: DerTodeskampfder fossilen Wirtschaft
Dass die Energiewende nicht mehr zu stoppen ist, leugnen nur die, die von deren Scheitern profitieren wollen. Wind- und Solarenergie wachsen heute schneller als alles andere
Von Claudia Kemfert
Manche Menschen meinen, die Lage sei ernst und hoffnungslos. Klimaberichte, die präziser werden und düsterer. Eine geopolitische Ordnung, in der Öl und Gas nicht nur Energiequellen sind, sondern Machtinstrumente, mit denen Kriege finanziert und Demokratien unter Druck gesetzt werden. Manche meinen sogar, die alte fossile Ordnung erlebe gerade ihren zweiten Frühling: Öl- und Gasdeals mit Autokraten, neue LNG-Terminals, die viel und laut beschworene Renaissance der Atomkraft, der betörende Ruf nach Brückentechnologien und wie als Echo darauf erschütternde Wahlergebnisse, die zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung lieber die Wirklichkeit wechselt als die Gewohnheiten.
All das führt zu einer fatalen Lähmung. Denn leider haben Dystopien eine verführerische Logik. Sie entbinden uns von der Pflicht zur Entscheidung. Wer überzeugt ist, dass es zu spät ist, muss nichts mehr tun. Und wer glaubt, die Fossilokratie, also jenes Geflecht aus fossilen Interessen, das nicht nur Märkte, sondern Gesetzgebung, Medien und außenpolitische Bündnisse durchdringt, sei eine Art göttlicher Wille, kann sich seiner Ohnmacht hingeben wie dem schlechten Wetter: unangenehm, aber nicht zu ändern. Welch ein Irrtum!
Denn die fossile Ordnung ist nicht stark. Sie ist laut. Das ist ein Unterschied. US-Präsident Donald Trumps Rückzug aus dem Pariser Abkommen, Präsident Javier Mileis Abwicklung des argentinischen Umweltministeriums, der russische Gaskrieg gegen Europa: Das sind keine Zeichen eines Systems in seiner Blüte. Das sind die Zuckungen eines Systems, das spürt, wie sein Fundament wegbricht. Raubtiere kämpfen am wildesten, wenn sie verlieren. In Wahrheit erleben wir nicht den Triumph der fossilen Wirtschaft, sondern ihren Todeskampf, den Moment also, in dem ein tödlich verwundetes Raubtier noch einmal alles mobilisiert, was ihm bleibt: Zähne, Krallen, Gebrüll, Gewalt.
Hinter der scheinbaren Blüte der Fossilokratie steckt kein geheimer Masterplan dunkler Mächte, sondern eine über anderthalb Jahrhunderte gewachsene Struktur: ein dichtes Geflecht aus Infrastruktur, Subventionen, politischen Routinen, Konzerninteressen und geopolitischen Abhängigkeiten. Ein System, das sich selbst stabilisiert, auch dann noch, wenn es ökonomisch und physikalisch längst am Ende ist. Weil es Kriege, Desinformation und autoritäre Politik hervorbringt, um noch ein paar Jahre länger von der Beute der Vergangenheit zu zehren.
Die fossilen Raubtiere verlieren. Und sie wissen es. Solarstrom ist heute die effizienteste Energiequelle, die die Menschheit je hatte. Günstig. Schlicht und ökologisch. China baut in einem einzigen Jahr mehr erneuerbare Kapazität auf als die Europäische Union in einem Jahrzehnt. In Pakistan, einem Land, das man nicht zu den Vorreitern der Klimapolitik zählen würde, haben Solaranlagen innerhalb weniger Jahre die Abhängigkeit von teuren Gasimporten überwunden. In Deutschland gibt es Tage, an denen erneuerbare Energien mehr als hundert Prozent des Strombedarfs decken. Die Energiewende ist kein Versprechen. Sie ist eine Tatsache, die nur von denen geleugnet wird, die von ihrem Scheitern profitieren wollen.
Wie gelingt das? Durch eine Kurzschlussstrategie: Man „löst“ ein Problem mit den Mitteln, die es verursacht haben. Als Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine über Nacht seine Gasabhängigkeit überwinden musste, baute es in Rekordtempo neue Flüssiggasterminals. Genau wie nach dem Ölschock der 1970er Jahre wechselte man die Lieferanten, nicht die Abhängigkeit. Das fossile System wurde nicht überwunden. Es wurde verlängert und mit neuen Verträgen abgesichert. So verständlich der Reflex, so widersinnig das Ergebnis. Denn fossile Abhängigkeit heißt politische Erpressbarkeit – von Russland, von Golfstaaten, von globalen Konzernen.
Dabei liegt das Geld für eine andere Energiezukunft längst auf dem Tisch. Es fließt nur in die falsche Richtung. Kreuzfahrtkonzerne zahlen keine Energiesteuer auf Schiffsdiesel. Kerosin ist steuerfrei. Fossile Subventionen übersteigen in Deutschland die Förderung der Erneuerbaren um ein Vielfaches.
Man kann die Energiewende hassen und verzögern oder sie mögen und gestalten – aber wegdebattieren kann man sie nicht. Weltweit wachsen Wind- und Solarkapazitäten schneller als jede andere Form der Energieerzeugung. Wer heute noch behauptet, wir stünden am Anfang eines gefährlichen Experiments, verwechselt Ursache und Wirkung: Das Experiment war das fossile Zeitalter. Die Energiewende ist die Reparatur.
