Iran-Krieg: Es droht ein neues Massaker an der Bevölkerung
Unter dem Druck von Wirtschaft und Öffentlichkeit will Trump ein schnelles Ende des Krieges. Das Regime sollen die Iraner selbst stürzen. Nur wie?
Wenn es bei aller Unbedarftheit, mit der sich die USA in diesen Krieg gestürzt haben, so etwas wie einen vagen Fahrplan gab, dann war es folgender: Durch anhaltende Luftschläge sollte das iranische Regime derart geschwächt werden, dass ein Aufstand im Inneren eine realistische Chance hat, die Islamische Republik zu stürzen. Die Iraner sollen sich letztlich selbst befreien.
Auf dem Papier klingt das gut. Und zumindest bei einem Punkt dürften sich die meisten einig sein: Eine Welt ohne die Islamische Republik wäre eine bessere. Seit Jahrzehnten finanziert und baut Teheran radikalislamische Milizen auf, die die ganze Region destabilisieren. Und erst im Januar beging das Regime ein Massaker an der eigenen Bevölkerung, mit bis zu 30.000 getöteten Demonstranten.
Allein, der Plan scheint nicht aufzugehen: Das Regime ist nach Ayatollah Ali Chameneis Tod nicht zusammengebrochen – dafür sind seine Strukturen zu komplex – und auch niemand, der mit den USA einen Kompromiss eingehen könnte – dafür ist das Regime zu ideologisch. Teheran leistet weiter massive Gegenwehr und indem es die Straße von Hormus blockiert, hält es die Weltwirtschaft im Würgegriff. Die Kosten des Krieges steigen.
Trump stellt Kriegsende in Aussicht
Angesichts dessen scheint Trump den Krieg bald beenden zu wollen. So stellte er es jedenfalls am Dienstag in Aussicht. Ob man ihm das angesichts seiner erratischen Politik abnehmen darf, ist zweifelhaft. Doch es gibt noch andere Anzeichen, die auf ein baldiges Ende des Krieges deuten.
So richtete sich der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu am Mittwoch auf X an die iranische Bevölkerung: „In den kommenden Tagen werden wir die Bedingungen schaffen, damit ihr euer Schicksal in die Hand nehmen könnt. (…) Wenn der Moment gekommen ist, geben wir den Stab an euch weiter.“ Zeitgleich verkündete Reza Pahlavi, Sohn des Schahs und aktuell der einflussreichste iranische Oppositionspolitiker: „Wir befinden uns jetzt in der entscheidenden Phase unseres Kampfes. (…) Bald folgt mein finaler Aufruf.“ Damit dürfte ein Protestaufruf an die Bevölkerung gemeint sein. Bereits am 8. und 9. Januar folgten mehrere Millionen Iraner Reza Pahlavis Aufruf. Das Regime reagierte mit einem Massenmord.
Vieles lässt befürchten, dass es dieses Mal noch schlimmer kommen könnte. Gespräche mit Menschen in Iran zeigen, dass vor allem die Jüngeren bereit sind, noch einmal auf die Straße zu gehen. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagen sie, oder auch: „Es ist unsere einzige Chance, unser Land zu befreien.“
Ein überhastetes Ende des Krieges birgt das Risiko, die Menschen abermals ins offene Messer laufen zu lassen. Denn obwohl Kasernen zerbombt sind, sind die Befehlsketten im Sicherheitsapparat relativ intakt. Auch die wichtigsten Drahtzieher der Repression, vom Polizeichef Ahmad-Reza Radan und IRGC-Chef Ahmad Vahidi bis hin zum De-facto-Machthaber Ali Laridschani, sind noch am Leben und aktiv. In den letzten Tagen richteten sie sich wiederholt mit Drohungen an ihr eigenes Volk: Wer auf die Straßen gehe, werde als Feind behandelt, sagte etwa Polizeichef Radan am Mittwoch.
Dennoch halten Trump und Netanjahu an ihrem Plan fest: Den Gnadenstoß soll das iranische Volk dem Regime selbst versetzen. Für sie gibt es nichts zu verlieren. Im besten Fall gelingt der Sturz; im schlimmsten Fall kommt es zu neuen Massentötungen und einer weiteren Isolation Teherans. Auch das wäre im Interesse Netanjahus und Trumps. Damit lastet das volle Risiko auf den Schultern der einfachen Bevölkerung.
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