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Andreas Büttner tritt aus der Linken ausEin folgenschwerer Beschluss in Niedersachsen

In der Linken wird weiter über ihr Verhältnis zu Israel gestritten. Jetzt hat Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter seinen Parteiaustritt erklärt.

Andreas Büttner, Linken-Politiker und Antisemitismusbeauftragter Brandenburgs, reicht es: Er ist aus der Partei ausgetreten Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Eigentlich würde Jan van Aken lieber über anderes sprechen, zum Beispiel die erfolgreichen Kommunalwahlen in Hessen. Doch die Fragen an den Linken-Vorsitzenden auf der turnusgemäßen Pressekonferenz am Montag im Berliner Karl-Liebknecht-Haus drehen sich vor allem um ein Thema: den Parteiaustritt von Andreas Büttner, dem brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten. Er könne dessen Entscheidung zwar „ein bisschen nachvollziehen“, bedauere sie jedoch „sehr“, sagt van Aken. „Ich finde, er hätte weiter in dieser Partei arbeiten sollen.“

Es ist das Ende eines längeren Entfremdungsprozesses. „Es geht nicht mehr“, beginnt Büttner sein am Sonntagabend verfasstes Austrittsschreiben. „Und ich will nicht mehr.“ Ihm falle der Austritt nicht leicht und er habe lange gezögert. „Aber ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich feststellen muss: Ich kann nicht länger Mitglied dieser Partei bleiben, ohne meine eigenen Überzeugungen zu verraten“, schreibt der 52-jährige Brandenburger.

Konkreter Anlass für seinen Austritt ist ein Beschluss auf dem Parteitag des niedersächsischen Linken vom Sonntag. Darin lehnt der Landesverband „den heute real existierenden Zionismus“ ab, bezichtigt Israel gleich fünfmal eines „Genozids“ in Palästina und zweimal der „Apartheid“ sowohl in den besetzten Gebieten als auch innerhalb des israelischen Staates. Die Hamas findet hingegen nur einmal eine knappe Erwähnung. Über den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 findet sich kein Wort.

Mit der Ablehnung des Zionismus sei „eine Grenze überschritten“, schreibt Büttner. Denn das bedeute „nichts anderes, als das Existenzrecht Israels infrage zu stellen“. Schließlich sei Zionismus „die Idee, dass das jüdische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung in einem eigenen Staat hat“. Wer diesen Gedanken grundsätzlich ablehne, stelle die Existenz dieses Staates infrage. „Ich kann und werde das nicht akzeptieren“, so Büttner weiter. Wer außerdem Israel pauschal als „genozidalen Staat“ diffamiere, übernehme Narrative, die Bestandteil moderner antisemitischer Ideologie seien.

Nach Anschlag drei Tage Stille

Kritik übt Büttner auch an den Reaktionen aus der Partei auf einen Brandanschlag auf sein Anwesen im Januar. Zwar habe sich van Aken am Tag nach dem Anschlag bei ihm gemeldet. Dass die Parteiführung jedoch drei Tage gebraucht habe, „um sich überhaupt in irgendeiner Form dazu öffentlich zu äußern“, habe ihn „tief verletzt“. Das sei „ein Moment“ gewesen, „in dem ich sehr deutlich gespürt habe, wie groß die Distanz zwischen mir und meiner eigenen Partei inzwischen geworden ist“. Als „absurd“ bezeichnete er die „Behauptung, es gebe in dieser Partei kein Antisemitismusproblem“.

Parteichef van Aken bemüht sich am Montag um Schadensbegrenzung. Dass die Parteiführung ein Antisemitismusproblem in der Linken verkenne, könne er „nicht so stehen lassen“, sagte er. „Vielleicht gibt es Einzelpersonen, die ein Antisemitismusproblem haben“, relativiert er. Die Linke hingegen sei „die Partei, die am stärksten in Deutschland sich immer gegen jede Art von Antisemitismus gewendet haben“.

