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Krise der SPDMitleid ist noch schlimmer als Spott. Also weiterlachen!

Der SPD geht es schlecht, Hohn kommt von allen Seiten. Dabei hat die Partei ein Alleinstellungsmerkmal, meint unser Autor.

Das war nix: Parteimitglieder der SPD verfolgen die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl in Baden-Württemberg Foto: Christoph Schmidt/dpa

N ichts ist leichter, als fröhlich auf der SPD herumzuhacken. Ihre Schwäche ist so offensichtlich, dass sich der Spott geradezu anbietet. Hemmungen gibt es keine, selbst wenn die Partei am Boden liegt wie in Baden-Württemberg mit 5,5 Prozent. Auch das edle Gebot von Kurt Tucholsky, wonach Satire „nicht nach unten treten“ sollte, gilt für die SPD nicht, weil sie ja in Berlin noch oben an der Macht ist und dauernd irgendetwas mitbeschließt, was irgendwelche Leute sehr verärgert. Mal die Linken, mal die Rechten. Der Hohn kommt von allen Seiten.

Ich gebe zu: auch von taz-Titelseiten. Weil uns distanzloses Bejubeln von Parteien fernliegt, pflegen und bedienen wir seit jeher lieber die menschliche Tradition der Schadenfreude. Die kann alle treffen, aber die SPD drängt sich besonders auf. Allein in dieser Woche dreimal, von den „Magenkrämpfen bei der SPD“ nach der Wahl in Rheinland-Pfalz über den Münchner Nicht-mehr-Oberbürgermeister Dieter Reiter – „Rentner (67) fliegt aus seinem Haus“ – bis zur Reformrede des unbeliebten SPD-Chefs: „Klingbeil droht an, noch länger zu arbeiten“.

Auch ich mache gerade Überstunden, um diesen Text zu schreiben. Weil ich nun doch ein bisschen Mitleid spüre. Und Melancholie. Denn das mit mir und der SPD hat mal ganz anders angefangen. Ich war 18 und suchte Hoffnung, weil ich geschockt war. Bei der Europawahl 1989 hatten die AfD-ähnlichen „Republikaner“ in meiner Heimatstadt Nürnberg fast 18 Prozent bekommen, und mir fiel nichts Besseres ein, als noch am selben Abend in die SPD einzutreten.

Die ruhige, stets kompromissbereite SPD schien mir am ehesten geeignet, um den Rechtsruck aufzuhalten und die Gesellschaft zu versöhnen. Was wohl auch daran lag, dass ich sie einst auf den Schultern meines Vaters kennengelernt hatte. Den Redner Helmut Schmidt hätte ich sonst nicht gesehen. Damals, 1980, man kann es sich kaum noch vorstellen, füllten Tausende den Hauptmarkt, um den SPD-Kanzler gegen den CSU-Kotzbrocken Franz Josef Strauß zu unterstützen. Ein Choleriker, der über harmonieorientierte Menschen sagte: „Wer Everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt Everybody’s Depp.“ Heute scheint ihm das Schicksal der SPD leider recht zu geben.

Also trat ich aus

Meine Mitgliedschaft währte nur kurz. Die Jusos, die ironiefrei „auf die Revolution“ anstießen, stießen mich schnell ab. Wer so anfängt, dachte ich mir, kann am Ende nur enttäuscht sein. So wirkten auch die müden Alten im Ortsverein, die kontrovers über die Dekoration bei der Weihnachtsfeier diskutierten. Sinnsuche war schon immer schwer. Aber es lag auch an mir. Ich wollte lieber unabhängig über Politik schreiben als mitzumachen. Außerdem ärgerte ich mich über die damalige Weigerung der SPD, mit der linken PDS zu koalieren. Also trat ich aus.

Weil nun oft behauptet wird, niemand wisse mehr, wofür die SPD steht: Es ist die Fähigkeit zum Nachgeben. Eine ehrenwerte Eigenschaft

Geblieben ist mein Respekt für die Menschen in der SPD, die ohne Hetze Wahlkampf machen. Die sich ehrlich für mehr Gerechtigkeit einsetzen wollen und die versuchen, auch bei schwierigen Konflikten einen Kompromiss zu finden. Das fällt Leuten leichter, die nicht auf ein Problem fixiert sind wie die Grünen (ganz schnell das Klima retten), die CDU (ganz schnell das Stadtbild retten) oder die FDP (Zahnärzte retten). Wenn nun oft behauptet wird, niemand wisse mehr, wofür die SPD steht: Das ist es. Die Fähigkeit zum Nachgeben. Die ist ehrenwert und sollte nicht verächtlich gemacht werden. Wann war Kompromissbereitschaft wichtiger als jetzt, wenn sonst keine Regierung ohne AfD gebildet werden könnte?

Trotzdem gibt es natürlich reine Machtgier, die wir kritisieren müssen, und grobe Fehler, die wir karikieren dürfen. Darauf aus Mitleid zu verzichten, würde bedeuten, der SPD gar nichts mehr zuzutrauen und sie wie eine Sterbenskranke zu behandeln. Also wie die FDP. Das wäre zu hart. Dann lieber weiterlachen!

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Lukas Wallraff
taz.eins- und Seite-1-Redakteur
seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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