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Kosten des Kriegs mit IranDer Preis des Wegsehens

Der Krieg gegen Iran ist gefährlich. Ebenso hat die jahrelange Zurückhaltung gegenüber dem islamistischen Regime einen hohen Preis.

Krieg mit Iran: Eine Frau in Teheran nimmt am 2. März mit ihrem Handy ein Video auf Foto: Sasan/Middle East Images/imago

Der Krieg mit Iran, so befürchten manche, könnte bald in den dritten Weltkrieg münden. Sich zu sorgen ist menschlich, Angst vor Krieg und Gewalt sowieso. Doch nicht nur eine kriegerische Eskalation ist gefährlich – sondern auch, bestehende Konflikte zu ignorieren: Der derzeitige Krieg in Iran ist eine Folge einer jahrelang von der iranischen Führung betriebenen, ihrerseits eskalativen Politik. Es gab viele Versuche, dieser Politik diplomatisch zu begegnen – in der Summe mit enttäuschendem Resultat. Dass dem Regime irgendwann also mit Gewalt begegnet werden würde, war nur eine Frage der Zeit. Ebenso wie das absehbare Ergebnis, dass alle Seiten für diesen Konflikt einen hohen Preis bezahlen würden.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Kriegs gegen Iran sind ernst: Iran blockiert de facto die Straße von Hormus und droht mit dem Angriff auf Schiffe, die sie durchqueren wollen. Wer die Meerenge zwischen Iran, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten dennoch passieren will, muss Berichten zufolge Schmiergeld an Iran bezahlen. Außerdem greift Iran seit Beginn der Konfrontation Anlagen der Energieindustrie – etwa Raffinerien oder Exportanlagen – in den benachbarten Golfländern an.

Der Preis für ein Barrel Rohöl, der in den zwölf Monaten vor dem Krieg zwischen 55 und 80 US-Dollar pro Barrel schwankte, ist auf fast 100 US-Dollar hoch geschossen. Das ist längst auch in unserem Alltag spürbar: etwa an der Tankstelle, oder längerfristig – wegen steigender Transport- und Fertigungskosten – bei wohl allen Konsumgütern.

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Selbst Katar nennt Iran nun „Feind“

Während der Islamischen Republik die Zustimmung der Bevölkerung zum Vorgehen seiner Führung seit geraumer Zeit egal ist, sollte US-Präsident Donald Trump doch auf die Zustimmung zumindest seiner Wähler schauen. Sie ist an einem Tiefpunkt angekommen und liegt derzeit bei nur 36 Prozent. Ein Grund dafür sind die hohen Spritpreise in den USA.

Die Islamische Republik tut nun genau das, was Analysten immer befürchtet hatten: Sie nutzt die Geografie, das Nadelöhr der Straße von Hormus, als Mittel zur Erpressung. Der Druck auf die Weltwirtschaft soll an die USA weitergegeben werden und diese damit vom Krieg abgebracht werden, so die Kalkulation.

Doch Iran hat sich wohl verkalkuliert: Auf X schreibt der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Abdullah Bin Zayed: „Wir werden uns niemals von Terroristen erpressen lassen.“ Selbst Katar, das lange auf ein zumindest gewisses Niveau der Verständigung mit Iran setze, nennt den Nachbarn nun „einen Feind“.

Ob Syrien, Libanon, Jemen oder Israel

Die Islamische Republik war immer ein Paria-Staat, seine Interventionen in der Region vor allem den arabischen Golfstaaten ein Dorn im Auge. Denn an jedem größeren Konflikt in der Levante in den vergangenen Jahren war Iran beteiligt.

In Syrien hat die Islamische Republik das Regime von Baschar al-Assad unterstützt – das allein im Bürgerkrieg ab 2011 nach Dokumentation des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte über 170.000 Zivilistinnen und Zivilisten getötet hat. Ohne die Islamischen Revolutionsgarden, ohne die Unterstützung aus Iran und später auch aus dem Iran nicht abgeneigten Russland wäre das nicht möglich gewesen.

In Libanon haben die iranischen Revolutionsgarden an der Gründung der Schiitenmiliz Hisbollah mitgewirkt, sie unterstützt und aufgerüstet, bis sie dem libanesischen Staat selbst gefährlich wurde. Wer sich der Hisbollah in den Weg stellte, ob Dissident oder Politiker, wurde ermordet. Als die Hisbollah im Jahr 2008 im Zentrum der Hauptstadt Beirut aufmarschierte, sich Kämpfe mit der Armee lieferte, weil ihr politische Entscheidungen nicht passten, war eine neue Stufe der Entmachtung des libanesischen Staates erreicht.

Auch den Krieg im Jemen – mit Hunderttausenden Toten und Binnenvertriebenen – hätte es ohne das iranische Regime in dieser Form nicht gegeben. die Iraner rüsteten die Miliz Ansar Allah, auch Huthis genannt, auf und führten mit ihr einen Stellvertreterkrieg gegen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Schon damals griffen die Huthis saudische Raffinerien an.

Bis heute kontrollieren sie den gesamten Westen des Jemens und haben eine Parallelregierung installiert – und nutzen für ihren Krieg ebenfalls ihre geografische Lage: Das von den Huthis kontrollierte Gebiet in Jemen grenzt an das Rote Meer. Seit Oktober 2023 haben sie dort immer wieder die Schifffahrt angegriffen und ebenfalls versucht, einen Wirtschaftskrieg vom Zaun zu brechen. Auf Befehl Teherans, versteht sich.

