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Karin Prien über GleichstellungScheinheilige Frauenministerin

Eva Fischer

Kommentar von

Eva Fischer

Am Frauentag plädiert die CDU-Politikerin dafür, dass mehr für Gleichstellung getan werden muss. Als Frauenministerin handelt sie allerdings anders.

CDU-Frauenministerin Karin Prien: Missstände bemängeln und gleichzeitig Gelder für feministische Projekte streichen Foto: Jens Büttner/dpa

A m 8. März, dem Internationalen Frauentag, reist Frauenministerin Karin Prien nach New York, um vor der UN-Frauenrechtskommission zu sprechen. Vorab warnte die CDU-Politikerin vor Rückschritten bei der Geschlechtergleichstellung. Die Umsetzung der Gleichberechtigung sei Verfassungsauftrag, sagte sie beispieslweise der Rheinischen Post. In Sachen Gleichberechtigung sei „durchaus noch Luft nach oben“. Als besonders ausbaufähig machte sie die Zahl der Frauen in Führungspositionen aus.

Man hört diese Worte – und staunt. Befinden wir uns in einem Paralleluniversum? Denn diese Aussagen decken sich kein bisschen mit Priens Politik. Am vergangenen Donnerstag wurde bekannt, dass das Frauenministerium nach neun Jahren seine Fördergelder für den Verein ProQuote Medien einstellt. ProQuote beobachtet, analysiert und veröffentlicht den Anteil von Frauen in Führungspositionen im Journalismus. Dadurch wird sichtbar, wie unterrepräsentiert Frauen dort sind, wie die Machtverhältnisse in den Medien zugunsten von Männern ausfallen, was wiederum fatal für Demokratie und Gesellschaft ist. Die Arbeit von ProQuote erhöhte den Druck innerhalb der Branche, sodass bis 2022 immer mehr Frauen in Führungspositionen aufrückten. Seitdem sinkt die Zahl wieder. Ohne die Förderung des Frauenministeriums ist es schwierig für den Verein, seine Arbeit fortzuführen. Zumal zusätzlich der Backlash bekämpft werden muss.

Auch dem Feministischen Juristinnentag wurden die Gelder gestrichen. Er findet seit 1978 jährlich statt. Dort vernetzen sich Frauen, debattieren aktuelle Rechtsfragen, entwickeln eine feministischere Rechtsordnung. Im vergangenen Jahr hatte das Frauenministerium bereits einen Hilfsfonds für sexuelle Missbrauchsopfer gestrichen. Das alles passiert zu einer Zeit, in der weltweit Gelder für Entwicklungspolitik gestrichen werden – und das trifft vor vor allem Mädchen und Frauen.

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Anders als von Prien dargestellt, liegt Deutschland als eine der führenden Industrienationen der Welt und größte Volkswirtschaft der EU bei der Gleichstellung gar nicht so weit vorn. Beim Gleichstellungsindex des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen schneidet Deutschland nämlich unterdurchschnittlich ab. Auf den Arbeitsmarkt bezogen landet das Land auf dem drittletzten Platz. Die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben bedeutet EU-weit einen volkswirtschaftlichen Verlust von 390 Milliarden Euro pro Jahr, schreibt die EU-Kommission in ihrer Gleichstellungsstrategie. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt von Dänemark, einem der wohlhabendsten EU-Länder.

Statt vor ihrer Männer-CDU zu kuschen, indem sie feministische Förderungen streicht, um dann zum Weltfrauentag scheinheilige Aussagen zu treffen, sollte Prien ihren männlichen Kollegen daher besser klarmachen, dass Gleichstellung auch eine Maßnahme für Wirtschaftswachstum ist. Vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, Männer zum Zuhören zu bewegen. Aber womöglich geht es einer CDU unter Friedrich Merz, oh Wunder, ja auch gar nicht um eine florierende Wirtschaft zwecks Wohlstandssicherung für alle. Sondern nur darum, die Privilegien einer kleinen, männlichen Gruppe zu bewahren. Peinlich, dass sich Prien dafür hergibt.

