Kai Wegners Krisenmanagement: Das Bild vom Regierungschef als Macher bröckelt
Weiter ist nicht klar, was Kai Wegner am Tag des Berliner Blackouts wirklich gemacht hat. Schwäche zu zeigen fällt dem Politiker scheinbar schwer.
E r hat es getan. Schon wieder. Zum zweiten Mal hat Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nicht die ganze Wahrheit über sein Krisenmanagement während des Berliner Blackouts Anfang des Jahres preisgegeben. Das geht aus neuen Details zum Tagesablauf Wegners hervor, dessen Herausgabe der Tagesspiegel von der Senatskanzlei erzwungen hat.
Eigentlich sind es keine großen Dinger, wäre da nicht der Verdacht, dass Wegner etwas vertuschen wollte. Er habe am Vormittag des 3. Januar – ein Samstag – die ganze Zeit am Telefon gehangen, habe mit Krisenstäben, dem Bundesinnenministerium, dem Kanzleramt sowie mit Stromnetz Berlin telefoniert. Das hatte Wegner drei Tage nach dem Stromausfall in einem Fernsehinterview behauptet – und damit gerechtfertigt, was zuvor der RBB enthüllt hatte. Entgegen der allerersten Behauptung, er habe den ganzen Tag von zu Hause aus Krisenmanagement betrieben, stellte sich heraus, dass Wegner mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Schulsenatorin, von 13 bis 14 Uhr eine Stunde Tennis gespielt hatte.
Wie gesagt, kein großes Ding. Wenn es nicht eine Schutzbehauptung war. Denn inzwischen stellt sich die Frage, ob nicht auch die Telefonate mit dem Krisenstab, dem Kanzleramt und Stromnetz Berlin bloße Behauptung waren. Was also treibt den Mann, der am 20. September bei den Berliner Wahlen im Amt bestätigt werden will? Warum riskiert er – auf so plumpe Art und Weise – seine Wiederwahl?
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Vielleicht ist das der Moment, einen Schritt zurückzutreten. Das Bild zu überprüfen, wie ein professionelles Krisenmanagement auszusehen hat. Auch zu hinterfragen, ob ein Bundeskanzler in Gummistiefeln beim Hochwasser an der Elbe 2002 mehr Symbolik ist als reale Unterstützung für die Krisenkräfte vor Ort.
Kontrolle als Botschaft
Alles unter Kontrolle, das ist wohl die Botschaft, die Politikerinnen und Politiker in solchen Fällen vermitteln wollen. Wer nicht alles unter Kontrolle hat – wie die grüne Familienministerin Anne Spiegel im Ahrtal zwanzig Jahre nach Schröder – steht unter Beschuss.
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Auch Kai Wegner wollte, nach allem, was wir wissen, diese Botschaft senden. Das Bild vom Macher soll keine Kratzer bekommen. Deshalb hat er es getan. Einmal. Und dann noch einmal. Nicht die ganze Wahrheit gesagt, um zu verbergen, dass er an diesem Tag nicht der Macher war, der er sein wollte. Oder den alle von ihm erwartet haben. Oder von dem er dachte, dass das alle von ihm erwarten. Nun sind nicht nur die Kratzer da, sondern eine offene Wunde. Und das mitten im Wahlkampf, der gerade begonnen hat.
Was wäre eigentlich gewesen, wenn Kai Wegner gesagt hätte: Sorry, es hat etwas gedauert, bis ich auf Betriebstemperatur war. Deshalb erst mal Tennis spielen. Und dann loslegen.
Die Anteilnahme fehlte
Natürlich hätte er dann immer noch schlecht ausgesehen, weil er, im Gegensatz zur SPD-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, nicht vor Ort war. Giffey ist eine Instinktpolitikerin, die sich nicht nur überall hinstellt, wo sie eine Kamera vermutet. Sie kann auch Hände schütteln. Und Händeschütteln, Anteilnahme haben viele an diesem 3. Januar im Berliner Südwesten vermisst. Immerhin waren 45.000 Haushalte vom Stromausfall infolge eines wohl linksradikalen Anschlags betroffen.
Aber Wegner hätte auch fragen können, ob Politiker tatsächlich immer alles sofort und zu 100 Prozent unter Kontrolle haben müssen. Hätte eine Schwäche zugeben und damit vielleicht an Stärke gewinnen können.
Nun muss er die Frage beantworten, warum er nicht die Wahrheit gesagt hat. Und die Opposition fragt laut, wer einen Regierungschef will, der nicht die Wahrheit sagt.
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