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Rundgang über die Leipziger BuchmesseWeimer als Symptom

Michal Hvorecký sieht slowakische Verhältnisse in Deutschland, Carla Hinrichs glaubt nicht an Ausrutscher, Maxim Znak liest 1.596 Bücher. Ein Rundgang über die Buchmesse.

„Wenn du liest, passiert ein Wunder, du begibst dich in andere Welten, begegnest anderen Personen“, schreibt Maxim Znak Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Osteuropa ist in gewisser Weise immer Avantgarde, im Guten wie im Schlechten. Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký etwa weiß schon lange, wie es ist, wenn ein Großteil der Kulturszene von der Kulturministerin des eigenen Landes bekämpft wird. „Ich war gestern bei den Demonstrationen gegen den deutschen Kulturstaatsminister vor dem Gewandhaus“, erzählt er am Donnerstagabend im Café 292, wo der Tropen Verlag sein Dreißigjähriges feiert.

„Es fühlte sich sehr slowakisch an.“ Mit Zensur, staatlicher Kontrolle und Machtmissbrauch habe man dort schon lange zu tun, „diese Tendenzen jetzt auch hier zu beobachten, macht mir große Sorge. Wir sehen bei uns, was passiert, wenn die Neuen Rechten an die Macht kommen.“

Die Panels, Gespräche, Lesungen während der Leipziger Buchmesse werden von Krisen jedweder Art dominiert – und von Weimer als Symptom. So eben auch dieser Tresen-Talk über Repressionen und Demokratieabbau, an dem neben Hvorecký auch „Letzte Generation“-Aktivistin Carla Hinrichs teilnimmt – beide haben gerade neue Bücher bei Tropen veröffentlicht.

Carla Hinrichs, ehemals Jura-Studentin, ist wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ nach Paragraf 129 angeklagt; sie spricht über die schleichende Verschiebung von Diskurs und Recht, über den brutalen Polizeieinsatz in ihrer Wohnung vor drei Jahren. „Wir müssen begreifen, dass es keine Ausrutscher sind, wenn eine Horde Polizisten mit gezückten Waffen in meine Wohnung stürmen oder wenn Wolfram Weimer Buchläden von einem Preis ausschließt.“

Für sie sind dies Schritte einer Autokratisierung, deren rapides Voranschreiten wir noch immer unterschätzten. Sie argumentiert unter anderem mit der Geschichte des Paragrafen 129 StGB, den es seit Gründung des Deutschen Reichs gibt, der in der NS-Zeit massiv angewendet wurde und der weiter genutzt werde, um Protest zu unterdrücken.

18 Bücher in Haft geschrieben

Von staatlichen Repressionen grausamerer Art können die belarussischen Oppositionellen Maria Kolesnikowa und Maxim Znak berichten. Beide waren über fünf Jahre in Haft, die meiste Zeit davon isoliert, beide sind Ende 2025 freigekommen. Kolesnikowa und Znak (dem die Anreise aus Polen von den Behörden extra schwer gemacht wurde) werden in Halle 5 auf der großen Bühne am Donnerstag mit lang anhaltendem Applaus begrüßt. Das Lesen und Schreiben habe ihnen in der Haft geholfen zu überleben, sagen sie. 1.596 Bücher in fünf verschiedenen Sprachen habe er im Gefängnis gelesen, so Znak, er habe immer Listen abgegeben und dann normalerweise fünf Bücher pro Woche aus der Gefängnisbibliothek erhalten.

„Wenn du liest, passiert ein Wunder, du begibst dich in andere Welten, begegnest anderen Personen“, sagt er. Die russische und belarussische Dissidentenliteratur sei zum Teil nicht verfügbar gewesen (Schalamow, Bykau, Alexijewitsch), doch er habe Uladsimir Karatkewitschs „Die Ähren unter deiner Sichel“ lesen können – einen Klassiker der belarussischen Literatur, der von den Aufständen gegen das Russische Kaiserreich 1863/1864 handelt. Zudem habe er ganze 18 (!) Bücher in Haft geschrieben, die ihm allesamt bei seiner Entlassung weggenommen worden seien.

Znak erträgt es mit stoischem Humor: „Man soll ja immer das Gute im Schlechten sehen. Das war ein verdammt intensiver Schreib-Workshop von über fünf Jahren.“ Bewundernswert positiv gibt sich auch Kolesnikowa. Auch sie erzählt von ihren Leseerfahrungen in der Haftzeit (viel Wissenschaftslektüre), sie habe zwei Bücher geschrieben, die sie nicht habe mitnehmen dürfen. „Es ist alles noch in meinem Kopf. Ich werde jetzt vier Bücher schreiben, wenn ich die Zeit dazu finde.“

Für das Gute und Erhaltenswerte kämpfen

Widerstandsfähigkeit zu demonstrieren, das können zuvörderst die Ukrainer:innen. Am Ukraine-Stand, der gewohnt groß und gewohnt gut besucht in Halle 4 residiert, trifft man den Philosophen und PEN-Ukraine-Präsidenten Volodymyr Yermolenko; später im Gespräch sagt er, dass die Europäer wieder lernen müssten zu kämpfen, diesmal für das Gute und Erhaltenswerte, sonst würden sie zwischen den Großmächten zerrieben.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Idee, dass wir manchmal für Dinge kämpfen müssen, einfach weggefegt worden“, sagt er, aus berechtigten historischen Gründen. Man habe aber die gesamte Idee des Kampfes negiert, während man eigentlich nur die totalitäre Idee hätte beseitigen sollen, dass nur der Kampf die menschliche Natur definiere. „Eine Gesellschaft, die ausschließlich auf Agon, auf Kampf, basiert, ist faschistisch. Aber eine Gesellschaft, die ausschließlich auf ewigen Dialog und Agora setzt, ist bis zu einem gewissen Grad eine gute Demokratie, ab einem bestimmten Punkt wird sie zahnlos.“

Die Ukrai­ne­r:in­nen könnten also auch darin europäische Avantgarde sein – der Begriff stammt, man vergesse das nicht, aus dem Militärischen.

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