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VW, Kernkraft, WeimerDer Kulturgesinnungswart

Ein Traditionsautohersteller vor dem Abgrund, die Abkehr von Kernkraft als strategischer Fehler – und eine schwere Zeit für den Kulturstaatsminister.

Kulturstaatsminister Weimer Foto: Fabian Sommer/dpa

t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?

Friedrich Küppersbusch: Kanzler Merz kondoliert, „Habermas’ Stimme wird fehlen“.

taz: Und was wird besser in dieser?

Küppersbusch: Wir brauchen also eine andere kluge Stimme, die Merz ignorieren kann.

taz: VW baut 50.000 Stellen ab und verdient die Hälfte weniger. Überrascht Sie das?

Küppersbusch: Nö. Und jetzt ihr: VW macht 6,9 Milliarden Euro Gewinn und schüttet eine unerwartet gute Dividende aus. Wie findet ihr das? Wahrscheinlich nur schwer unter dem ganzen „VW kommt nicht mehr übern TÜV“-Radau. Dieser mediale Tenor dröhnte ohne Schwalldämpfer durch fast alle Nachrichten. Und verdeckte die eigentlich doch recht erbaulichen Neuigkeiten für die Eigentümerfamilie Piëch-Porsche und andere Aktionäre. Als Ergebnis des Brainwashs war man versucht, die armen VW-Besitzer zu bemitleiden. Statt an den neuen Tarifvertrag zu erinnern, der Lohnverzicht, Streichung von Boni und Urlaubsgeld bringt und so auch künftig zu schönen Dividenden beiträgt. Ja, aber China! E-Mobile! Lohnkosten! Standort!, brummbrummeln eilends einbestellte ExpertInnen in die Kameras. Dagegen weigere ich mich, Wirtschaftsnachrichten aus der Sicht von Konzernlenkern zu framen. Jedenfalls, solange ich nicht ihre Bonuszahlungen bekomme.

taz: Ursula von der Leyen bezeichnet die Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“. Wie viel ist diese Aussage umgerechnet in Katherina-Reiche-Einheiten?

Küppersbusch: Deutschland produziert inzwischen mehr Strom aus Erneuerbaren, als Netze tragen und Batterien speichern können. Ministerin Reiche lässt sich davon nicht verwirren und etwa Speicher und Leitungen fördern. Sie packt das Übel an der Wurzel und streicht Förderung für Erneuerbare. Mit viel Geschick könnte so ein Strommangel entstehen, der dann mit „Mini-AKW“ behoben werden soll. Die haben den Vorteil, dass es sie nicht gibt und dass sie nach Gutachten sogar teurer und giftiger produzieren würden als herkömmliche AKW. Von der Leyen bedient damit Interessen Frankreichs, das allein in Europa mit Atomtechnik Geld verdient. Reiche könnte man – wenn schon keinen umweltneutralen Strom mehr – dorthin exportieren.

taz: Was sollten künftige Generationen von der Affäre um den Deutschen Buchhandlungspreis in Erinnerung behalten?

Küppersbusch: Tja, liebe Enkel – damals wurden alle Preise und Förderungen des Kulturstaatsministers zu einem Porzellanladenpreis fusioniert, wegen nachgewiesener Expertise des Ministers. Nach seiner Ankündigung, grundsätzlich den Verfassungsschutz alle Fachjurys entmündigen zu lassen, herrschte große Bange bei Programmkinos, Bands, Festivalveranstaltern, Jazzern und vielen anderen Kulturbranchen, die bisher ministeriell bepreist oder gefördert wurden. Durch Crowdfunding entstand damals das erfolgreiche Musical „Der Kulturgesinnungswart“; es erzählte die berührende Geschichte, wie wir als Kinder die Schülerzeitung vor dem Verteilen dem Direktor vorlegen mussten. Nachdem der Minister überzeugend dargelegt hatte, in der Kulturbranche beruflich keine Chance mehr zu haben, beließ man ihn schließlich im Amt und übertrug alle Kulturförderungs-Etats unabhängigen Stiftungen und Kulturverbänden. Damit baute man auch dem Durchgriff der AfD vor und immunisierte die Kultur gegen die Politik. Für Weimer war es allerdings eine schwere Zeit.

taz: Was wäre eine gerechte Strafe für die Bayern-Stars Joshua Kimmich und Michael Olise, die sich offensichtlich absichtlich eine Gelbe Karte beim CL-Spiel gegen Atalanta Bergamo abgeholt haben?

Küppersbusch: Aktueller Inhaber des Iffland-Rings für den größten lebenden Schauspieler deutscher Zunge ist Jens Harzer. Auf Lebenszeit. Die Spieler könnten also den Ring nicht haben. Aber Bayern Harzer verpflichten.

taz: Und weil das Wort gerade gefallen ist: Fällt auch Ihnen eine Häufung der Verwendung von „wohl“ und „offensichtlich“ in journalistischen Texten beziehungsweise Teasern auf?

Küppersbusch: „Personen, die mit der Sache vertraut sind und unter der Bedingung der Anonymität sprachen“, bedrohen aktuell die Arbeitsplätze der früher „gewöhnlich gut informierten Kreise“, die nach Informationen aus gewöhnlich gut informierten Kreisen gern auch mal aus gewöhnlich gut mitsaufenden Kollegen an der Hotelbar bestanden. Auch „wohl“, „offensichtlich“ und „dem Vernehmen nach“ sind oft Tumormarker für wacklige Meldungen, die man raushauen will, bevor’s ein anderer tut. Die Häufung mag mit Clickbait zu tun haben, wie auch die grassierende Headline „was XY bedeutet – und was nicht“. Der Artikel darunter handelt also vor allem von etwas, das nicht ist. Okay, wer’s wissen wollte.

taz: Und was macht der RWE?

Küppersbusch: RWE erstmals auf dem Relegationsplatz 3, mit den meisten Toren – 59, und allerdings auch 48 Gegentoren. Das spricht so sehr für Aufstieg wie dagegen.

Fragen: waam

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Friedrich Küppersbusch
Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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