5 dinge, die ich von jürgen habermas gelernt habe:
1 Briefe bleiben
Als mein Großvater an Jürgen Habermas schrieb, saß er vermutlich am Schreibtisch und tippte in seine silberne Olympia. Mein Großvater war Professor der Theologie. Mit Habermas tauschte er sich beruflich aus – gelegentlich auch in Briefwechseln. Einen dieser Briefe, datiert auf 1973, zog meine Mutter nach Habermas’ Tod aus dem Familienarchiv. Die Zeilen zum Verhältnis von Religion und Soziologie konservieren eine Zeit, in der ich noch lange nicht geboren war. Sie erinnern mich daran, dass Briefe etwas Bleibendes sind, auch über den Tod hinaus.
2 Die Klügere gibt nicht immer nach
Zurückhaltung mag eine Tugend sein. Doch für das eigene Argument einzustehen, ist vielleicht das bedeutendste Erbe eines Denkers, der Streitfähigkeit zum Gradmesser der Demokratie erklärte. Auch der Tendenz zum „People Pleasing“ lässt sich so radikal entgegentreten, gerade als junge Frau in männlich dominierten Gesprächssituationen. Denn Widerstand ist nie zwecklos.
3 Ausgehen lohnt sich
Verabredungen absagen war wohl nie leichter als heute: „Sorry, ich brauche heute Me-Time.“ Was dabei rar wird, ist die Erfahrung geteilter öffentlicher Räume. Habermas sprach vom Kaffeehaus als Begegnungsort der bürgerlichen Öffentlichkeit; sie zu beleben, hielt er für existenziell. Ein Gedanke, den wir in die Kaffeehäuser unserer Zeit tragen sollten, in die Eckkneipen und Spätis, wo sich Gespräche zu Debatten und Abende zu Nächten verlängern. Wir müssen nur das Haus verlassen.
4 Sprache ist mächtig
Lehrer oder Lehrer:in? Wer spricht, setzt sich in Beziehung zur Welt. Wortwörtlich und zwischen den Zeilen schafft Sprache eine geteilte Wahrheit. Für Habermas war Kommunikation der Schlüssel zum Denken. Aber so, wie das Denken nie geradlinig verläuft, muss auch Sprache als wandelbar begriffen werden, als Prozess, den wir nicht als Einzelne, sondern als Gesellschaft durchlaufen. Das Bewusstsein für die Macht von Worten ist Ausdruck von Solidarität.
5 Es geht nur gemeinsam
Wo eine Stimme laut wird, stimmt eine andere mit ein. Habermas’ Lebenswerk ist nicht nur Philosophie, es ist gelebter Diskurs – und ein Ankämpfen: gegen die Schreckensherrschaft autoritärer Regime, gegen die ideologische Gleichschaltung und auch gegen die Vereinzelung. Denn nur im kollektiven Erörtern, in der Zustimmung wie im Widerspruch, können wir uns als Gesellschaft begegnen. Nur gemeinsam können wir denken und lernen. „Bildet Banden“, steht auf Postern in den WG-Zimmern meiner Freund:innen. Darin steckt viel Wahrheit – und, wenn man so will, auch Habermas. Ella Rendtorff
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