piwik no script img

Bundesrepublikanisches Versagen

In seiner 3-teiligen ZDF-Doku „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ kommt Florian Opitz dem Supertalent nicht nah. Aber er stellt die richtigen Fragen

Mesut Özil bei einem Spiel der Deutschen Fußball Nationalmannschaft 2018 Foto: imago

Von Martin Krauss

Özil privat. „These are the Adilettes for my guests.“ Ein Schuhregal präsentiert Mesut Özil in der Villa, in der er in London lebte. Es ist einer der wenigen Momente, in denen die dreiteilige ZDF-Dokumentation dem früheren Nationalkicker nahekommt. Doch diese Bilder sind dem Internet entnommen. So nah ist Filmemacher Florian Opitz dem Star, der mittlerweile in der Türkei lebt, nicht gekommen.

Doch auch ohne Özil-Interview ist Opitz eine große Dokumentation gelungen, die viel über den Weltmeister von 2014 erzählt. Özil wurde 1988 in Gelsenkirchen geboren, und wenn er zu einem der großen Clubs wollte, hörte er, man habe sich für einen Jens oder Markus entschieden. „Ist das die Herkunft? Ist das der Name?“, empört sich Vater Mustafa Özil.

Die Entscheidung, für den DFB zu spielen, traf sein Vater. 2010 erhielt er den Integrations-Bambi, und nach einem Spiel gegen die Türkei suchte ihn Angela Merkel für ein Foto in der Kabine auf.

All das brachte ihm in der türkischen Community Ablehnung ein. Dass er bei Real Madrid zum Weltstar wurde, versöhnte ein wenig. Volkan Ağar, Ex-taz-Kollege, erinnert sich, wie er damals dachte: „Vielleicht ist Özil der Erste, der diese Anerkennung bekommt und der das dann auch für alle anderen etablieren kann in dieser Gesellschaft. Aber es kam anders.“

2013 wechselte Özil zu Arsenal in die Premier League, und Cristiano Ronaldo tobte, weil sein genialer Vorlagengeber wegzog. Sportlich lief es gut, sehr gut. Der weltweite Zuspruch sorgte für Selbstvertrauen. Mesut Özil sagte sich vom Vater los. Später fand er in Erkut Söğüt einen Manager, der ihn als „Marke“ global rausbringen wollte, auch in Indonesien oder Malaysia. „Dass er Moslem ist, war Teil seiner Markenbildung.“

Kurz vor der WM 2018 überreichte Özil dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein Trikot. Söğüt stellt das als Zufall dar, doch das Foto löste einen Shitstorm aus, der von oben kam: Theaterintendant, Bundesligamanager, Springer-Chefredakteur. Der Rassismus wähnte sich durch Erdoğan legitimiert, analysiert die Spiegel-Journalistin Özlem Topçu.

Özil trat wegen des Rassismus aus der Nationalmannschaft zurück. Es folgten immer weniger Einsätze bei Arsenal. Er wechselte in die Türkei, zuerst zu Fenerbahçe, dann zu Istanbul Başakşehir. Özil suchte immer mehr die Nähe zu Erdoğan und seiner AKP. Er ließ sich ein Symbol der rechtsextremen Grauen Wölfe tätowieren und nach dem 7. Oktober 2023 zeigte er auf Instagram eine Landkarte, auf der Israel durch Palästina ersetzt wurde. Ein Abstieg, nicht nur sportlich.

Was im Film fehlt, sind die Freundinnen, dabei war Özil immer mit Frauen liiert, die öffentlich souveräner auftraten als er. Etwa Anna-Maria Ferchichi, die später Bushido heiratete, die Popsängerin Mandy Capristo, und auch das Model Amine Gülşe, das er 2019 heiratete.

Opitz präsentiert in seiner Doku zu Recht die Causa Özil als bundesrepublikanisches Versagen. Da war ein Riesentalent, um das sich mit einer Mischung aus arroganter Ablehnung und tätschelnder Fürsorglichkeit gekümmert wurde. Da war ein junger Mann, der diese Anmaßungen lange ertrug, und als er das nicht mehr wollte, prompt bei anderen Autoritären gelandet ist – mittlerweile gehört er zum Vorstand der AKP.

Was bleibt, sind viele Fragen, wer wann was falsch gemacht hat – nicht nur Özil und sein Umfeld, sondern auch diese Gesellschaft, die Integrationsorden verschenkte, aber selbst exkludierte. Der Film hilft beim Fragen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen