: Spurensuche nach einem Tier mit langem Hals
Lea Hartlaubs dokumentarischer Essayfilm „sr“ verwebt die Geschichte der Giraffe zu einem assoziativen Geflecht aus Gedanken und Ideen
Von Michael Meyns
Was hat die Giraffe mit dem Nahostkonflikt zu tun? Und welchen Bezug gibt es zwischen dem ausschließlich in Afrika beheimateten Tier und einem chinesischen Kaiser? Oder dem ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt? Man erfährt es in Lea Hartlaubs dokumentarischem Essayfilm „sr“ – bewusst kleingeschrieben, auch der Grund dafür wird im Laufe der enorm dichten 103 Minuten erläutert –, der wie ein filmisches Organigramm wirkt.
Alles ist mit allem verbunden, heißt es angesichts der wachsenden Verflechtung der Welt oft, auch an den Schmetterlingseffekt mag man denken, jener Überlegung aus der Chaostheorie, nach der ein weit entferntes Ereignis, sogar ein scheinbar so nichtiges wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels, eine Kaskade an Ereignissen auslösen kann, die tausenden Kilometer einen spürbaren Effekt haben können.
Oder man denkt an jenes meist in Krimis beliebte visuelle Motiv einer mit Fotos, Zeitungsausschnitten und handschriftlichen Notizen gefüllten Wand, mittels der ein oft manischer Ermittler eine eindeutige Lösung in einem Wust an Informationen sucht.
Um klare Antworten geht es Lea Hartlaub jedoch nicht, sie nimmt die Giraffe als Ausgangspunkt einer Spurensuche, die sie durch viele Länder führt – gedreht wurde unter anderem in Niger, im Sudan, in den USA und Israel – auf einer assoziativen Spurensuche, die sich mal mehr, mal weniger weit von der Giraffe entfernt, aber immer wieder zu dem ebenso eleganten wie tapsigen Tier zurückführt.
Roosevelt schoss tausende Tiere
Erste Spuren der Giraffe finden sich schon auf tausende Jahre alten Petroglyphen, Felszeichnungen in Niger, die zwei erstaunlich detailgetreue Giraffen zeigen. Ein Ort, der Touristen anziehen sollte, doch die volatile Situation in dem westafrikanischen Staat, einst eine französische Kolonie, verhindert dies. Unweit des Orts der Felszeichnungen befinden sich eine Uranmine, mit der auch die Nachfrage in Europa gedeckt wird, wobei europäischen Abnehmern fraglos zupasskommt, dass man es vor Ort mit den Sicherheitsstandards nicht allzu genau nimmt.
Eine moderne Form der Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, zu deren harmlosen früheren die Safari zählte. Auf einer solchen tobte sich einst der amerikanische Präsident und passionierte Jäger Theodore Roosevelt aus, der tausende Tiere schoss, während der deutsche Zoobesitzer Carl Hagenbeck eher an lebenden Exemplaren interessiert war.
Ein solches wurde einst auch über den Indischen Ozean nach Asien gebracht, um einem chinesischen Kaiser geschenkt zu werden, weswegen sich Aufzeichnungen zur Giraffe auch in frühen Schriften im Reich der Mitte finden. Und auch in ägyptischen Hieroglyphen findet die Giraffe Erwähnung, transkribiert als „sr“, daher der Titel des Films.
Dorothee Elmiger spricht den Text
In jahrelanger Recherche, bei Dreharbeiten an 30 Orten, hat sich Lea Hartlaub auf die weitverzweigte, mäandernde Spurensuche begeben und sie zu einem assoziativen Geflecht aus Gedanken und Ideen verwoben. Betont zurückhaltend wirkt dabei die Inszenierung, die Kamera verharrt in meist distanzierter Perspektive, die Einstellungen bleiben statisch, suggerieren keine Verbindungen, stellen Überlegungen und Anmerkungen in den Raum und überlassen es den Zuschauenden selbst, die oft unzusammenhängend wirkenden Motive zu verbinden.
Konsequenterweise bleibt auch die Tonspur betont unemotional, die Schriftstellerin Dorothee Elmiger, für ihren Roman „Die Holländerinnen“ unlängst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, hat die Texte eingesprochen, mit sonorer Stimme.
In seiner assoziativen Form, in der den meist neutralen Bildern erst durch einen fast dauerhaften Kommentar ein Zusammenhang gegeben wird, erinnert Lea Hartlaubs Film an Gerhard Friedls legendären Essayfilm „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ In diesem hatte der viel zu jung durch Suizid verstorbene österreichische Regisseur den Verstrickungen deutscher Wirtschaftsdynastien in die Verbrechen des Nationalsozialismus nachgespürt.
Ein thematisch also deutlich begrenzterer Ansatz, als ihn nun Lea Hartlaub verfolgt, was auch erklären mag, warum „sr“ bisweilen auszufransen droht, sich nicht jede der zahlreichen Geschichten und Abzweigungen in ein zwingendes Ganzes formen mag.
Dennoch wirkt diese dokumentarische Form ambitionierter und auch interessanter als ein Großteil dessen, was heutzutage als „Dokumentarfilm“ bezeichnet wird, jedoch durch unterschiedliche Gründe oft kaum mehr als Variationen von Propaganda bezeichnet werden müsste: entweder in der Form von Porträts berühmter Menschen, die allzu oft selbst als Co-Produzent agieren, was Objektivität meist von vornherein ausschließt, oder von einer politischen Ideologie getrieben, der man zwar zustimmen mag, die aber im dokumentarischen Kino eher fragwürdig wirkt.
Ein Film wie „sr“ dagegen, wenn auch selbstverständlich nicht frei von einer deutlich wahrnehmbaren, auch ideologischen Haltung, überzeugt dadurch, dass er vor allem Fragen in den Raum stellt, Denkansätze anbietet, aber in keinem Moment vorgibt, alle Antworten zu kennen, und schon gar nicht behauptet, die Komplexität der Welt in aller Kürze erklären zu können.
„sr“. Regie: Lea Hartlaub. Deutschland 2024, 103 Min.
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