piwik no script img

Phänomen Timothée ChalametDie Frettchenfrage

Manche lieben, manche verabscheuen ihn. Aber um die Frage, was man nun von Timothée Chalamet hält, kommt nicht mal mehr der Vater der Kolumnistin rum.

Jaja, Frettchen sind keine Nagetiere; Timothée Chalamet bei der 98. Oscarverleihung, Los Angeles, 15. März 2026 Foto: Jordan Strauss/ap

E s war bei seinem Geburtstagsessen vor wenigen Tagen, als mein Vater eine unerwartete Frage stellte. „Wie findest du Timothée Chalamet?“ Das klang, als würde eine Person aus dem 18. Jahrhundert die Worte „twink aesthetic“ oder ein Kleinkind „performative male“ sagen, so fremd war das.

Chalamet, der 30-jährige Franko-Amerikaner, der wegen seiner spitzen, nagetierartigen Gesichtszüge als „hot rodent man“ gilt, ist nicht mehr nur Schauspieler, sondern zu einer regelrechten Projektionsfläche geworden. Um die Frettchenfrage – ja, ja, Frettchen sind keine Nagetiere –, wie man es mit Timothée Chalamet hält, kommt also wohl nicht mal mehr mein bis vor Kurzem smartphoneloser Vater rum, der zudem keinen einzigen seiner Filme kennt.

Vor wenigen Jahren noch war Timothée einer der unumstrittenen Schönlinge des Internets, auch wenn sich mir das nie ganz erschlossen hat. Sein Durchbruch war das queere Drama „Call Me By Your Name“ (2017) von Luca Guadagnino, in dem er den verträumten Elio spielt, der sich in Oliver (Armie Hammer) verliebt, der als Doktorand bei Elios Vater assistiert.

Erster Shitstorm wegen einer Frau

Jugendliches Verlangen ist das Gefühl, das „Call Me By Your Name“ wohl am besten transportiert. Die Liebesgeschichte, die im Norditalien der 80er Jahre spielt, ist in seiner Ästhetik nur schwer zu übertreffen: Obstbäume, alte Bücher in Holzregalen, trocknende Schwimmanzüge im Badezimmer, intellektuelle Eltern, die Monologe über Liebe halten. Mit dem Film bekam Chalamet seine erste Oscar-Nominierung. Und wurde mit dem Elio-Image ausgerechnet zum Crush Tausender hetero Frauen.

Bis das Bild des melancholischen Jünglings mit dunklen Locken 2023 brach. Da gab er seine Beziehung mit der Kardashian-Schwester Kylie Jenner bekannt. Was? Timothée mit einer Kardashian? Einer Influencerin?! Mit aufgespritzten Lippen?! Und nicht mit einer blassen Kunststudentin??!! Dass sein erster großer Shitstorm daher rührte, dass er mit einer nicht ins Bild der Fans passen wollenden Frau zusammenkam, zeugt von nichts als Misogynie.

Doch nicht nur wegen seiner Freundin mögen ihn die Leute nicht mehr. Manchen widerstrebte seine Dankesrede bei den Screen Actors Guild Awards 2025, wo er für seine Interpretation von Bob Dylan als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. „Ich strebe danach, großartig zu sein“, sagte er da, und das schmeckte so manchen nicht: Unausstehlich sei das gewesen und dazu noch arrogant, diese Ambition.

Chalamet ist Teil des französischen Kulturerbes

Und dann kam sein Ausrutscher vor wenigen Wochen, als er sagte, dass sich niemand mehr für Oper und Ballett interessiere. Witze darüber gab es bei den Oscars en masse. Dass er mitlachte, fand ich korrekt, und auch sonst verstehe ich den Hass nicht. Auf mich wirkt er wie ein nettes Kerlchen, das dazu noch ziemlich talentiert ist. Für einen Oscar für „Marty Supreme“ hat es dieses Jahr aber nicht gereicht.

Über ihn geredet haben trotzdem alle. Bei meinem Vater mag das schlichtweg daran liegen, dass Timothées Familie genau wie mein Vater aus Frankreich kommt, und der Schauspieler inoffiziell zum patrimoine français, dem französischen Kulturerbe, gehört.

Als Kind soll Timothée viele Sommer bei seinen Großeltern in Le Chambon-sur-Lignon, nicht weit von Saint-Étienne, verbracht haben und deswegen Anhänger des Fußballclubs AS Saint-Étienne sein. Ein Video zeigt, wie ein Fan ihn bittet, etwas auf ein Trikot von Olympique Lyon zu schreiben, Erzfeind seines Clubs. „À bas Lyon“, also „Nieder mit Lyon“, schreibt Timothée aus Scherz darauf. Als ich meinem Vater, seinerseits stolzer Lyonnais und OL-Fan, von dem Video erzähle, hat er die Frettchenfrage für sich wohl beantwortet, ganz ohne Chalamet auf der Leinwand gesehen zu haben.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Valérie Catil
Gesellschaftsredakteurin
Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!