Operation Wüstenskorpion: Griechischer Geheimdienst spioniert Iraner aus
Athen fürchtet in den Irankrieg hineingezogen zu werden – und verschärft Sicherheitsmaßnahmen. Griechenland ist ein wichtiger militärischer Stützpunkt.
Sie tarnen sich als verliebte Paare im Urlaub, Kellner in Restaurants und Bars oder Konferenzteilnehmer – und sind in Wirklichkeit Agenten des griechischen Geheimdienstes EYP. Mit derart ungewöhnlichen Methoden wollen die griechischen Geheimdienstler in Treffpunkten nahe US-Militärbasen in Griechenland potenziellen Spionen, Saboteuren und Attentätern auf die Spur kommen und ihr Wirken im Keim ersticken. Der Name der Operation: Wüstenskorpion.
Und der ist bewusst gewählt. Griechischen Medienberichten zufolge ist die Operation „Wüstenskorpion“ von der EYP nach dem Ausbruch des Irankrieges am 28. Februar aus Sorge vor möglichen iranischen Vergeltungsschlägen gegen US-Stützpunkte in der gesamten Region aktiviert worden. Das Nato-Mitglied Griechenland fürchtet sich davor, so wie die Golfstaaten, die ebenfalls US-Militärbasen beherbergen, in den Irankrieg hineingezogen zu werden.
Die US-Militärbasen liegen zudem in der Reichweite iranischer Raketen und Drohnen. Im Nachbarland Zypern war am 2. März eine mutmaßlich aus dem Libanon von der proiranischen Hisbollah entsandte Drohne auf dem britischen Luftwaffenstützpunkt Akrotiri nahe der Küstenstadt Limassol eingeschlagen. Es entstand Sachschaden, verletzt wurde niemand.
Orte gezielt unter Beobachtung gestellt
Seit dem Beginn des Irankrieges haben laut griechischen Medienberichten EYP-Mitarbeiter gezielt bestimmte Orte nahe der US-Militärbasen in Hellas unter verstärkte Beobachtung gestellt, um Spionageaktivitäten, Sabotageversuche sowie Anschläge zu verhindern. Dabei stünden auch Hotels, Kurzzeitmietobjekte sowie andere touristische Unterkünfte mit Blick auf auffällige Aufenthalte von Personen mit Herkunft aus Ländern des Nahen Ostens sowie auf Einzelreisende mit Pässen, die nicht ihrem Herkunftsland entsprechen, unter Kontrolle.
Mit Erfolg. Durch Sondereinsätze der EYP-Agenten seien in den letzten acht Monaten vier Personen wegen Spionage auf der Insel Kreta sowie in der Region Evros im Nordosten Griechenlands von den Behörden festgenommen worden, berichtet der private Athener Fernsehsender Skai TV. So seien zuletzt zwei Männer aserbaidschanischer Herkunft aufgefallen, die mit polnischen Pässen ausgestattet waren. Ihre Fragen nach Unterkünften mit Blick auf den Golf von Souda nahe der westkretischen Stadt Chania lösten sofort Alarm bei der EYP aus. In Souda befindet sich ein großer US-Marinestützpunkt, der bedeutendste US-Stützpunkt im östlichen Mittelmeer, der Luft- und Seestreitkräfte der USA beherbergt.
Der Militärstützpunkt in Souda wird fortan nicht nur mit der Operation „Wüstenskorpion“ geschützt, sondern auch mit konventionellen Mitteln. Diese wurden zuletzt verstärkt. Im Juni 2025 hatte Griechenland in Souda bereits Patriots installiert. Am 4. März, vier Tage nach Ausbruch des Irankrieges, verlegten die griechischen Streitkräfte zudem eine ihrer sechs Patriot-Batterien auf die Insel Karpathos. Von dort soll der Luftraum zwischen Rhodos und Kreta und damit der Stützpunkt Souda überwacht werden. Die neu installierte Patriot-Batterie auf Karpathos soll Drohnen und Raketen aus dem Nahen Osten abfangen, bevor sie Kreta erreichen können.
Griechenland als militärisches Drehkreuz
Souda ist nicht die einzige US-Militärbasis. In ganz Griechenland existieren auf Grundlage des bilateralen Abkommens über die gegenseitige Verteidigungszusammenarbeit (MDCA) zwischen den USA und Athen vom US-Militär genutzte Militärstützpunkte an insgesamt sechs Standorten. Sie dienen sowohl den militärischen Zielen der USA und der Nato im östlichen Mittelmeerraum, im Nahen Osten, in der Balkanregion, am Schwarzen Meer sowie in der Ukraine.
Konkret handelt es sich dabei neben dem Marinestützpunkt in Souda um den Luftwaffenstützpunkt im zentralgriechischen Larissa, auf dem unter anderem vier US-Drohnen vom Typ „MQ-9 Reaper“ stationiert sind. Sie haben eine große Reichweite von bis zu 1.850 Kilometern. Hinzu kommt der Hafen von Alexandroupolis als wichtiger Knotenpunkt für den Transport von Waffen und Munition nach Osteuropa und in die Ukraine.
Obendrein sind auf dem Stützpunkt Stefanovikeio in Zentralgriechenland Transportflugzeuge und Kampfhubschrauber der US-Armee stationiert. Der Luftwaffenstützpunkt in Araxos im Nordwesten der Halbinsel Peloponnes ist ein fester Bestandteil der nuklearen Planung der Nato mit sechs „Gewölben“ („vaults“) vom Typ WS3 (Weapons Storage and Security System).
Sie werden zur „sicheren Lagerung spezieller Waffen“ verwendet, in der Regel für taktische Atombomben „B61“. Schließlich befindet sich im Ort Andravida-Kyllini im Nordwesten der Peloponnes ein Luftwaffenstützpunkt, der von der US-Luftwaffe genutzt wird.
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