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Ostdeutsche Allgemeine ZeitungChefredakteur sucht das Weite

Dorian Baganz, Chefredakteur der gerade erst gegründeten „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“, hat schon genug. Nun weht der Wind von rechts noch schärfer.

„Schönes Bild, toller Text“: Zumindest kurz war der Wessi Dorian Baganz Feuer und Flamme für die osttümelnde OAZ Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Wird das zum Fall für die Antidiskriminierungsbeauftragte? Ein westdeutscher Journalist heuert als Chefredakteur bei einer Zeitung an, die sich als „ostdeutsches Leitmedium“ versteht. Dann geht er nur drei Wochen nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe.

Zwar einerseits dem offiziellen Kommuniqué zufolge „auf eigenen Wunsch“. Andererseits erklärt der Geschäftsführer eben jener Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ), Dirk Jehmlich: „In den vielen Gesprächen und Zuschriften unserer Leserinnen und Leser ist deutlich geworden, dass sich eine große Mehrheit eine Chefredakteurin oder einen Chefredakteur mit ostdeutscher Biografie wünscht. Dieses Feedback nehmen wir sehr ernst.“

Die Geschichte um das Ausscheiden von Dorian Baganz, geboren 1993 in Duisburg, ist die jüngste Episode rund um Holger Friedrichs neues Projekt OAZ. Es gab und gibt Schwierigkeiten bei der Suche nach Personal, ein großer Teil der Inhalte und auch der Au­to­r:in­nen kommt vom Mutterblatt Berliner Zeitung.

Ein Redakteur der Berliner Zeitung sagt: „Nun wird also ein Ostdeutscher gesucht. Dabei war die erste Suche erfolglos, wegen Feigheit der Angesprochenen.“ So hielt sich die Zeitung zunächst an ihre eigene Parole: „Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft. Ostdeutsch ist eine Haltung. Fleißig. Loyal. Bescheiden.“

Mit kurzer Frist

Dorian Baganz verschickte am Donnerstagabend eine knappe Erklärung an verschiedene Redaktionen, Betreff: „Beendigung meiner Aufgabe als Chefredakteur der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Er habe am vergangenen Mittwoch, zwei Monate nach seiner Ernennung, „von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, das Arbeitsverhältnis während der Probezeit mit kurzer Frist zu beenden“.

In der am Freitag erschienenen vierten Wochenendausgabe der OAZ stand Baganz noch im Impressum. Sein Beitrag zum Blatt ist ein ganzseitiges Interview mit BSW-Chefin Amira Mohamed Ali. Das Editorial schrieb – anders als in den ersten drei gedruckten Ausgaben der Zeitung – nicht mehr Baganz, sondern ein Lokalredakteur.

Mögliche Gründe für sein Ausscheiden: Wenige Tage vor seiner Entscheidung, den Posten abzugeben, war bekanntgemacht worden, dass Philippe Debionne, früherer Chefredakteur des Nordkurier, den „Vorsitz der Chefredaktionen“ von Berliner Zeitung und Ostdeutscher Allgemeine übernehmen soll. Er wäre mithin eine Art Ober-Aufseher für Baganz und den neuen Chefredakteur der Berliner Zeitung, Moritz Eichhorn, geworden.

Sowohl Debionne als auch Eichhorn haben einen gewichtigen Anteil daran, dass sich Holger Friedrichs Zeitungen nach rechtsaußen öffnen. Vorläufiger Höhepunkt war ein von Eichhorn mitgeführtes doppelseitiges Interview Ende Februar in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung mit dem neurechten Vordenker Götz Kubitschek. In der Unterzeile die Frage: „Ist er zu gefährlich für ein Zeitungsinterview?“ Eichhorn und wohl auch Friedrich fanden das nicht, Baganz aber sehr wohl?