Die seit Jahrzehnten verzögerte Transformation hat Deutschland nicht geschützt, sondern geschwächt. China und Deutschland haben die Rollen getauscht: Das einstige Billiglohnland führt heute die Märkte für Solartechnik, Batterien und Speicher, während die stolze Made-in-Germany-Nation über Lohnkosten redet statt über Technologieführerschaft. Die Wärmewende ist ein Paradebeispiel für diesen Konflikt. Kaum ein politisches Projekt wurde in den letzten Jahren so aggressiv als Angriff auf das „Lebenswerk“ kleiner Hausbesitzenden geframt. Dabei ist das Gegenteil richtig: Wer ein Haus besitzt, dessen Heizung an Öl und Gas hängt, sitzt buchstäblich auf einer Zeitbombe – nicht nur klimapolitisch, sondern ökonomisch. Preissteigerungen und Lieferkrisen treffen zuerst diejenigen, deren Wärmeversorgung fest an fossile Importe gekettet ist. Wärmepumpen, Dämmung und Quartierslösungen sind deshalb nicht der Abriss des Lebenswerks, sondern sein Schutz.
Die Fossilokratie weiß das. Und sie weiß, dass sie verloren hat, wenn sich diese Perspektive durchsetzt. Deshalb werden Ängste geschürt: vor Kosten, vor Technik, vor Bürokratie. Deshalb wird so getan, als ginge es um die Frage, ob die Heizungsindustrie überlebt, nicht darum, ob Menschen in zehn oder zwanzig Jahren ihre Häuser noch bezahlbar warm bekommen. Der Todeskampf des alten Systems vollzieht sich nicht im offenen Bekenntnis. Er tarnt sich als Verteidigung der kleinen Leute. Tatsächlich verteidigt er aber vor allem die Renditen derer, die an fossilen Lieferketten verdienen.
Ähnlich verhält es sich mit der Verkehrswende. Wenn Debatten auf „Verbrenner gegen E-Auto“ verengt werden, wirkt das wie eine technische Geschmacksfrage. In Wahrheit geht es um Demokratie und soziale Teilhabe. Mobilität entscheidet darüber, wer Zugang zu Bildung, Arbeit, Kultur hat, wie viel Zeit Menschen in Staus oder in überfüllten Bussen verlieren, wem der Straßenraum gehört. Ein fossil getriebener Verkehr zementiert eine Ordnung, in der Autoabhängigkeit zur Eintrittskarte ins gesellschaftliche Leben wird – und alle, die sich dieses Ticket nicht leisten können oder wollen, an den Rand gedrängt werden. Die Menschen klammern sich nicht an den Verbrenner, sie kämpfen um ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft.
Die Fossilokratie lebt von diesen Abhängigkeiten: Pendlerinnen, die ohne Auto nicht zur Arbeit kommen; Kommunen, deren Infrastruktur auf Durchgangsverkehr ausgerichtet ist; Industrien, die an Spritverbrauch, Asphalt und Parkflächen hängen. Wer Mobilität nur als Technikfrage diskutiert, überlässt diese Machtfrage denen, die von genau dieser Abhängigkeit profitieren. Eine echte Verkehrswende – mehr öffentlicher Nahverkehr, sichere Radwege, kompaktere Städte, weniger Zwang zum Pendeln – ist deshalb immer auch eine Demokratisierungs- und Sozialreform. Sie nimmt Macht von Konzernen und Autokraten und gibt sie den Kommunen und den Menschen zurück.
Auch dezentrale Energie ist mehr als eine technische Option. Sie ist eine Frage der Machtverteilung. Jede Solaranlage auf einem Dach, jedes Bürgerwindrad, jedes energieautarke Quartier schneidet ein kleines Stück aus dem Einflussbereich dieses verwundeten Raubtiers heraus. Je weniger Energie durch wenige, hochkonzentrierte Knoten von Pipelines, Tankern und Großkraftwerken fließt, desto weniger Hebel haben diejenigen, die diese Knoten kontrollieren. Die viel beschworene „Energiesouveränität“ ist kein nationalistisches Projekt, sondern ein demokratisches: Sie entsteht dort, wo viele Menschen gemeinsam über die Infrastruktur verfügen, von der ihr Alltag abhängt.
Aber der größte Kurzschluss ist und bleibt, den Todeskampf der Fossilokratie für das eigene Sterben zu halten, für etwas Unabwendbares, dem wir ausgeliefert sind wie einer höheren Macht. Unser Problem ist nicht die Ohnmacht. Es ist die Frage, die wir stellen. Nicht „Schaffen wir es noch?“, sondern „Was genau hält uns auf?“. Und dann bemerken, dass die Antwort keine Naturgewalt ist, sondern eine politische Entscheidung.
Wendepunkte gehorchen einer anderen Logik als Kipppunkte im Klimasystem. Sie sind nicht vorherbestimmt. Sie entstehen, wenn genug Menschen aufhören zu warten und anfangen zu handeln. In Bürgerenergiegenossenschaften. Bei kommunalen Entscheidungen und der Wahl von Heizung, Auto, Stromtarif. Nicht weil eine gute Tat die Welt rettet, sondern weil sie Teil einer Bewegung wird, die größer ist als die Summe ihrer Teile. Das Gegenmittel gegen die Lähmung ist nicht Optimismus als Gefühl. Es ist Handeln als Entscheidung. Die Energiezukunft ist offen. Offen bedeutet: unentschieden. Unentschieden bedeutet: Es liegt an uns.
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