kommentar von

Barbara Oertel

Wolodymyr Selenskyj droht Viktor Orbán, ein paar seiner Soldaten bei ihm vorbeizuschicken. Das könnte dem ungarischen Premier gerade gelegen kommen.

Je länger der Krieg dauert, desto mehr verliert Wolodymyr Selenskyj die Contenance

D ass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj keine Sympathien für Viktor Orbán hegt – wer wollte ihm das verdenken. Ungarns Regierungschef antichambriert bei Russlands Präsidenten Wladimir Putin, wo immer es geht.

Große politische Schnittmengen zwischen den beiden, verbunden mit der Aussicht auf russische Energielieferungen an Budapest, machen es möglich. Demgegenüber zieht Orbán jedes Register, um Entscheidungen der EU, die der kriegsgebeutelten und in ihrer Existenz bedrohten Ukraine helfen könnten, per Veto zu stoppen.

Entsprechend schlecht ist es um die ungarisch-ukrainischen Beziehungen bestellt, es herrscht quasi Dauerfrost. Doch was wir in den vergangenen Wochen erleben, zeigt, dass unter der Gürtellinie offensichtlich noch eine Menge Platz ist. Bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz im Februar attackierte Selenskyj den Freund des Kremlchefs mit der Feststellung, Orbán konzentriere sich darauf, seinen Bauch wachsen zu lassen, anstatt die Armee zu stärken. Noch abgründiger wurde es dann an diesem Donnerstag. Da avisierte Selenskyj Orbán, ihm ein paar seiner Soldaten vorbeizuschicken, um Orbáns Blockade eines 90-Milliarden-Euro-Kredits der EU detailliert zu erörtern.

Absolut ungeeignet

Auch wenn Selenskyjs Frust nachvollziehbar ist – solche Einlassungen sind total kontraproduktiv. Sie beschädigen nicht nur die Führungsspitze der Ukraine, sondern könnten das Land als Ganzes in Misskredit bringen. Auch sind sie absolut ungeeignet, um sich bei EU-Staaten zu empfehlen, die einer weiteren Unterstützung Kyjiws skeptisch gegenüber stehen.

Last but least: Selenskyjs verbale Entgleisungen könnten eine willkommene Wahlkampfhilfe für Orbán sein. Das zeigen die Stellungnahmen des Oppositionspolitikers Péter Magyar, der ebenfalls nicht mit Kritik an Selenskyj sparte. Magyar kann sich berechtigte Hoffnungen machen, die Parlamentswahl am 12. April zu gewinnen. Doch auch ein weiteres Mandat für Orbán ist nicht ausgeschlossen. Das kann niemand ernsthaft wollen. Auch Wolodymyr Selenskyj nicht.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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