US-Archiv und Nazivergangenheit: Wir spielen nicht mit bei eurem Gedächtnistheater
Die digitale Öffnung des US-Nationalarchivs lässt viele Deutsche nach der NS-Geschichte ihrer Vorfahren suchen: ein Spektakel zur Gegenwartsflucht.
D as US‑Nationalarchiv hat die Schleusen geöffnet. Über 16 Millionen digitalisierte NSDAP‑Dokumente sind nun per Mausklick zugänglich. Deutschland stürzt sich hinein, um zu klären, ob die Großeltern Täterinnen, Mitläuferinnen oder „nur dabei“ waren.
Ich bleibe am Beckenrand stehen. Dieses Wasser ist mir zu warm, viel zu mollig für den Ernst der Lage meiner Realität. Was als Aufarbeitung gefeiert wird, wirkt oft wie ein wohltemperiertes Selbstreinigungsbecken. Deutsche Erinnerungskultur funktioniert nicht selten wie ein Wellnessprogramm: eintauchen, Schuld fühlen, Tränen zulassen, wieder auftauchen und schon ist man moralisch gereinigt. Familienforschung wird zur privaten Läuterungsübung. War Opa in der NSDAP? Oh nein, wie schlimm. Aber „N…kuss“ wird man ja wohl noch sagen dürfen. Stellt euch nicht so an. Weiter geht’s.
Ich bin ein schwarzer, schwuler Ostdeutscher ohne NS‑Familiengeschichte. Während die Mehrheitsgesellschaft im Jacuzzi-Whirlpool der Selbstberuhigung planscht, ziehen marginalisierte Menschen im kalten Becken der Gegenwart ihre Bahnen. Das Problem ist nicht das Erinnern an sich, sondern seine Funktion. Diese Form der Aufarbeitung dient oft weniger den Opfern als der emotionalen Entlastung weißer Deutscher. „Nie wieder“ ist zur Klangtapete geworden. Ständig präsent, inhaltlich entkernt.
Ein Blick in die Gegenwart reicht. Laut Nationalem Diskriminierungs‑ und Rassismusmonitor (NaDiRa, März 2026) glaubt knapp die Hälfte der Bevölkerung, manche ethnischen Gruppen seien „von Natur aus fleißiger“. Zwei Drittel halten bestimmte Kulturen für „besser“. Über ein Drittel hält weiter an der Idee von „Rassen“ fest. Das sind keine Randmeinungen. Das ist die Mitte.
Rassismus in sämtlichen untersuchten Behörden
Noch deutlicher wird es in den Institutionen. Die vom Bundesinnenministerium beauftragte Studie „Rassismus in deutschen Institutionen“ (2026) weist Rassismus in sämtlichen untersuchten Behörden nach. Nicht primär als offene Feindseligkeit, sondern strukturell, in Routinen, Ermessensentscheidungen, Verfahren.
Veröffentlicht wurde sie still und leise an einem Freitagnachmittag. Keine Pressekonferenz, keine ernsthafte politische Debatte. Forschende und Kritiker sprechen von einem gezielten „Verstecken“ vor der Öffentlichkeit, den Betroffenen und der Politik selbst. Das Innenministerium unter Alexander Dobrindt wollte keine Anerkennung von institutionellem Rassismus, keine Debatte über Reformen und keine Verantwortung für die eigene Rolle.
Besonders zynisch wird es, wenn Menschen ohne familiäre Tätergeschichte in dieses Erinnerungsnarrativ hineingezogen werden. Migrantische Stimmen sind willkommen, solange sie den Jacuzzi der Selbstberuhigung mit beheizen. Zugehörigkeit wird an die Performance von Schuld geknüpft, auch dort, wo es keine eigene gibt. Oder, zugespitzt: Man spielt mit im „Gedächtnistheater“, wie es der Soziologe Y. Michal Bodemann beschreibt. In dieser Logik dient Erinnerung nicht zuletzt der Selbstvergewisserung der Dominanzgesellschaft.
Dabei haben sich Ost und West längst angenähert. Hier das Ritual der NS‑Aufarbeitung, dort die DDR‑Erzählung vom antifaschistischen Staat. Zwei unterschiedliche Becken, gleiches Prinzip, filtern, beruhigen, sauber bleiben. Koloniale Geschichte und gegenwärtige Kontinuitäten von Gewalt und Ausgrenzung bleiben außen vor, weil sie das Wasser trüben würden.
Deshalb lässt mich dieses familiäre Aufarbeitungsplanschen kalt. Recherchiert eure Geschichten. Taucht so tief, wie ihr wollt. Aber verwechselt euer Geplansche nicht mit wirksamer Erinnerungskultur. Denn diese setzt immer auch konsequentes Handeln in der Gegenwart voraus. Niemand ist verantwortlich für die Taten der Vorfahren, aber wir alle sind verantwortlich für das, was heute geschieht.
Und genau hier bleibt es still: beim nächsten Rechtsruck, bei verdrängten Studien zu institutionellem Rassismus, bei einem Gedächtnistheater ohne politische Wirkung, bei Gewalt in der Öffentlichkeit und im Privaten.
Während ihr noch im warmen Wasser nach der Geschichte eurer Großeltern taucht, sickert längst braun‑öliger Schmutz aus dem Abfluss eures Pools in unser kaltes Becken der Realität. Wir können euch darauf hinweisen, aber klären müsst ihr das Wasser selbst.
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