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Zusammenarbeit von Union und AfDIm Notfall mit der AfD

Sabine am Orde

Kommentar von

Sabine am Orde

Radikal Rechte mit Mehrheiten mit radikal Rechten bekämpfen zu wollen, ist verrückt. Und trotzdem hat die EVP-Fraktion es erneut versucht.

Manfred Weber (CSU) auf der Feier zum 50-jährigen Besehen der Europäischen Volkspartei (EVP) Foto: Markus Lenhardt/dpa

A m Mittwochabend hätte Manfred Weber die Dinge gerade biegen können. Bei einer Feier zum 50-jährigen Bestehen der EVP, dem Zusammenschluss konservativer Parteien in Europa, hielt der Vorsitzende eine Rede. Weber hätte sich entschuldigen und versprechen können, dass es künftig keine Zusammenarbeit mit den radikal Rechten mehr geben wird. Aber das tat der CSU-Mann nicht. Im Kampf gegen die „Rechtspopulisten“ sei entscheidend, dass die EVP ihre Wahlversprechen erfülle, sagte Weber. Deshalb sei die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten „nicht exklusiv“.

Webers Strategie: Wenn man links von der EVP nicht mitspielt, dann sucht man eben zudem künftig Mehrheiten rechts, auch mit der AfD. Eine „strukturierte Zusammenarbeit“ aber solle es weiterhin nicht geben. Diese fein ziselierte Formulierung soll bedeuten: Zustimmen dürfen die radikal Rechten, Einfluss nehmen aber nicht.

Die radikal Rechten mit Mehrheiten mit radikal Rechten bekämpfen zu wollen, das ist schon verrückt genug. Recherchen der dpa zeigen, dass diese einschließlich der AfD – in einer Chatgruppe auf Mitarbeiterbene und bei einem persönlichen Treffen mit Webers französischem Stellvertreter – bei der Gesetzgebung eben doch mitreden durften.

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Das ist für die Demokratie nicht nur höchst gefährlich, sondern widerspricht dem Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU sowie zahl- und wortreichen Versprechen von Bundeskanzler Friedrich Merz, die eine Zusammenarbeit und Absprachen mit der AfD ausschließen. Dass Weber von alldem nichts gewusst haben will, macht die Sache nicht besser. Entweder ist das nicht die ganze Wahrheit – oder die Fraktion unterläuft Webers Vorgaben. So oder so ist das problematisch.

So werden die Positionen und die Wirkmächtigkeit der AfD normalisiert

Kurzfristig hat die Union im Bund von Webers Strategie profitiert. Asylrechtsverschärfungen, Verschiebung der Entwaldungsverordnung und den Abbau des Lieferkettengesetzes, alles mit rechten Mehrheiten verabschiedet, konnte sie hierzulande als Erfolg der eigenen Linie verkünden. Langfristig aber arbeitet die Union so an ihrer eigenen Zerstörung mit.

Denn natürlich wird die AfD mittelfristig Gesetzentwürfe der EVP nicht einfach durchwinken – sondern verstärkt eigene Forderungen durchsetzen wollen. So werden die Positionen der AfD weiter normalisiert und die Wirkmächtigkeit der Partei wird deutlich erhöht. Das steigert die Attraktivität für Wähler*innen. Der Druck auf die Union wird so weiter wachsen und die inneren Fliehkräfte werden es auch.

Auch dass Merz’ klare Worte („Wir missbilligen das“) offenbar keine Folgen haben, gibt Anlass zur Sorge. Denn wenn man nicht nur in den Kommunen, sondern auch in der EU ohne Konsequenzen fröhlich Löcher in die Brandmauer schießen darf – wie soll diese dann auf Landesebene halten, wenn es nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hart auf hart kommt? Es stimmt zwar: Die Brandmauer birgt eine Menge Probleme. Aber eine bessere Methode, die AfD von der Macht fernzuhalten, gibt es bislang nicht.

