piwik no script img

Humanitäre Versorgung im GazastreifenKeine Genehmigung, keine Hilfslieferung

Tonnen an Lebensmitteln für Gaza lagern in jordanischen Lagerhäusern. Doch Hilfsorganisationen scheitern an der Koordination mit Israel.

UNRWA-Lager in Amman: Hilfsgüter, die verteilt werden wollen und sich doch stapeln Foto: Serena Bilanceri
Serena Bilanceri

Aus Amman und Marka

Serena Bilanceri

Es ist still auf dem Parkplatz. So still, dass man die Vögel zwitschern hören kann. Nichts bewegt sich. Die Lastkraftwagen sind vor den riesigen Hallen geparkt, die Esplanade ist menschenleer. Dicke Erhebungen aus brauner Erde und Stein, auf denen Gittertore und Stacheldraht thronen, umgeben die Gebäude der jordanischen Nichtregierungsorganisation Jordan Hashemite Charity Organisation (JHCO) in Marka, etwa 20 Kilometer östlich von Amman.

Diese Stille, diese Leere ist nicht zufällig. Seit sechs Monaten bewegt sich hier kaum etwas. In diesen Lagerhäusern stapeln sich Hilfsgüter für Gaza, tonnenweise. Sie gammeln langsam vor sich hin, statt die Not der Menschen im Kriegsgebiet zu lindern. Denn sie in den Gazastreifen hineinzubringen, ist schon länger kaum mehr möglich.

In der Lagerhalle, deren Rolltor Direktor Wisam al-Saqqa dann hochzieht, glänzen reihenweise weiße Mehlsäcke, aufgestapelt und in Plastikfolie eingewickelt. 16 pro Palette, mehrere Kilo schwer, auf zwei Etagen entlang der gesamten Wand. Daneben ein Korridor und dann weitere Reihen von Paletten auf dreistöckigen Metallregalen, drei lange Linien von Kunststoff und Lebensmitteln, Medikamenten, Seifen, Shampoos, alle in Kartons verpackt. Der Boden schimmert unter den Sonnenstrahlen, die aus den Fenstern in den Raum dringen, ein Geruch von Klebstoff hängt in der Luft.

Al-Saqqa steht mitten in der Halle, nahezu menschenleer und voller Waren, in gestreiftem Hemd und Warnweste mit der jordanischen Flagge. Neben den Regalen sieht er winzig aus. „Vor September konnten wir alle zwei Tage hundert Lastkraftwagen schicken. Aber jetzt stecken wir fest. Wir wollen diese Waren befördern“, sagt er.

An der Grenze muss mehrfach umgeladen werden

Etwa 3.000 Lastkraftwagen könnte die Organisation JHCO sofort nach Gaza schicken. 20 Tonnen Hilfswaren pro Fahrzeug, 750 Pakete, jedes mit genug Essen, um eine Familie bis zu drei Wochen mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch noch immer habe der Verein keine klaren Anweisungen erhalten, seine Konvois loszuschicken, sagen die Mitarbeiter*innen. Das israelische Militär schreibt hingegen, es koordiniere weiterhin mit internationalen Nichtregierungsorganisationen, die Hilfsgüter nach Gaza bringen wollen.

Doch im September 2025 schloss Israel den Grenzübergang Allenby Bridge für Hilfslieferungen aus Jordanien, nachdem ein Fahrer israelische Sicherheitskräfte erschossen hatte. Jetzt müssen die Waren mehrfach umgeladen werden, um die Grenze zu passieren.

„Unsere Lagerhäuser sind voll“, sagt Direktor al-Saqqa. Gerade versucht der Verein, Hilfe vor Ort in Gaza mit Partnern aus der Region zu organisieren. Al-Saqqa, kurze, melierte Haare und markante Augenbrauen, lächelt selten. Er lacht aber, wenn man ihn fragt, ob dies nicht weitere Herausforderungen mit sich bringe. Wo ein Wille, da ein Weg.

Lebensmittel, die im Frühjahr 2026 ablaufen werden

22 Kilometer weiter westlich, nicht weit entfernt von einem palästinensischen Flüchtlingslager in Jordanien, spielt sich eine ähnliche Szene ab. Neben einem Parkplatz erhebt sich eine 20 Meter lange Lagerhalle, ein Labyrinth aus aufgetürmten Paletten, verpackten Säcken und Boxen. Vier Fahnen der Vereinten Nationen hängen schlaff aus dem Metallraster unter dem Dach, auf einige Pakete ist das hellblaue Logo des UN-Kinderhilfswerks Unicef geklebt.

Es ist ein Lagerhaus des Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge der Vereinten Nationen (UNRWA) in Umm al-Hiram, einem Viertel im Süden der Hauptstadt Amman. Auch hier lagern Hilfsgüter für Gaza, die ihre Empfänger noch nicht erreichen konnten. Matratzen, Decken, Nahrungsmittel. Lebensmittel, die zwischen April und Mai 2026 ablaufen werden. 30.000 Boxen davon. 196.200 Decken. Und dann Reis, Zucker, Mehl. Insgesamt 1.906 Paletten in verschiedenen Lagerhallen, erklärt UNRWA. Hilfswaren, die verschiedene Länder bezahlt oder gespendet haben – unter ihnen Deutschland. 79 Millionen Euro hat die Bundesrepublik dem Hilfswerk im September 2025 zugesagt.

In einem orangefarbenen Büro der UNRWA-Zentrale in Amman sitzt der Landesdirektor Olaf Becker in Anzug und Krawatte am Schreibtisch und erzählt auf Deutsch: Die Lieferungen nach Gaza seien in den zwei Jahren Krieg immer schwieriger geworden.

Zunächst durften geschlossene Container geschickt werden, dann mussten es Pritschenwagen sein. Dann kam der erste Ramadan, und die Datteln kamen zurück. „Die Kerne könnten angeblich als Munition benutzt werden für Schleudern“, seufzt Becker. Dann standen Feuchtigkeitscremes für Frauen unter Verdacht, weil sie ein Prozent Glycerin enthielten. „Da wurde uns gesagt, das könnte von der Hamas als Sprengstoff benutzt werden.“

Immer neue Anweisungen

Seit März 2025 dürfe das Hilfswerk keine Waren mehr nach Gaza schicken. Israel warf 2024 einigen UNRWA-Mitarbeitern vor, sich am Massaker des 7. Oktober beteiligt zu haben. Durch eine unabhängige Untersuchung wurde festgehalten, dass wohl neun Angestellte verwickelt waren. UNRWA beschäftigte gut 12.000 Menschen im Gazastreifen. Das Hilfswerk darf in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten nicht mehr aktiv sein.

Das Hilfswerk muss seine Waren an andere Organisationen und UN-Agenturen spenden, um sie nach Gaza zu bringen. Und selbst so bleiben noch tonnenweise Hilfsgüter, darunter 60.000 Zelte, in den Lagern. Etwa 20 olympische Schwimmbäder voller Lebensmittel, sagt Becker. Die Lage in Gaza habe sich nach der Waffenruhe lediglich etwas verbessert. Dabei liegt Amman nur 150 Kilometer von Gaza entfernt. „In ein, zwei Tagen könnte alles dort sein.“

Die Schilderungen von UNRWA und JHCO werden vom Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) größtenteils bestätigt. Demnach sind die größten Hindernisse: komplexe und unvorhersehbare Genehmigungen auf mehreren Ebenen, eingeschränkte Einfuhrquoten und Öffnungszeiten der Grenzübergänge, abgelehnte humanitäre Hilfsgüter, weil sie angeblich militärisch benutzt werden könnten. Hinzu komme die Schließung der direkten Lieferroute über die Allenby-Brücke. Und dann mussten sich jüngst alle im Gazastreifen aktiven Nichtregierungorganisationen in Israel neu registrieren.

Warten auf Hilfe

Das war noch vor dem US-israelischen Krieg mit dem Iran. Nach Beginn des Konflikts hat Israel die Grenzübergänge nach Gaza geschlossen. Auf Nachfrage schreibt die israelische Behörde Cogat, Kerem Schalom sei inzwischen wieder geöffnet und Hunderte Lastkraftwagen mit Hilfsgütern hätten diese Woche die Grenze passiert, auch aus Jordanien. Vor der Eskalation seien 4.200 Lkws pro Woche nach Gaza gefahren. Auch hätten die neuen Registrierungsregeln für die Organisationen kaum Auswirkungen auf die Lieferungen gehabt.

Seit über einem Jahr beschuldigen sich NGOs und israelisches Militär gegenseitig, Hilfe nach Gaza zu behindern. In der Zwischenzeit warten viele: die Menschen in Gaza auf Hilfsgüter, die Hilfsgüter in ihren Lagerhallen auf die Weiterreise.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare