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Springer übernimmt „Telegraph“Pfoten-Versuch in UK

Springer kauft den „Telegraph“ und will in „bar“ zahlen. Wenigstens geht das Blatt nicht an Larry Ellisons Pro-MAGA-Truppen aus den USA.

London, Bahnhof St. Pancras: Hier hält der Eurostar mit seinen Besuchern aus der Berliner Rudi-Dutschke-Straße Foto: Alexey Fedorenko/pond5/imago

D a dürfte sich Dr. Döpfner letzte Woche aber mehr als eine Flasche Black Print hinter die Binde gekippt haben. Nach einer fetten Abfuhr vor über zwanzig Jahren und ein paar weiteren vergeblichen Versuchen ist der Londoner Daily Telegraph bald under new Management. From Germany, aus der Rudi-Dutschke-Straße, was den Briten wahrscheinlich nicht ganz so viel sagt.

Für schlappe 575 Millionen Pfund kauft Springer die „Bibel der Konservativen“ auf der Insel und zahlt bar. Nun fahren Mathias Döpfner und Friede Springer natürlich nicht mit Köfferchen und kleinen Scheinen im Eurostar rüber. Würde beim Zoll auch komisch nach Geldwäsche aussehen. Bar bedeutet ja bloß, dass die Verkäufer keine Aktien oder Anteile von Springer kriegen. Weil der Großkotzkonzern ja mittlerweile wieder ein kleines, feines Familienunternehmen ist. Und eine gut gefüllte Kriegskasse hat.

Vor 20 Jahren spielte beim missglückten Versuch, den Telegraph zu kaufen, vielleicht auch ’ne Rolle, dass zumindest viele Telegraph-Pensionäre noch fehlerfrei „Mr Hitler, we’re hanging your washing on the Siegfried line“ singen konnten. Weshalb ein deutsches Unternehmen als Eigentümer im britischen Establishment auch 60 Jahre nach Kriegsende nicht so willkommen war.

Wie gut auch, dass der heutige Dr. Döpfner nicht derselbe ist wie vor ein paar Jahren. Damals hatte ein Springer-Vorstandschef namens Dr. Döpfner noch erklärt, Springer werde nie mehr eine gedruckte Zeitung erwerben.

Wobei sich Döpfner hier nur zu gedulden braucht. Der Telegraph rückt wie die meisten Londoner Qualitätszeitungen schon seit Jahren keine Auflagenzahlen mehr raus. Denn das Ende von „Black Print“ auf Papier naht auch im Vereinigten Königreich. Lustig, wenn der Telegraph ausgerechnet unter Döpfner die taz macht und die gedruckte Auflage drangibt.

Besser Springer als MAGA

Zum Kauf erging sich Springer in schönster Verlegerverantwortungslyrik. „Wir wollen den Telegraph weiterentwickeln, dabei seinen unverwechselbaren Charakter und sein Erbe bewahren und dazu beitragen, ihn zum meistgelesenen und intellektuell inspirierenden, bürgerlich-konservativen Medium der englischsprachigen Welt zu machen“, salbadert Mathias C. Döpfner. Und erinnert daran, dass Übervater Axel C. Springer ja nach dem Krieg mit einer britischen Lizenz gestartet war.

„Mich erinnert es an den Versuch, ‚Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, dass du unser liebes Mütterchen bist.‘ Hoffentlich sind seine neuen Wackersteine genießbar“, meint die Mitbewohnerin.

Aber besser, der Telegraph geht an Springer, als an Larry Ellisons Pro-MAGA-Truppen aus den USA. Denn die standen hinter den Kulissen auch schon Schlange. Auch dass der ohnehin zu mächtige Daily-Mail-and-General-Trust-Konzern nicht zum Zuge kommt, ist gut. Denn der vergiftet mit seinen rechtskonservativen Kampfblättern für die nicht ganz so gebildeten Stände das politische Klima in UK noch professioneller als Bild hierzulande.

Springer kann in London dann auch gleich eine neue „Premium-Group“ aufmachen, denn Politico gibt es in Großbritannien ja auch schon etwas länger. Was die Frage aufwirft, ob Helge Fuhst eigentlich gut Englisch kann. Wir heben also unser Glas Black Print und wünschen „good luck“!

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Steffen Grimberg
Medienjournalist
2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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