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Friedrich Merz und der IrankriegDer Kanzler hat eine Eingebung

Cem-Odos Gueler

Kommentar von

Cem-Odos Gueler

Wegen des Irankriegs kritisiert der Bundeskanzler Trump und Netanjahu nun mit deutlichen Worten. Endlich findet Friedrich Merz zu den Tatsachen.

Lange Leitung: Bundeskanzler Friedrich Merz Foto: Christian Mang/Reuters

E s gibt diese Momente, in denen sich Friedrich Merz ereifert und Erkenntnisse ausspricht, die ihm scheinbar blitzartig gekommen sind. Die Aussage, dass es in Iran keine militärische, sondern nur eine politische Lösung geben werde, fällt in diese Kategorie von Einsichten. Vor gerade einmal zwei Wochen hatte sich der Kanzler noch von Trump einspannen lassen, über Spanien zu ätzen, das sich als einziges EU-Land auch ganz praktisch gegen die US-Angriffe stellt. Nun fährt Merz zumindest rhetorisch einen anderen Kurs.

Die Erkenntnis sickert langsam, dafür umso wirksamer bei ihm ein. Und sie dürfte für einen CDU-Kanzler besonders schmerzhaft sein: Die USA und Israel haben sich kopflos in einen Krieg gestürzt, dessen Folgen für fast alle Menschen in der Region brutal und für den Rest der Welt nicht absehbar sind. Merz lässt den verbitterten Transatlantiker raushängen, der darüber enttäuscht ist, über den Einsatz der USA nicht vorher informiert worden zu sein. Jetzt sollen Trump und Netanjahu also gucken, wo sie bleiben, deutsche Schiffe gibt es jedenfalls nicht!

Dass man den USA die Nutzung der Basis in Ramstein für den völkerrechtswidrigen Krieg verbietet, steht nicht zur Debatte. Was aber in der Diskussion oft untergeht: Die Heuchler aus Russland und China können nun wiederum den USA und der EU vorwerfen, Predigten über die internationale regelbasierte Ordnung seien reine Heuchelei – sobald eigene Interessen auf dem Spiel stehen. Wo diese Interessen liegen, lässt sich aktuell hervorragend bei den Übergewinnen von US-Energiekonzernen sehen, die von den steigenden Weltmarktpreisen für ihr teures Schiefergas massiv profitieren. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass auch europäische Kriegsschiffe in der Straße von Hormus amerikanische Ölgeschäfte absichern sollen.

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Tatsächlich hat dieser Krieg das Potenzial, die Autorität Washingtons weiter zu unterminieren – mit der Folge, dass Trumps Erzrivalen aus China sich immer glaubhafter als die wahren Hüter von Völkerrecht und nationaler Souveränität gegenüber der Weltgemeinschaft präsentieren können. Das kann in niemandes Interesse sein. Die Fehler der anderen zu benennen, das hat Merz mit Blick auf Israel und die USA geschafft. Eine Antwort darauf, welche eigenen Strategien er für Deutschland und die EU in dieser Gemengelage sieht, ist er schuldig geblieben. Ein materialistischer Blick auf die weltpolitische Lage könnte auch anderen im Kanzleramt die Augen öffnen.

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Cem-Odos Gueler
Redakteur
Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.
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18 Kommentare

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  • Erläutern sie bitte warum sie China der Heuchelei bezichtigen

  • Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormuz kann nicht gesichert werden. Es geht hier um zu viele Schiffe auf zu engem Raum. Die iranische Küste ist zu lang, dazu kommt Minenräumer um die es hier geht sind primär leichte Schiffe die sich kaum gegen Schwärme von Schnellbooten oder Dronen verteidigen können. Ein Bundeswehreinsatz könnte ganz schnell in vielen Toten enden. Vorallem was soll die Bundeswehr da wenn die israelische Marine nicht vor Ort ist, die Marine des Omans, der UAE, Qatar, Kuwaits nicht operativ tätig sind. Der einzige Weg wie die Straße von Hormus sicher wird ist wenn das Regime fällt oder die USA den Süden des Irans besetzen.

