Ressourcenkonflikte im Irankrieg: Die dritte große Ölkrise
Der wirtschaftliche Kollateralschaden des Irankriegs hat die Welt erfasst. Trumpf des Mullah-Regimes bleibt die Straße von Hormus. Kommen die autofreien Tage wieder?
W ir erleben „die größte Versorgungskrise in der Geschichte des globalen Ölmarkts“. Die nach den Energiekrisen der 1970er Jahre als Wachhund eingesetzte Internationale Energieagentur hat aus gutem Grund die Alarmtaste gedrückt. Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran besitzt inzwischen das Potenzial, eine dritte große Ölkrise auszulösen.
Mit dem Bombardement der Öl-Insel Kharg hat der Krieg eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Insel ist der Knotenpunkt für die Pipelines Irans. Dort wird das Öl auf Tanker gepumpt, dort schlägt die wirtschaftliche Lebensader. Der US-Luftangriff hat zwar „nur“ die militärischen Schutzeinrichtungen ausgeschaltet. Doch jetzt droht der US-Präsident mit einem Angriff auf die Öl-Terminals von Kharg – Trump: „weil es mir Spaß macht“ – falls die Straße von Hormus nicht freigegeben werde.
Iran wird das Quälpotenzial der Meerenge weiter nutzen – sein größter Trumpf im Krieg gegen einen militärisch hoch überlegenen Gegner. Gepaart mit Militärschlägen gegen die Öl-Infrastruktur in den Golfstaaten werden die USA damit an der für Trump empfindlichsten Stelle attackiert: den Märkten. Der heftig gestiegene Öl- und Gaspreis trifft Industrien und Verbraucher und schickt die Börsen auf Talfahrt.
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Mit jedem neuen Kriegstag steigen mit fast naturgesetzlicher Konstanz die Ölpreise. Zeitgleich verlieren Trumps Wähler ihr Geld – an der Börse und an der Zapfsäule. Die USA müssen trotz Frackings beträchtliche Mengen Öl importieren. Auch in den USA ist Benzin teuer geworden, in einem Land, in dem zwei Grundbedürfnisse nicht verhandelbar sind: das günstige, über den Tellerrand wabernde Steak und die billig vollgetankten Großlimousinen und Pick-ups.
400 Millionen Barrel Öl-Notreserven der OECD-Staaten konnten den Markt nicht beruhigen, zumal die Weltgemeinschaft täglich mehr als 100 Millionen Barrel des noch immer wichtigsten Energieträgers verbraucht. Der Tagesverbrauch entspricht dem berühmten Güterzug mit Öl-Waggons von Sizilien bis Norwegen. Mit der Freigabe eines Teils der Notreserve war allen klar, dass eine Notlage entstanden ist. Das treibt den Ölpreis erst recht nach oben.
Jetzt soll die von Trump angekündigte militärische Eskorte die Öltransporte durch die Straße von Hormus absichern. Es scheint fraglich, dass er damit Erfolg hat. Zumal jene Länder wie China, Frankreich, Großbritannien entweder zu Trump auf Distanz gehen oder sich mit den USA in einem absurden Wirtschaftskrieg befinden. Eine noch so große US-Armada wird die Reeder kaum überzeugen. Ihre Schiffe sind nicht mehr versichert. Welcher Eigner riskiert Leib und Leben seiner Crew und den möglichen Totalverlust des Schiffs?
Wegen der Hormus-Blockade wird aus den Golfstaaten immer weniger Öl abtransportiert, die Lager laufen voll. Direkte Folge: Die Förderung muss zurückgefahren werden. Ausweitung und Reduzierung der Ölförderung sind komplizierte Prozesse. Ein Ölfeld ist kein unterirdischer See, in dem nach Belieben mal mehr, mal weniger abgepumpt wird. Die Druckverhältnisse dort sind sensible Größen, die behutsam verändert werden müssen. Wird die Förderung gedrosselt, kann es Wochen dauern, bis sie danach wieder ihr altes Niveau erreicht. Selbst nach einer schnellen Waffenruhe wird Business as usual also noch lange nicht zurückkehren. Zumal die vielen hundert im maritimen Stau stehenden Öltanker nach Kriegsende nur langsam die Meerenge von Hormus passieren können.
Revival der autofreien Tage
Angesichts dieser rabenschwarzen Aussichten ist Energiesparen die dringend gebotene Antwort. Ist das mit dieser Regierung zu machen? Notwendig wäre ein Entzug im Autoverkehr, ran an die Herrschaft der Geschwindigkeit. Tempolimits, wie sie bei der ersten Ölkrise 1973 die Regierung Brandt durchgesetzt hatte, sparen Sprit und machen die brenzlige Lage allen bewusst. Oder die Anordnung autofreier Tage. Die waren überraschend populär und mündeten 1973 in unvergessene Happenings auf leergefegten Autobahnen mit spielenden Kindern und johlenden Wandergruppen.
53 Jahre später ist es immerhin erstaunlich, wie schnell sich die schwarz-roten Energiepolitiker bei Benzinpreisen über zwei Euro von der heiligen Marktwirtschaft verabschieden. Schluss mit der Abzocke heißt es jetzt, Übergewinnsteuern werden verlangt und ein Verbot für mehrere Preiserhöhungen an einem Tag. Gleichzeitig gebiert die Krise aktionistische Schrullen, wie den Vorschlag, das Fracking auch in Deutschland anzupacken. Doch bis auch nur ein geeignetes Gebiet ausgewählt, erkundet und eine Genehmigung erteilt wäre, würden schon mal Jahre ins Land gehen. Das Thema Fracking ist genauso wie die Atomkraft aus gutem Grund beerdigt worden. Der Vorstoß zeigt, dass kein Hirngespinst zu abstrus ist.
Hauptsache, man muss nicht anerkennen, dass die erneuerbaren Energien, dass Wärmepumpen und Elektroautos die mehr denn je gebotenen Alternativen sind, um der fossilen Falle zu entkommen. Es wäre das Eingeständnis, dass der grüne Umweltzirkus womöglich recht behalten hat. Wärmepumpen und Elektroautos erleben derzeit einen fulminanten Anschub. Autohändler berichten von starker Nachfrage nach Stromern, und mit jeder weiteren Preiserhöhung an den Tankstellen verstärkt sich dieser Trend. Die Verbraucher sind offenbar weiter als die Politik. Gut möglich, dass sich die fossile Krise nicht nur in Autohäusern, sondern auch auf Wahlzetteln niederschlägt. Parteien, die jetzt noch Verbrenner und Ölheizung als Zukunftsmodell anpreisen, die die Solarförderung eindampfen und in großem Stil Gaskraftwerke bauen wollen, geraten in Erklärungsnot.
Weitere Eskalationen in diesem Krieg, eine sich weiter verschärfende Versorgungslage mit entsprechend tiefer Erschütterung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise mag man sich nicht vorstellen. Schon jetzt sind durch Angriffe von Drohnen, Bomben und Raketen zehn Länder direkt betroffen. Der Kollateralschaden hat indes die ganze Welt erfasst.
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