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Neues Album von MitskiIhr wird schon nichts passieren

US-Indieheldin Mitski veröffentlicht ihr neues Album „Nothing’s About to Happen to Me“. Die Songs berichten aus dem Inneren einer Menschenseele.

Kontrollfreak beim Scrollen: Mitski Foto: Lexie Alley

„I just want my mind to be clear glass/Clear glass with nothing in my head“, so heißt es in „Where’s My Phone“, dem zweiten Song auf Mitskis neuem Album „Nothing’s About to Happen to Me“. Darin versetzt sich die 35-jährige US-Künstlerin in eine Person, die gerne ein gläsernes Gedächtnis hätte: Und die Zeilen wirken wie die These, die Grundgedanken, die das achte Album der Sängerin leiten.

Musikalisch spiegelt Mitski diesen Wunsch mit dem Gegenteil: Chaos. Der Takt treibt ohne Pause voran, die Harmonik kippt zwischen Dur und Moll und erzeugt dadurch Dissonanzen, eine permanente Unruhe. In der Bridge überlagen sich die Stimmen, das Arrangement verdichtet sich noch mehr. Alles schreit, lärmt, drängt – eine Reizüberflutung wie aus dem verlorenen Telefon. Sie lässt den Wunsch nach einem leeren Kopf wie eine Erlösung wirken.

Aus allen elf Songtexten spricht ein Text-Ich, das befreit werden möchte, so scheint es, von Gedanken und Gefühlen, von Meinungen und Geheimnissen. Am liebsten möchte Mitski in den Songs eine leere Fläche sein, ein anonymer Gegenstand, nicht verformbar. Das wird schon beim Auftakt „In a Lake“ klar. Darin schildert Mitski Miyawaki, dass sie niemals in einer Kleinstadt leben könne, wo sie jede Straßenecke an Herzschmerz erinnert. Zu viele Fehler habe sie schon gemacht, zu bekleckert ist der Ruf, der niemals reingewaschen, niemals je vergessen werden kann.

Aus der Songpoesie von „Nothing's About to Happen to me“ schält sich eine Person heraus, die eigen und verschlossen charakterisiert wird. Sie lebt zurückgezogen in einem verwahrlosten, märchenhaften Haus. Frisch verlassen von der einzigen Person, die sie jemals richtig verstanden hat.

Mitski

Mitski: „Nothing’s About To Happen To Me“ (Dead Oceans/Cargo)

Ziemlich existentiell

Auf den elf, ziemlich existenziell anmutenden Songs nimmt Mitski die HörerInnen mit in ihre Gedankenwindungen, in ihre Eigenheiten und persönlichen Beobachtungen. Erzählt von den Tieren, die sie umgeben: eine Waschbärfamilie, Wespen auf dem Dach, Stechmücken, die ihr Blut trinken und eine weiße Katze, die sie im Garten beobachtet und die auch das Cover des Albums ziert, ein Auge blau, eins braun.

Dabei lassen sich Mitski selbst und die Erzählerin keinesfalls gleichsetzen, auch wenn die in Japan geborene Sängerin inzwischen dafür bekannt ist, sich abseits ihrer Musik strikt von der Öffentlichkeit abzuschotten. Profile auf sozialen Medien hat sie gelöscht, aus Selbstschutz vor allzu aufdringlichen Fans, die ihre Musik als Ventil für ihren eigenen Schmerz nutzen und Mitskis Privatsphäre verwässern zu einer amorphen, unspezifischen, ästhetischen Identität.

Als Reaktion hat Mitski Grenzen aufgezogen. Die Trennung zwischen ihrer Musik und ihrer Person soll ihren Fans klarmachen, dass sie gar nicht wissen können, wer die Künstlerin Mitski ist.

Dabei lässt sie in den Texten viel zu. In „Dead Women“ denkt sie über ihre eigene Geschichte nach und darüber, wie sie weitererzählt wird, wenn sie einmal stirbt: „Would you have liked me better if I’d died/So you could tell my story the way it ought to be?“. Gäbe es sie irgendwann nicht mehr, würde sie die so hart erkämpfte Kontrolle, die gesetzten Grenzen verlieren und zu einem neuen Wesen werden, gefüllt von Projektionen anderer: „Saying, ‚She gave her life so we could have her in our dreams‘ / ‚She gave her life so we could fuck her as we please‘“.

In den Songs erkennt man Mitskis Sound sofort wieder. Er wirkt wie ein Puzzle aus Klangelementen, der aus ihren älteren Werken zusammengesetzt ist: Treibende Drums und verzerrte Gitarren in „Where’s My Phone?“ und „If I Leave“ erinnern an den Sound von „Bury Me At Makeout Creek“. Orchester-Arrangements wirken wie eine Weiterführung des letzten Albums „The Land Is Inhospitable and So Are We“.

Die Explosion folgt auf die Stille

Dabei spielt Mitski wie so oft mit Spannungen, sorgt im einen Moment für schmerzhafte Stille und lässt im nächsten den Song regelreicht explodieren. So bleibt sie in der Schwebe zwischen Folk, Pop und Rock. Besonders sticht „I’ll Change For You“ heraus, über einen betrunkenen Anruf, der, unterlegt mit leichten Flöten und Streichern, dezent an Bossa Nova erinnert. Wie zuvor hat Mitski mit dem Produzenten Patrick Hyland zusammengearbeitet.

So trostlos wie das Leben in dem großen Haus auch klingt – Mitski singt von Einsamkeit, von Herzschmerz und vom Tod – schwach oder bemitleidenswert wirkt die Erzählerin nie. Sie scheint sich eher aktiv für die Isolation zu entscheiden, um Kontrolle über das Geschehen zu bewahren, sie selbst sein zu können. Vielmehr dreht sich der Blick im Verlauf des Albums: Nicht die Erzählerin ist diejenige, die langsam immer mehr verwahrlost, sondern die sie umgebende Welt.

Schwach oder bemitleidenswert wirkt die Erzählerin nie

Sie scheint deshalb eher Recht damit zu tun, sich so weit von ihr fernzuhalten wie möglich. Und wer hat das nicht schon einmal überlegt: bei all dem Weltschmerz sich einfach zurückziehen und nie wieder rauskommen?

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