  • Wie wäre es damit, das Thema freie Seewege und Ernährungssicherheit in die UN Generalversammlung zu bringen, um von dort her nach Lösungen im Interesse der Merhheit auf dem Planeten zu suchen ? Dabei könnten auch die Übergewinne an Fossilen Brennstoffen abgeschöpft zu werden angemahnt werden, um die humanitären Katastrophen Hilfe zu finanzieren,m die gerade die gesammte Region befällt: und zwar nicht die, die sich alles mögliche leisten können, sondern die die es nicht können! Egal in welchen Ländern, sie sind zumeist nicht für Krieg und haben Menschenrechte!

  • >China - Das kann in niemandes Interesse sein.<

    Warum eigentlich? Drei Möchtegern-Weltherrscher - Trump, Putin, Xi. Zwei davon sind Kriegstreiber. Keiner ist Demokrat.

    Wenn man schon - wie unsere Transatlantiker - einen einzelnen Menschen als uneingeschränkten Führer einer angeblich freien Welt anerkennt - dann sicher nicht Trump oder Putin.

    • @test_name:

      Uiuiui, Rot-China bekleckert sich bei Uiguren, Tibetern, gegenüber Hongkong und Taiwan nicht so recht mit Ruhm.



      Trump lässt sich abwählen, Xi nicht.

    • @test_name:

      "Drei Möchtegern-Weltherrscher - Trump, Putin, Xi. Zwei davon sind Kriegstreiber."



      Und die Ambitionen Chinas bezüglich Taiwan ignorieren wir an dieser Stelle einfach mal.

    • @test_name:

      Bei jemandem, der noch keinen Krieg angefangen hat, kann man Kriegstreiberabsichten nicht unbedingt ausschließen.

  • Och nö!



    Merz hat leider nicht das Zeug zum Kanzler.



    Sein Herumlavieren ist sogar schon trump aufgefallen und das will schon was heißen.



    Merz und Wadephul lobten bereits im vergangenen Jahr, dass Israel und USA den Iran angriffen.



    Dieses Mal fabulierte Merz auch gleich über eine iranische Atombombe.



    Der Verteidigungsminister war hier deutlich und sagte, dass die Bundeswehr nicht zur Verfügung steht.



    Das ist auch richtig so .



    Der Krieg, den trump und Nethanjahu vom Zaun gebrochen hab



    en , ist auf den ersten Blick wirklich " nicht unserer".



    Allerdings sind wir weiterhin von der beiden Kriegführern abhängig.



    Gerade stellt trump mal wieder die NATO Mitgliedschaft infrage.



    Der Großteil der Modernisierung der Bundeswehr sind Bestellungen in den USA. Das Flugabwehrsystem stammt entweder aus Israel oder den USA.



    Abgesehen davon ist " mangelndes Interesse" trumps an der Ukraine weder für die Ukrainer*Innen, noch für uns gut.



    Die Distanzierung ist also nicht so einfach.



    Dass Merz allerdings die Lage überblickt, wäre wohl das erste Mal...

  • Daß die USA sich kopflos in den Krieg gestürzt Ende ist richtig. Israel hingegen hat ein klares Ziel, Ausrottung der iranischen Führung bis ins vierte oder fünfte Glied. Und es sieht so aus, als würde das gelingen.

  • Ich verstehe es, die USA für das kleinste Übel der Großmächte zu halten und die beste Allianz für Deutschland und Europa. Ohne Trumpismus aber.



    Ich verstehe auch, Israel bei seinem Militarismus etwas gnädiger gegenüberstehen zu wollen. Ohne Netanyahus Tötungen, Vertreibungen, Dauergekriege aber.



    Merz sollte noch deutlicher die Kurve kriegen.

  • "Endlich findet Friedrich Merz zu den Tatsachen"

    Woran macht der Autor das fest?

    Trump die Unterstützung zur See zu verweigern, nachdem schon halb Europa Trump eine Abfuhr erteilt hat, bedeutet noch lange nicht das der Bundeskanzler die Realitäten anerkannt hat.

    Vor zwei Wochen hat er noch erklärt, das eine völkerrechtliche Einordnung des Konflikts nicht zielführend sei.