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Eva Fischer
Chefin vom Dienst
Jahrgang 1989; seit Anfang 2025 bei der taz, derzeit als Nachrichtenchefin und Chefin vom Dienst bei taz.de. Vorherige Stationen: u.a. EU-Korrespondentin in Brüssel beim Handelsblatt, Redakteurin für Internationale Politik beim Tagesspiegel, Redakteurin bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Wirtschaftspsychologie-Studium mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie und dem Nebenfach Politikwissenschaft, Besuch der Holtzbrinck-Journalistenschule, gelernte Medienkauffrau Digital und Print beim Spiegel-Verlag.
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4 Kommentare

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  • Die Kürzung beim Fonds Sexueller Missbrauch finde ich am Schlimmsten. Der deutsche Juristinnentag und der Verein ProQuote bekommen es vielleicht irgendwie noch anders finanziert (ich will das nicht kleinreden und finde die Kürzungen auch falsch).



    .



    Aber Menschen, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben, ob in Familien oder Institutionen? Diesen Leuten geht es oft noch als Erwachsene so dramatisch schlecht, dass sie die Unterstützung des Fonds dringend brauchen. Völlig unabdingbar. Das ist einfach eine Verachtung gegenüber diesen vulnerablen und verletzten Personen, diese Unterstützung ersatzlos zu streichen. (Sachleistungen konnten davon bezahlt werden, z.B. zusätzliche Therapiestunden, eine Therapiehund-Ausbildung, ein Umzug in eine sicherere Umgebung.) Ein schlechtes Zeichen für eine Gesellschaft, wenn wieder mehr Leute als Entbehrliche gelten.



    .



    Wofür will Karin Prien als Frauenministerin in Erinnerung bleiben? Warme Worte und Kürzungen bei feministischen Anliegen?

  • "Aber womöglich geht es einer CDU unter Friedrich Merz, oh Wunder, ja auch gar nicht um eine florierende Wirtschaft zwecks Wohlstandssicherung für alle. Sondern nur darum, die Privilegien einer kleinen, männlichen Gruppe zu bewahren."



    Wofür wahrscheinlich zahlreiche Fakten z. Sozialisation u. vielfältige politische Aktivitäten der entsprechend adressierten "Riege" als Argumente herangezogen werden könn(t)en.



    Zumindest fällt es schwer, Verfechter der Frauenrechte als Nachfolg_er v. Frau Professor Süssmuth zu benennen.



    "Die Feministin Rita Süssmuth



    Mit Mut und Resilienz



    Mit Rita Süssmuth ist die vermutlich letzte Feministin der Bundes-CDU gestorben. Sie platzierte Frauenpolitik dort, wo sie hingehört: im Bundestag."



    2.2.26 in der taz



    "Und leitete ein, was man bald als den leidigen „Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.



    Das führte zu heftigen Auseinandersetzungen, insbesondere mit Kanzler Helmut Kohl, der sie zwar als Familienministerin berufen hatte, wohl aber nicht ahnte, dass sich Süssmuth mit einer bis dahin in der Bundespolitik unbekannten weiblichen Selbstermächtigung zur ersten bundesdeutschen Frauenministerin machen würde. Als diese provozierte sie die Konservativen..."

  • Der vorletzte Satz fast die Politik der Merz-Lobbyisten-Union perfekt zusammen.

  • Das ist nicht überraschend. Solches Verhalten ist passend zu allem Bestreben der csdU sich konservativ zu verhalten. Alles was auch nur entfernt nach Fortschritt, nach Moderne aussieht, das ist des Teufels. Gerne vertuscht man das nach außen mit schönen Worten, bewegt sich jedoch in entgegengesetzte Richtung, nämlich in die Vergangenheit. Die Wirtschaft soll mit Mitteln des vorigen Jahrhunderts angekurbelt werden, gesellschaftliche Reformen gibt es nicht und schon gar nicht für Frauen. Der §218 bleibt wie er seit Ewigkeiten ist, Arbeitnehmer*innen haben zu gehorchen und zu schuften, das Klima wird geschützt - aber nur wenn es der Wirtschaft nicht schadet. Das alles sind Vorstellungen, die mindestens 100 Jahre alt sind.