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Rüstungsproduktion bei VW in OsnabrückVom Cabrio zum Armee-Pick-up

Im VW-Werk Osnabrück endet 2027 die Cabrio-Produktion. Der Konzern prüft neue Perspektiven: Militärfahrzeuge und Kooperationen mit der Rüstungsindustrie.

Werden hier bald Militärfahrzeuge gebaut? VW-Werk in Osnabrück Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Autoindustrie kriselt und Volkswagen steht ganz besonders mies da. Die VW-Geschäftszahlen für 2025 waren so schlecht wie lange nicht. Ein neues Geschäftsfeld muss also her und das heißt: Militärfahrzeuge. Für den Standort Osnabrück, dessen zivile Produktion im kommenden Jahr ausläuft, ist die Rüstungsindustrie längst zur zentralen Zukunftsperspektive geworden.

Auf der Nürnberger Sicherheits- und Rüstungsmesse „Enforce Tac“ präsentierte der Konzern Ende Februar gleich zwei militärische Fahrzeugstudien, die unter Geheimhaltung im Werk Osnabrück entwickelt wurden. Im Osnabrücker Werk arbeiten derzeit rund 2.300 Beschäftigte. Hauptprodukt ist das T-Roc-Cabriolet, doch dessen Fertigung läuft nur noch bis Mitte 2027. Da auch die Produktion einzelner Porsche-Modelle bereits im Laufe des Jahres 2026 endet, droht dem kleinsten deutschen Fahrzeugwerk von Volkswagen eine massive Auslastungslücke.

Konzernchef Oliver Blume erklärte bei der jüngsten Bilanzvorlage, man wolle bis spätestens Ende 2026 final entscheiden, wie es mit dem Werk weitergeht. Blume betonte dabei, dass man sich in einem „lösungsoffenen Prüfprozess“ befinde, der auch Gespräche mit Rüstungsunternehmen einschließe. VW werde aber „keine eigene Fahrzeugproduktion weiterführen“, sagte Blume vergangene Woche der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Nach Informationen aus Betriebsratskreisen wird der Werksumbau auf Rüstung intern aktiv vorangetrieben. Auf einer Betriebsversammlung in der vorvergangenen Woche deuteten Arbeitnehmervertreter an, dass dies „kein kurzes Experiment“ in der Verteidigungsproduktion bleibe.

Wir sind in Osnabrück weiterhin dabei, an einer Lösung zu arbeiten, im Moment noch lösungsoffen, haben dort auch Gespräche beispielsweise mit Rüstungsunternehmen

VW-Chef Oliver Blume

Das Aktionsnetzwerk „Zukunftswerk Osnabrück“ berichtet von einer engen Abstimmung zwischen Konzernvorstand, Geschäftsführung und Gewerkschaft, um diesen Transformationsprozess für die Belegschaft abzusichern. IG Metall und Betriebsrat ließen taz-Anfragen zu den Details bislang unbeantwortet.

Auf der „Enforce Tac“ 2026 sorgte Volkswagen mit den beiden Konzeptfahrzeugen für Aufsehen: dem MV.1 auf Basis des Pick-ups Amarok und dem MV.2 auf Basis des Transporters Crafter. Beide Fahrzeuge trugen statt des VW-Logos die Bezeichnung „D.E.S. Defence“. Volkswagen erklärt dazu auf Anfrage, dass die Studien entwickelt wurden, um „mögliche Marktchancen und Perspektiven auszuloten“, ob daraus konkrete Serienprojekte entstehen, sei jedoch noch offen. Dass das VW-Logo fehlte, legt die Einordnung in ein spezielles Segment jenseits des Primärmarktes nahe.

Die Fahrzeuge folgen einem modularen Prinzip: Der MV.1 ist für den Wechsel zwischen Sanitäts-, Drohnen- und Logistikmodulen ausgelegt und verfügt über einen Unterbodenschutz gegen Minen. Der MV.2 dient als mobiles Kommandozentrum. VW stellt auf Anfrage klar, dass militärische Güter oder sogenannte Dual-Use-Produkte ein „schmales Segment“ der Produktpalette bilden.

Dass ein Autokonzern militärische Optionen prüft, ist nicht neu. Über die Holding Traton ist Volkswagen bereits indirekt an militärischer Produktion beteiligt, da die Tochter MAN Militärlastwagen liefert. Zugleich wächst in Europa seit dem russischen Angriff auf die Ukraine die Nachfrage nach militärischer Ausrüstung.

Dabei rücken auch industrielle Kapazitäten der Autoindustrie in den Fokus. Das Osnabrücker Werk mit seiner Erfahrung in der Kleinserienfertigung – ein Erbe des traditionsreichen Karosseriebauers Karmann – passt da ideal ins Profil.

Standort vor dem Umbruch

Zeitweise kursierten Spekulationen über eine Übernahme durch Rheinmetall. Doch der Rüstungskonzern erteilte diesen Plänen eine Absage; eine Übernahme sei „unter den gegebenen Voraussetzungen kein Thema“. Das Werk hätte sich zur Produktion von 6x6-Radpanzern angeboten. Derzeit würden aber keine weiteren Kapazitäten benötigt. „Um der erhöhten Nachfrage bei 8x8-Radpanzern des Modells Boxer gerecht zu werden, weitet Rheinmetall seine Kapazitäten in Kassel aus“, ‌fügte ein Konzernsprecher hinzu.

Stattdessen rücken nun Kooperationen und Auftragsfertigungen in den Fokus, etwa die Produktion schusssicherer Fahrerhäuser. Ein möglicher Anknüpfungspunkt ist das Joint Venture „Rheinmetall MAN Military Vehicles“, an dem Unternehmen ist neben Rheinmetall auch Traton beteiligt.

Zudem gilt der deutsch-französische Panzerbauer KNDS als neuer potenzieller Partner. Berichten zufolge gibt es Sondierungen über eine Einmietung von KNDS in Werksteile, um dort Transportpanzer zu fertigen. KNDS selbst reagierte auf taz-Anfragen bisher nicht.

Offen für Rüstung

Die Arbeitnehmerseite zeigt sich angesichts fehlender Alternativen offen für diese Entwicklung. Die Vorsitzende des Volkswagen-Gesamtbetriebsrats, Daniela Cavallo, betonte zuletzt, dass Europa im Verteidigungsbereich unabhängiger werden müsse und Osnabrück hier eine Perspektive habe.

In der Belegschaft sorgt die Ungewissheit für Kritik. Die Spekulationen über mögliche Militär‑ oder Rüstungsproduktion setzten die Beschäftigten unter Druck, sagte Stephan Soldanski, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Osnabrück, im Dezember der Deutschen Presse-Agentur.

Auf der Betriebsversammlung habe Soldanski aber laut Aktionsnetzwerk die Beschäftigten dazu angehalten, sich nicht an antimilitaristischen Aktionen zu beteiligen. Er habe dazu aufgerufen, auf keinen Fall mit Ak­ti­vis­t:in­nen oder der Presse zu sprechen und behauptet, solche „Störfeuer“ seien schädlich im Kampf um zukünftige Arbeitsplätze, schreibt das Aktionsnetzwerk. Eine taz-Anfrage dazu ließ Soldanski unbeantwortet.

Ak­ti­vis­t:in­nen warnen vor schleichender Militarisierung

In der Region wird die Entwicklung kontrovers diskutiert. Während Landespolitik und Teile der Gewerkschaften vor allem den Erhalt der Arbeitsplätze in den Vordergrund stellen, warnen Friedensinitiativen vor einer militärischen Umwidmung des Werks. Ak­ti­vis­t:in­nen wie Robin Wood argumentieren, der Standort könne auch für zivile Zukunftsprojekte genutzt werden – etwa für Busse oder Kleintransporter für den öffentlichen Verkehr, für Fahrzeuge kommunaler Dienste oder für Komponenten der Energiewende.

Protest gegen eine mögliche Ausweitung der Rüstungsproduktion gab es schon im vergangenen Jahr. Bei einer Aktion gegen eine mögliche Rheinmetall-Niederlassung in der Stadt wurde etwa das Osnabrücker Heger-Tor-Kriegerdenkmal mit dem Schriftzug „Kriegstüchtig? Nicht mit uns!“ überklebt. Die Ak­ti­vis­t:in­nen kritisierten, dass ausgerechnet in der selbst ernannten „Friedensstadt“ Osnabrück – die historisch mit dem Westfälischen Frieden verbunden ist – militärische Produktion ausgeweitet werden könnte.

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