    Vielleicht hat den Juristen Merz zwischenzeitlich auch nur jemand darauf hingewiesen, das in Deutschland das Völkerrecht Verfassungsrang hat.

    Da wäre es schon für Deutschland selbst zielführend eine völkerrechtliche Einordnung vorzunehmen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, bevor Gerichte dieses übernehmen.

    Nur einmal zur Erinnerung von wegen Ramstein, die Unterstützung eines Angriffskriegs von deutschen Territorium ist verfassungswidrig.

    Wird hier anscheinend gerne übersehen, wenn selbst der Autor nur beiläufig einstreut, das ein Verbot der Nutzung von Ramstein nicht zur Debatte steht. Kann sein, nur ist ein Rechtsstaat eben keine Bananrepublik in dem das Staatsoberhaupt nach eigenem Ermessen entscheiden kann.

    Die Spanier haben das verstanden und werden dafür von einem deutschen Juristen kritisiert

  • "Eine Antwort darauf, welche eigenen Strategien er für Deutschland und die EU in dieser Gemengelage sieht, ist er schuldig geblieben". Nanu, hat jemand von ihm etwas anderes erwartet? Der Mann ist doch bekannt dafür, lautstark Wunschziele zu vertreten ohne zu ahnen, wie man sie erreichen könnte.

  • Ich frage mich, wie der Autor darauf kommt, es wäre in niemands Interesse, wenn China als Garant von Souveränität und Völkerrecht auftritt. Ich bin mir sicher, mehr als eine Milliarde Chinesen sehen das anders. Und nicht nur die: in grossen Teilen der nicht-westlichen Welt dürfte man eine stärkere Rolle Chinas begrüßen und der ein oder andere Europäer hat vermutlich auch Zweifel daran, dass eine allein von den USA dominierte Welt nicht unbedingt in seinem Interesse ist (und zwar nicht erst seit Trump). Der Überfall auf Iran und der Völkermord in Gaza sind nur zwei aktuelle Beispiele dafür, dass eine Welt, in der westlicher Macht wenig entgegensteht, eben keine friedliche und demokratische Utopie ist, sondern ein Luxemburg'sche Hexensabbath. Gerade in einem linken Medium sollte man diese Perspektiven mitreflektieren.

    • @O.F.:

      "Ich bin mir sicher, mehr als eine Milliarde Chinesen sehen das anders."



      Und wenn sie's doch so sehen, sagen sie's nicht. Wer weiß wer zuhört.

  • Die Einsicht, dass es für den Iran eine politische Lösung geben muss, kommt ein wenig spät. Europa und auch Deutschland haben in der Vergangenheit wenig für solch eine Lösung getan.



    Ich habe es hier schon oft geschrieben und wiederhole es: Viele Menschen in diesem Land fanden oder finden es gut, dass die Mullahs eines auf die Nase bekommen. Wenn jetzt die Rechnung in Form von höheren Preisen für fossile Energien und andere Produkte präsentiert wird, dann beginnt das Jammern.

  • Besonders peinlich ist natürlich, dass Merz ganz am Anfang verlautbarte, das "Regime der Mullahs" sei nun an sein Ende gekommen.

    Und die Außenpolitiker der Union, namentlich Wadephul und Laschet, verkündeten, Völkerrecht sei in diesem Fall nicht so wichtig, schließlich hätte der Iran es auch mal gebrochen.

    Naja, große Werte oder Orientierung kann man von derart planlos umherstiefelnden Gestalten nicht erwarten.

    Es hätte eine elegante und gesichtswahrende Lösung gegeben:

    Man hätte die Wahrung des Völkerrechts anmahnen und alle Seiten zur Zurückhaltung und zu einem Ende der Kampfhandlungen aufrufen können.

    Aber mit so simplen Phrasen sind die Herren im Cockpit der Bundesrepublik zur Zeit leider maßlos überfordert.

  • Als würde es Trump und Netanjahu interessieren was Merz von sich gibt...

    • @FraMa:

      "Als würde es Trump und Netanjahu interessieren was Merz von sich gibt..."



      Angesichts Trumps Reaktion scheint es ihn sogar mächtig zu interessieren.