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Sabine am Orde
Innenpolitik
Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.
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20 Kommentare

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  • ⛔️ Alle, von uns Wählern legitimierten Parlamentarier, die zu der Grundordnung unserer Demokratie stehen und sich dieser zur Einhaltung verpflichtet erklärt haben, sind spätestens jetzt aufgefordert im Sinn & Interesse der demokratischen Bürger, nicht nur aus Deutschland, sondern für die Demokraten der gesamten Europäischen Union politische Konsequenzen zu ziehen und politisch tätig zu werden. Allen zu weit rechts tendierenden politischen Kräfte muss umgehend entgegengewirkt werden. Frau Ursula von der Leyen und ihr Herr Manfred Weber müssen umgehend in ihrem antidemokratischem handeln gestoppt werden. Hier sind unsere demokratischen Parlamentarier und unser Bundeskanzler gefordert, alles umgehend zu unternehmen, was unsere demokratische Grundordnung schützen und aufrecht erhalten kann



    Herr Weber muss die Konsequenzen für seine, vermutlich nicht unbeabsichtigte Verantwortungslosigkeit ziehen MÜSSEN.

  • Die Grünen haben im Europaparlament vor kurzem auch mit den Rechtsextremen gestimmt. Trotzdem würde ich nie behaupten, dass die Grünen im braunen Sumpf versinken.

  • Wenn es seien muss, interessiert sich doch keiner mehr für die Brandmauer! Alle haben ja schon mit der Afd gestimmt, egal ob Grüne, Spd oder CdU. Und hinterher gab es immer peinliche Ausreden.



    Und nach den Wahlen im Herbst wird es bestimmt richtig traurig mit den Ausreden!

  • taz: *Zusammenarbeit von Union und AfD - Im Notfall mit der AfD*

    "Wer die AfD stoppen will, muss die CDU/CDU stoppen", lese und höre ich jetzt des Öfteren - und das wird wohl stimmen.

  • Wenn die evp sich für mehr Zuwanderung einsetzen will, geht das in Koalition mit Grünen und Sozialisten. Wenn die evp weniger Migranten aufnehmen will, geht das nicht in Koalition mit Grünen und Sozialisten.

    So einfach ist das.

  • Normalerweise sollte man im Notfall Maßnahmen treffen, den Notfall wieder zu beseitigen.



    Warum man im Notfall etwas tut, die Not noch zu vergrößern, erschließt sich mir nicht - aber ich bin weder Politiker noch Konzernchef oder ein sonstiger Darfichnichtsagen.

  • das größte problem ist die ideologische schnittmenge zwischen union und den rechtsextremen. die vertragen sich zum großen teil politisch besser miteinander, als schwarz/rosarot. man konnte das schon bei der nichtwahl von frau brosius-gersdorf beobachten. oder an der relativierung eines rechtsextremen medienportals durch frau klöckner.

  • Im Notfall mit der AfD.

    Natürlich. Haben doch die Grünen bei der Ablehnung des Mercosur Vertrages vorgemacht.



    Ich bringe meine Vorstellungen ein und wenn die AfD zustimmt, schön für mich. Das passt wem nicht? Dessen Problem, nicht meins.



    Die Idee meine eigenen Ideen hinten anzustellen, nur weil die AfD zustimmen könnte ist dämlich! Haben die Grünen / Linken schon lange erkannt und langsam auch die Rechten.



    Sorgt natürlch in den Redaktionsstuben und Foren für Aufregung, aber die Zeiten des "Quod licet Iovi, non licet bovi" sind rum.

  • Das sind ungeheuerliche Entwicklungen, die freilich vorhersehbar waren, doch es wird so weitergehen, bis zu tatsächlichen Koalitionen. Bevor die EVP, csdU oder andere auf die Möglichkeit verzichten irgendwie an Macht zu kommen, werden sie diesen Schritt gehen. Inhaltlich unterscheidet beide Seiten ohnehin kaum noch etwas. Dass dieses Aufwerten von Faschisten sehr üble Folgen haben wird, das zeigt die Vergangenheit in D und die Gegenwart in den USA - und dennoch machen auch und gerade die deutschen Protagonisten fleißig mit am Abbau der Demokratie.

