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Honorar-Kürzungen für PsychotherapieKritik von Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer

Psychotherapeuten sollen künftig weniger Honorar für ambulante Therapien erhalten. Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer warnen vor den Folgen.

Bei der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Rostock zeigen alle Klinken nach unten Foto: Bernd Wüstneck/dpa

epd | Der Sozialverband Deutschland hat scharfe Kritik an der Kürzung der Honorare bei Psychotherapien geübt. Angesichts der großen Versorgungsengpässe sei dies „ein fataler Schritt in die falsche Richtung“, sagte der niedersächsische Landesvorsitzende Dirk Swinke am Montag in Hannover: „Diese Entscheidung ist unverantwortlich und verschärft die bestehende Versorgungskrise.“ Die Kürzung müsse zurückgenommen werden.

Der Bewertungsausschuss des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen hatte in der vergangenen Woche beschlossen, die Entgelte für ambulante Psychotherapien um 4,5 Prozent zu kürzen, um Kosten zu sparen. Im Gegenzug sollen die Strukturzuschläge für Praxen um 14,25 Prozent angehoben werden. Der Beschluss werde unter dem Strich dazu führen, dass sich noch weniger Therapeutinnen und Therapeuten niederlassen und Angebote für gesetzlich Versicherte machen, kritisierte Swinke: „Therapien können sich dann nur noch diejenigen leisten, die sie auch privat bezahlen können.“

Monatelange Wartezeiten

Wer einen Psychotherapie-Platz suche, müsse heute bereits häufig monatelang warten, weil es zu wenig Therapeuten gebe. In einem Flächenland wie Niedersachsen sei dies besonders problematisch. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen sei die Lage dramatisch: Jede fünfte Person unter 18 Jahren habe mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Das Ziel, im Gesundheitswesen Kosten einzusparen, dürfe nicht zulasten derjenigen umgesetzt werden, die dringend Hilfe benötigten, betonte Swinke: „Neben Kindern und Jugendlichen brauchen auch immer mehr Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Behinderung Unterstützung bei Depressionen oder spezielle Behandlungen. Wer hier spart, riskiert höhere Folgekosten durch verzögerte oder ausbleibende Behandlung. Damit sparen die Krankenkassen am Ende nichts.“

Schlusslicht bei den Honoraren

Am Wochenende hatten rund 350 Menschen in Hannover gegen die Kürzungen demonstriert. Die Psychotherapeuten-Kammer Niedersachsen erklärte, zwar gebe es hohen Kostendruck im Gesundheitswesen, doch die Psychotherapien seien dabei nicht der Kostentreiber. Niedergelassene Psychotherapeuten seien vielmehr jahrelang die Schlusslichter bei den Honoraren gewesen. Hier zu kürzen, bedeute eine „Abwertung einer zentralen Versorgungsleistung“.

Von dem Strukturzuschlag könnten nur Praxen mit hoher Auslastung profitieren, erklärte Kammerpräsidentin Kristina Schütz. Wer seine Praxis wegen Krankheit, Pflege oder der Betreuung von Kindern nicht voll auslasten könne und kein Personal zur Anstellung finde, werde am Ende benachteiligt. Deshalb könne der Zuschlag nicht direkt gegengerechnet werden. Die Kammer vertritt rund 6.200 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Niedersachsen.

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