Auch der Irak ist politisch tief gespalten und praktisch kaum handlungsfähig; auch dort unterhält die Islamische Republik bewaffnete Parallelstrukturen, die sogenannten Popular Mobilization Forces.

Welchen Effekt die iranische Unterstützung der Milizen Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad in den palästinensischen Gebieten hatte, sollte spätestens seit dem 7. Oktober 2023 bekannt sein. Unter allen Proxies, also regionalen Stellvertretern des iranischen Regimes, agierte die Hamas wohl am ehesten autonom. Doch der Transfer von Know-how etwa beim Bau von Raketen, und die lange bestehende Unterstützung durch Iran ermöglichten ihr, israelische und palästinensische Zivilisten so anzugreifen, wie sie es tat und tut.

Iran wurde gefürchtet

Mit dieser Taktik, Milizen zu unterstützen und strategisch zu nutzen, der vom Regime so genannten „Achse des Widerstands“, hielt Iran die ganze Region in seiner Faust. Selbst die technisch und finanziell weit überlegenen Staaten Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate kamen gegen die von Iran unterstützten Huthis im Jemen kaum an.

Iran wurde gefürchtet. Wohl auch deshalb setzte der Westen – selbst dann, als die Revolutionsgarden mit Hisbollah und Assads Anhängern durch Syrien marodierten – auf Diplomatie, auf Annäherung und Deeskalation.

Der Versuch war nicht falsch. Doch er funktionierte nicht. Zwar unterbrach das Atomabkommen zwischen Iran und den USA von 2015 bis 2018 temporär die Anreicherung von waffenfähigem Uran und die Weiterentwicklung nuklearer Bewaffnung durch das Regime. Doch derweil wuchs und gedieh das Raketenprogramm, bauten die Proxies ihre Macht weiter aus.

Was, wenn Teheran irgendwann nukleare Waffen hat?

Alles hat einen Preis. Das, was man tut. Und das, was man nicht tut.

Auch der Preis, dass dem Regime in Iran so lange nicht ausreichend begegnet wurde, ist hoch: Es hat die Kapazität erlangt, mittlerweile einen Monat lang Krieg gegen seine Nachbarländer und gegen Israel zu führen. Sein Raketenarsenal ist massiv und wird wohl stetig weiterentwickelt. Inzwischen haben die aus Iran abgeschossenen Raketen Steuermodule, mit denen sie ihre Laufbahn ändern können – und die so das Abfangen deutlich erschweren. Auch in Drohnen hat das Regime investiert, ein Großteil der Angriffe auf etwa die Vereinigten Arabischen Emirate erfolgt so. Drohnen sind günstig zu produzieren, aber teuer abzufangen.

Was wäre, wenn, fragen sich viele Analysten: Was wäre, wenn Iran seine Raketensteuerung weiter verbessert? Was wäre, wenn Teheran doch irgendwann eine nukleare Bewaffnung gelingt? Wäre dem Regime dann überhaupt noch beizukommen?

Keine Frage: Ein so tief eingegrabenes System wie das der Islamischen Republik ist nicht einfach zu bekämpfen. Vor allem nicht von außen, nicht durch militärische Gewalt, nicht aus der Luft. Und doch reifte in vielen Staaten der Region – nicht nur in Israel – wohl die Erkenntnis: Bestehen bleiben, wie sie ist, sollte die Islamische Republik nicht.

Einen Deal machen oder nicht?

Es gibt keine guten Optionen, keinen garantierten Weg zu Frieden. Nur Abwägungen. Der Preis des Krieges ist hoch. Der Preis der Diplomatie ist es auch.

Die nächste Abwägung steht gerade im Raum: To make a deal, or not to make a deal. Denn auch über die wirtschaftlichen Schocks hinaus, für die Trump und seine Regierung von vielen verantwortlich gemacht werden, zahlen die USA, Israel und die Golfstaaten einen hohen Preis. Dutzende zivile Tote gibt es dort bereits – auch in Iran und Libanon, und zwar dort deutlich mehr.

Derzeit kann die Luftabwehr noch immer einen Großteil der Raketen und Drohnen aus Iran abfangen. Doch dass die Zahl bestimmter Typen von Abwehrraketen langsam zuneige geht, scheint kaum mehr umstritten. Niemand kann diesen Krieg ewig durchhalten – egal, wie überlegen die Technik des Westens prinzipiell auch ist.

Die Emirate warnen vor einem zu schnellen Ende

Krieg ist einfach zu beginnen, aber schwer zu beenden. Für einen Deal würden alle Beteiligten einen hohen Preis zahlen: das iranische Regime, weil es zumindest einige Bedingungen der USA erfüllen müsste. Die USA, weil sie zumindest einige Konditionen Irans erfüllen müssten. Einen Sieg könnten beide nicht reklamieren.

Vor einem hohen Preis, der zu zahlen wäre, wenn dieser Krieg demnächst enden sollte, fürchten sich auch einige Golfstaaten. Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate in den USA hat das jüngst sehr deutlich gemacht. Die vergangenen Kriegswochen hätten gezeigt, was man seit fast 50 Jahren gewusst habe – Irans Regime sei eine Bedrohung für die globale Sicherheit und die wirtschaftliche Stabilität, schrieb er im Wall Street Journal. Der Krieg brauche einen definitiven Ausgang, „der dem gesamten Spektrum der Bedrohungen durch Teheran beikommt“.

Frühzeitiger Frieden, so die Argumentation der Emirate, wäre also sehr teuer. Auch eine Fortsetzung des Kriegs kostet. Doch ebenso wäre es teuer geworden, ihn nicht zu beginnen.

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