    • @Perkele:

      Naja, wenn man die Forderungen der europäischen und deutschen Mehrheit in die AfD Ecke schiebt, ist das irgendwie auch ein hausgemachten Problem...

  • Die CDU wird wohl in diesem braunen Sumpf versinken, genau wie die AfD es geplant hat. Der demokratische Teil, nach seiner Abspaltung, kommt dann nicht mehr über die 5%-Hürde. Als Gegenreaktion auf die meist unsinnigen, teuren und menschenverachtenden Neuregelungen, welche die marktradikale und rassistische AfD sicher einführt, wird ein großer Teil der rationalen Mitte weiter nach links schwenken und Zuflucht bei den Linken oder bei den neuen bürgerlichen Konservativen, den Grünen suchen. Damit werden CDU und SPD am Ende weiter marginalisiert und es stehen sich feindliche Gesinnungsblöcke gegenüber, die zu staatstragenden Entscheidungen und wichtigen Reformen wohl kaum mehr in der Lage sein werden. Danke, Manfred Weber, es läuft.

  • Wenn man sich die ausgesessen Skandale der Union allgemein und speziell die Freundschaften der früheren CSU-Granden mit rechtsradikalen, faschistischen und diktatorischen Politikern aus aller Welt anschaut, hätte doch klar sein müssen, wohin die Reise geht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mir manchmal Frau Merkel zurückwünsche, zumindest um die Irren in der Union einzubremsen.

  • Was ist der Unterschied zwischen einem Nazi in Anzug und einem Nazi in Army-Look und Springerstiefeln? Genau, keiner.

  • Aber ist die SPD nicht auch Vertragsbrüchig geworden? Also ggü. dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung? Hier hatte die SPD doch Zustimmung zugesichert.

  • Sie machen den gleichen Fehler, wie viele deutsche Kommentatoren: Sie gehen davon aus, dass die EVP sich für die deutsche Brandmauer interessiert. Die CDU/CSU stellt 29 Abgeordnete in der 184 Abgeordneten starken Fraktion der EVP. Das ist nicht gerade viel und sie stellen es so dar, als wenn die CDU maßgebend für die Politik der EVP wäre.



    Es gibt die Brandmauer ohnehin nur noch in Deutschland. Was sollen die paar Abgeordneten denn gegen einen Mehrheitsbeschuss der EVP unternehmen?

    • @Dirk Osygus:

      Vielleicht ist Dir nicht aufgefallen, dass der Vorsitzende der EVP-Fraktion ein csU-Mann namens Weber ist?!!

      • @Perkele:

        Und?



        Wie kommen Sie darauf, dass Franzosen oder Italiener oder oder auf den Weber hören?

  • Es ist für die Demokratie höchst gefährlich, wenn der Wille des Souverän nicht beachtet wird und es keine rechte Politik gibt, selbst wenn die Bevölkerung es so gewollt hat.

    • @Puky:

      Darf es auch nicht geben. Eine Bevölkerung hat nicht das Recht die Demokratie durch Demokratie abzuschaffen. Dafür sorgt die Gewaltenteilung, damit die Schande des Dritten Reichs nie mehr wiederholt werden kann.

      Sollen die halt toben und protestwählen, ist mir egal. Ich verbiete es diesen Menschen.

    • @Puky:

      Guten Tag, Puky



      Die Bevölkerung ist nicht ein Souverän und hat nicht einen Willen. Die Bevölkerung besteht aus vielen Menschen mit vielen Interessen, Zielen und Wünschen. Daraus Kompromisse zu schaffen, ist Demokratie. Nicht aber einen angeblichen Volkswillen durchzusetzen.