Wechsel des Themenfelds

Dorian Baganz ist ein eher linker Journalist. Er war 2019 Lokalreporter für die Süddeutsche Zeitung im Umland von München. Ende desselben Jahres schrieb er insgesamt 23 Artikel für die taz. Seit 2022 arbeitete er für die linke Wochenzeitung Der Freitag. Er schrieb über Klimathemen und soziale Umbrüche. Erst in seinen letzten Monaten bei der Wochenzeitung wechselte er das Themenfeld.

Es ging nun häufig um den Ukraine-Krieg und das BSW. Er interviewte Gabriele Gysi. Sein letzter Beitrag für den Freitag war ein Gespräch mit dem SPD-Politiker Rolf Mützenich, den er vorstellte als „letzten Pazifisten“ und „Deutschlands wichtigsten Friedenspolitiker“. Im Rückblick lasen manche in der Freitag-Redaktion diese Texte wie ein Bewerbungsschreiben bei Holger Friedrich.

Die extreme Rechte kann das Ding von Dorian Baganz eigentlich so gar nicht sein. Trotzdem war er auf seinem neuen Posten der Ostdeutschen Allgemeinen sehr loyal, zumindest zunächst. Als sich Baganz, Friedrich und Mit­strei­te­r:in­nen vor dem Start der ersten Ausgabe zur Redaktionskonferenz versammelten, durfte der Medienjournalist Jörg Wagner filmen.

In Folge #007 seines Podcasts „Medienhölle“ gibt es eine bemerkenswerte Passage, in der Baganz das gefällige Porträt von AfD-Chef Tino Chrupalla in der ersten OAZ-Ausgabe überschwänglich lobt: „Schönes Bild, toller Text, der diesem Mann einfach auch gerecht wird“ und der sich „deutlich unterscheidet von anderen Porträts dieses Mannes, die wir in der Vergangenheit gelesen haben“.

Zudem sei „Der Mann hinter den Zuschreibungen“ auch „einfach eine schöne Schlagzeile“. Gut, schließt Baganz, dass das Stück im Blatt prominent platziert sei. Ein digital zugeschalteter Teilnehmer der Redaktionskonferenz fragt, ob das alles nicht ein bisschen „zu viel ‚gute AfD‘ auf prominenten Plätzen“ sei. Baganz widerspricht: Man müsse nur „weiter runterscrollen“, dann komme „auf einem prominenten Platz auch ein BSW-Politiker“.

Damals also machte Dorian Baganz noch ziemlich viel mit. Aber irgendwann und vielleicht gerade noch rechtzeitig zog er die Reißleine. Womöglich hatte sich auch bei ihm herumgesprochen, welche Erfahrungen Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Berliner Zeitung vor ihm mit Holger Friedrich gemacht haben.

Immer häufiger meldeten sich zuletzt Kolleg:innen. Einer schildert der taz anonym, wie er von Holger Friedrich gefördert und schnell auch wieder „entfördert“ worden sei, „als nicht gepasst hat, was und wie ich zu ‚Holgers Herzensthemen‘ schreibe.“ Menschen wie Friedrich flögen „gefährlich unter dem Radar“, weil sie „nicht so laut sind wie die größenwahnsinnigen Entrepreneure unserer Zeit, die Elon Musks und Christian Wolfs, gleichsam aber umso empfindlicher und bissiger reagieren, wenn man ihre Lebensleistung nicht mit staunendem Mund würdigt, wie sie es sich wünschen. Oder sie, Gott bewahre, kritisiert“.

Bisher schweigt Dorian Baganz zur Frage, ob er mit Holger Friedrich ähnliche Erfahrungen gemacht hat. In seiner persönlichen Erklärung steht eine Andeutung: Bei der Entscheidung zum Verzicht auf den Chefredakteursposten hätten „unterschiedliche Vorstellungen über die inhaltliche Ausrichtung“ ebenso eine Rolle gespielt wie „Fragen der persönlichen Zusammenarbeit“.

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1 Kommentar

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  • Tja, als die Eltern ihren Sohn Dorian nannten, haben sie sich sicher mehr versprochen...



    Wollen wir wenigstens hoffen, dass nun die OAZ an seiner Stelle schnell altert und stirbt.