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Umgang mit Trisomie 21Mein Sohn ist kein Porsche

Gastkommentar von

Julia Bourmer

Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Kindern mit Trisomie 21 und deren Eltern umgehen sollen. Dabei ist es ganz einfach.

Essen mit der Suppenkelle macht Spaß Foto: Patko Hanus/imago

Ü ber Kinder mit Trisomie 21 wird viel gesprochen – nur selten normal. Einer der ersten Sätze, den ich nach der Diagnose meines Sohnes hörte, kam von einem Arzt: „Trisomie 21? Na ja … das ist ja der Porsche unter den Behinderungen.“ Ich wusste gar nicht, was ich darauf antworten soll. Vielleicht: „Danke“? Oder: „Ja, stimmt. Er ist wirklich sehr schnell da gewesen.“ Das ist nicht mal ein Witz. Er war schnell. Er war da. Voll da. Und ich war es auch – nur plötzlich in einer Welt, in der sich alles auf einmal merkwürdig anfühlte. Ein bisschen wie: Glückwunsch zur Geburt, hier ist Ihre Sonderakte. Jetzt, fast dreieinhalb Jahre später, stehe ich ganz woanders. Mein Sohn ist kein Porsche, nein, er ist einfach er. Eins ist inzwischen klar: Egal, was für ein Fahrzeug es ist – der Fahrer entscheidet, wo’s langgeht.

Aber draußen in der Welt hängen viele noch im alten Fahrmodus fest. Neulich stand ich hinter einem jungen Mann mit Trisomie an der Supermarktkasse. Vielleicht 17, Hoodie, unfrisierte Haare – ganz normaler Teenager. Er legte Chips, Energy-Drink und Kaugummi aufs Band, bezahlte. Ohne Drama, ohne Hilfe. Die Kassiererin schaltete in diesen Tonfall, den ich im Schlaf erkenne – Grundschullehrerin trifft Golden-Retriever-Trainerin: „Oh, das hast du ja ganz alleine gemacht! Toll!“ Er schaute sie an, kaute weiter und sagte trocken: „Sie haben das aber auch ganz toll gemacht.“ Ich überlegte kurz zu applaudieren. Aber das wäre genauso heuchlerisch gewesen. Also hab ich ihn nur verschwörerisch angegrinst.

Julia Bourmer

Julia C. Bourmer ist Autorin über Nachhaltigkeit, Natur und Selbstversorgung. Außerdem schreibt sie über moderne Elternschaft, Inklusion und damit verbundenen gesellschaftlichen Fragen. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land.

Kindlichkeit auf Lebenszeit ist keine Behinderung, sie ist das Ergebnis von falscher Fürsorge. Ich sehe junge Erwachsene mit Trisomie, die arbeiten, kochen, denken, leben – und trotzdem wie Kinder behandelt werden. Weil man ihnen nicht viel zutraut. Weil man sie nicht rauslässt aus der Rolle. Dabei liegt das Problem nicht im Kind. Sondern im Bild, das man ihm überstülpt. Ich kenne das. Ich selbst hatte diese Zweifel. Hätte ich nicht auch irgendetwas „buchen“ sollen? Eine Therapie? Mehr Struktur? Klingt nach Unterstützung, ist aber oft einfach Kontrolle. Mein Sohn zeigt mir jeden Tag, dass Vertrauen mehr bewirkt als ein ausgeklügelter, therapeutischer Stundenplan. Neulich stand in einer Studie, dass erfolgreiche Uni-Absolvent:innen nahezu eines gemeinsam haben: Sie mussten früh im Haushalt mithelfen. Nicht gefördert werden, sondern beitragen. Gebraucht werden. Dazugehören. Nicht für Applaus, sondern für den Alltag. Das ist mit einem Extrachromosom nicht anders.

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Ich sehe das bei meinem Sohn. Noch keine vier Jahre alt, aber er räumt die Einkäufe aus, trägt, was er tragen kann. Manchmal sieht’s aus wie nach einer Naturkatastrophe. Aber er macht es. Er geht selbstständig zur Spülmaschine, holt sich Besteck, deckt sich seinen Platz. Nicht, weil ich es einfordere, sondern weil er dazugehört. Genau darum geht’s: Was traue ich einem Kind zu?

Und da kommen wir zum nächsten Punkt: Auch Eltern werden systematisch entmündigt. Ganz leise. „Das sollten Sie mit Ihrer Frühförderstelle besprechen.“ „Haben Sie schon ein Zentrum für Entwicklung angeschlossen?“ „Sind Sie denn gut angebunden?“ Als hätten wir irgendwas Illegales getan. Nur weil wir gesagt haben: Wir kennen unser Kind und wollen ihm ein normales Leben zumuten. Das scheint offenbar fahrlässig rüberzukommen. Unser Weg passt offenbar nicht ins System, wir haben unterschrieben haben, dass andere es besser wissen. Zwangsmitgliedschaft im „Team Defizit“, für mich die rote Karte.

Was ich stattdessen will? Vertrauen – in Elternschaft und gesunden Menschenverstand. In mein Kind. Mein Sohn ist kein Projekt. Kein Symbol. Kein besserer Mensch und schon gar kein „Sonnenscheinkind“. Er ist ein Typ. Mit Meinung, Kraft und einem verdammt klaren Blick. Mein Sohn ist kein Porsche. Aber er hat Stil, Drehmoment und null Lust auf Tempo 30. Während andere überlegen, ob man mit so einem Extra-Antrieb überhaupt auf die Straße darf, ist er längst unterwegs. Mit hundert Sachen, klarem Kurs ins pralle Leben. Und ohne jemanden zu fragen, ob er darf.

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3 Kommentare

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  • Super Artikel, danke.

  • WOW Klasse Artikel! Ich kann jeden Satz unterschreiben. (Jahrelang mit solchen Typen die Küche für uns 35 gestemmt.)



    Danke und weiter so!

    • @susonne:

      Anschließe mich!