Den niedersächsischen Beschluss fände er zwar „nicht gut“, weil er eine „grobe Schlagseite“ hätte. Aber er bewege sich trotzdem „ganz klar“ im innerparteilichen Meinungskorridor. So sei die Behauptung, dieser Beschluss richte sich generell gegen den Zionismus, „einfach falsch“. Wenn auch „unglücklich“ formuliert, gehe es vielmehr nur um „das, was heute von der rechtsextremen Netanjahu-Regierung praktiziert wird“. Allerdings wirke der Beschluss insgesamt „so, als ob es da mehr um so einen ideologischen Streit um Begriffe geht und weniger darum, jetzt die Situation der Menschen in Palästina und Israel zu verbessern“, räumte van Aken ein. Er selbst verwende Begriffe wie „Genozid“ und „Apartheid“ in Bezug auf Israel nicht.

Büttner war seit 2015 Mitglied der Linkspartei. Zuvor war der gläubige Mormone in der FDP aktiv gewesen, für die er in Brandenburg zeitweise auch als Landesgeneralsekretär und Landtagsfraktionsvorsitzender tätig war. Als der frühere Polizeibeamte im Juni 2024 als Beauftragter zur Bekämpfung des Antisemitismus im Land Brandenburg vereidigt wurde, verließ die rechtsextreme AfD-Fraktion aus Protest den Plenarsaal.

Mit deutlichen Worten kritisierte Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow den Beschluss seiner niedersächsischen Genoss:innen. Hier werde „das Leid der Palästinenser zum innerparteilichen Landgewinn“ missbraucht, sagte er dem Spiegel. Die Linke müsse aufpassen, von einer politisch wirksamen Partei nicht zu einer Glaubensgemeinschaft, „um nicht von einer Sekte zu sprechen“, zu werden.

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14 Kommentare

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  • "Über den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 findet sich kein Wort."

    So geht das nicht liebe Linkspartei!

  • Herr Büttner sieht sich aufgrund des Antisemitismus in der Linken zur Flucht aus der Partei getrieben, Gysi soll zu einer antirassistischen Weiterbildung geschickt werden, weil er es gewagt hat, das Thema Antisemitismus in der Linken anzusprechen, da kann man sich schon fragen, was ist los bei der Linken?



    Was tun Reichinnek und van Aken? Abwiegeln und relativieren, nichts weiter. Es wird sich geweigert, das Problem wahrzunehmen.

  • es war büttners entscheidung, die partei vor seinem eventuellen ausschluss zu verlassen (das laufende verfahren wird in diesem artikel gar nicht erwähnt). seine begründung fällt dann auch recht larmoyant aus. nachvollziehbar ist für mich seine kritik der fehlenden unterstützung der parteispitze nach dem farbanschlag auf sein privathaus. alllerdings dies mit dem wachsenden antizionismus in der partei in verbindung zu bringen, der ja fast ausschließlich von den neuen sehr jungen mitgliedern eingebracht wird, ist schon deshalb irreführend, weil die älteren parteispitzen wie paus, lederer damals schirdewan und ramelow dem antizionismus genau gegenüberstehen und ihn offen verurteilen. will er wirklich seine ehemaligen parteimitglieder dieses anschlags beschuldigen? es tut mir leid, wie sehr viele antisemitismusbeauftragte in ihren positionen scheint auch herr büttner tendenziös, überfordert, und allzusehr reflektor staatlicher israelischer positionen als reiner kämpfer gegen diskriminierung von jüdischen menschen in deutschland.



    und leider auch schlecht informiert und beraten. lesen sie bitte ilan pappé und norman finkelstein.

  • Das Problem ist doch nicht Israel an sich, sondern diese radikale orthodoxe Regierung mit Leuten wie Netanjahu, Katz und Smotrich und deren Agitation und Handeln.

    • @Frank Burghart:

      Orthodox ist die momentane israelische Regierung aber eben gerade nicht, sie steht der nationalreligiösen Siedlerbewegung nahe, aber die hat nichts mit dem orthodoxen Judentum zu tun, ich bitte hier genauer zu unterscheiden.

    • @Frank Burghart:

      @Frank Burghardt



      Sehe ich auch so, mit Kriegstreibern aus welchen Staaten auch immer, sollte Deutschlands Regierung nicht zusammenarbeiten.

  • Herr Büttner scheint ein Mann mit Prinzipien zu sein. Vor ihm kann man den Hut ziehen. Aber vielleicht sollte Herr van Aken sich mal überlegen, ob er wirklich der richtige Mann am richtigen Platz ist. Nur halbseidene Schwameleien (nicht nur in Bezug auf Antisemitismus in Der Linken, sondern auch hinsichtlich des Irankrieges bekommt er keine klare Aussage hin) und Beleidigungen des politischen Gegners.

  • Den Worten Andreas Büttner ist nichts mehr hinzuzufügen. Endlich wird das Antisemitismusproblem der Linken in aller Klarheit benannt. Dazu die verschwurbelte Haltung der Linken zu Putin, Russland und der Verweigerungshaltung die Ukraine zu unterstützen - mehr braucht es nicht, auf eine solche Linke kann man getrost verzichten, ein solche Linke ist nicht wählbar! Selbst Ramelow warnt vor einer "Sektenwerdung" (Spiegel) der Linken - und eine Sekte hat in keinem Parlament etwas zu suchen.

    • @Demokratischer Segler:

      Das Problem ist, dass die "Klarheit", die Sie loben, eine Verzeichnung und Unterstellung ist, in ihrer Holzschnitthaftigkeit und Einseitigkeit dem niedersächsischen Beschluss wesensgleich. Ich fand die Aussagen des Herrn van Aken ziemlich nachvollziehbar und ausgewogen. Ich hätte den niedersächsischen Beschluss nicht so formuliert bzw. in der finalen Formulierung nicht zugestimmt, aber das, was (rechts)geneigte Kreise glauben, aus dieser Entfremdung Büttners von der Linken machen zu können, eine grundlegende Delegitimierung der Linken nämlich, ist ziemlich transparent und in der Sache nicht gerechtfertigt. Was den Genozidvorwurf angeht, müssen wir - rechtlich gesehen - das Urteil abwarten, obwohl sich die Mehrheit der Genozid-Forscher*innen inzwischen ziemlich sicher ist. Unproblematisch ist die Kennzeichnung der Verhältnisse in den besetzten Gebieten als Apartheid, während ich im Kernland Israel nicht davon sprechen würde. Die Verkürzung: Ablehnung des real existierenden Zionismus bzw. der heute sich an der Macht befindenden Auslegung zionistischer Ideen als Negierung des Existenzrechts Israels ist so falsch wie polemisch.

  • Aus eigener Erfahrung kann ich (natürlich in viel kleinerem, bescheidenerem Maßstab) bestätigen, dass die Partei Die Linke extreme Probleme hat mit Leuten, die nicht so richtig "auf Linie" sind. Im Fall Herrn Büttners ist es seine Solidarität mit Israel, die das Leid der Palästinenser:innen nicht vergisst, aber eben auch das Existenzrecht Israels anerkennt -bei aller sehr berechtigten Kritik an der akutellen Politik des Landes.



    Es ist ein historisches Unikum, einem Land, das immerhin durch die Teilungsresolution der UNO enstand und nicht durch die Erstürmung durch irgendwelche fremden Horden, permanent das Existenzrecht abzuerkennen, wenn es temporär am nationalen Wohlverhalten mangelt. Nach der Logik dürfte - viellecht bis auf Bhutan - überhaupt kein Land mehr existieren.

  • Scheinbar arbeiten Teile der Linken daran, die Hufeisentheorie in die Realität umsetzen zu wollen. Bei aller Sympathie für die guten und nachvollziehbaren Forderungen schreckt das bestimmt viele potentielle Wähler ab. Dieses ständige Agieren am Rande des politischen Wahnsinns hilft doch vor allen niemanden in Deutschland und im Ausland auch nicht, oder geht es hier um die Landtagswahlen in Gaza?

  • Es ist ein Jammer. Ich freue mich über die wieder erstarkte Linke, höre gerne der hyperaktiven Reichinnek im Bundestag & Co. zu und wäre auch bereit, sie zu wählen, wenn da nicht der mehr oder weniger verkappte Antisemitismus und die Weigerung, die Ukraine mit Waffen zu versorgen, wären. Zwei wahlentscheidende Punkte für mich. Schade.

    • @Tazacorte:

      Dies sind auch für mich genau die Punkte, weshalb die Partei für mich unwählbar ist.

      • @Pawel_ko:

        Hinzu kommt, dass nicht einfach nur Meinungen sind, sondern unverrückbare Betonköpfe, die auch unbeeinflussbar von etwaigen Bedingungsänderungen fix bleiben.