Vor den Landtagswahlen am Wochenende: Wenn Energiefische im Rhein schwimmen
In Rheinland-Pfalz kommt eine neue Technologie für Wasserkraft zum Einsatz. Kein Wunder, denn das Land ist Vorreiter beim Klimaschutz – noch.
Im Rhein entsteht ein neuartiges Wasserkraftwerk: Nahe der rheinland-pfälzischen Stadt Sankt Goar werden sogenannte „Energyfishe“ am Flussgrund verankert. Dabei handelt es sich um schwimmende Strömungsturbinen, rund 2,8 mal 2,4 Meter lang und tief und 80 Kilogramm schwer. Diese Turbinen haben eine Leistung von 6 Kilowatt und schwimmen in der Strömung.
Der Rhein weist hier im Rhein-Hunsrück-Kreis eine Fließgeschwindigkeit von bis zu 2 Metern pro Sekunde auf, im Jahresmittel kann eine solche Strömungsturbine 15 Megawattstunden Strom produzieren. Interessant wird das Konzept, wenn einhundert solcher Energyfishe zusammen installiert werden: Das Schwarmkraftwerk kann dann jährlich 1,5 Gigawattstunden Strom produzieren, ausreichend für 450 deutsche Durchschnittshaushalte.
Die neue Technologie besitzt einige Vorteile: Energyfishe werden ohne schweres Gerät installiert und fallen im Fluss oder Kanal nicht störbar auf. Sie funktionieren geräuschlos und im Dauerbetrieb, also auch dann, wenn Sonne und Wind einmal nicht Strom liefern. Führt der Rhein einmal wenig Wasser, sinken die Turbinen bis auf den Grund ab, produzieren dort aber weiterhin Strom, wenn auch weniger. Die Strömungsturbinen sind auch für Eisgang und Hochwasser gerüstet.
Im Gegensatz zu bestehenden Wasserkraftwerken verursachen sie keinen Aufstau, der für die Wanderfischarten des Mittelrheins wie Barbe und Nase ein unüberwindbares Hindernis darstellt. Die Technische Universität München hatte in einer Studie die Fischverträglichkeit untersucht und keine negativen Einflüsse gefunden. Drei Systeme sind bereits in Betrieb, im nächsten Schritt folgen 21 weitere, zum Schluss soll der Schwarm aus 124 Energyfishen bestehen.
Wasserkraft steht oft in der Kritik
„Mir ist es wichtig, dass allen Menschen günstige Energie zur Verfügung steht, die Klima und Umwelt nicht schadet“, erklärte Landesumwelt- und Klimaschutzministerin Katrin Eder (Bündnis 90/Die Grünen), die jetzt den Ausbau zum Schwarmkraftwerk in einem Nebenarm des Rheins genehmigt hat. Diese Genehmigung zeige, „dass Innovation, Wissenschaft und behördliche Sorgfalt Hand in Hand gehen können“, sagte Georg Walder, Chef der Firma Energyminer, die das Konzept entwickelt hat.
Sabine Yacoub, BUND
Elektrizität aus Wasserkraft steht oft in der Kritik von Umweltverbänden, etwa weil Staudämme die Lebensräume von Fischen verändern und große Gebiete überfluten. Das Schwarmkonzept der Energyfishe hält solcher Kritik stand. In Deutschland trug die klimafreundliche Wasserkraft im Jahr 2025 etwa 3 Prozent zur Bruttostromerzeugung bei, was rund 16 bis 17 Terawattstunden entspricht. Aufgrund niedriger Niederschläge sank der Anteil gegenüber 2024, im Vorjahr waren es noch 4 Prozent.
Dass die Energiefische jetzt ausgerechnet in Rheinland-Pfalz starten, ist nicht verwunderlich: Das Land gehört zu den Vorreitern bei der Energiewende, Kohlekraftwerke gibt es nicht mehr, dafür aber 310.000 Solaranlagen – bei 3 Millionen Wahlberechtigten. Die erneuerbaren Energien tragen aktuell 64 Prozent zur Bruttostromerzeugung bei, bundesweit sind es knapp 56 Prozent. Während die energiebedingten Emissionen im bundesdeutschen Durchschnitt zuletzt über 10 Tonnen pro Kopf und Jahr zu Buche schlugen, bleiben die Rheinland-Pfälzer unter 7.
Rheinland-Pfalz war 2014 eines der ersten Bundesländer, das sich ein Landesklimaschutzgesetz mit bindenden Reduktionszielen gab. Demnach muss beispielsweise die Landesverwaltung bis zum Jahr 2030 klimaneutral werden, zwischen 2035 und 2040 soll dann das ganze Land klimaneutral sein. „Es geht natürlich immer mehr“, sagte Sabine Yacoub, Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). „Vorbildlich ist aber die Unterstützung der Kommunen mit einem Förderprogramm, das auch sehr gut angenommen wird.“ Zudem hatte es in dieser Legislatur eine Änderung am Klimaschutzgesetz gegeben, „die konkrete Ziele auch in den einzelnen Sektoren festschreibt“, so Yacoub.
Wahlkampf in Rheinland-Pfalz
Am Sonntag wählt Rheinland-Pfalz einen neuen Landtag; tatsächlich spielte Klimaschutz im Wahlkampf eine Rolle. SPD-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Alexander Schweitzer erklärte am Donnerstag in einer Diskussionsrunde in Mainz: „Wer glaubt, wir können uns Klimaschutz gerade nicht leisten, weil die Wirtschaft jetzt gerade in Schwierigkeiten ist, der kennt die reale Situation vieler Unternehmen nicht.“ Zahlreiche Unternehmen betrieben Klimaschutz, gerade um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben. „Darum wird es von mir auch keine Abkehr vom Klimaschutz geben – im Gegenteil, es brauche hier künftig sogar noch mehr Investitionen.“
Die Landes-CDU hingegen hatte sich im Wahlkampf immer wieder gegen Klimaschutz positioniert – die Wahl an diesem Wochenende wird also auch eine Klimawahl. BUND-Chefin Sabine Yacoub befürchtet: „Wenn es eine große Koalition unter der Führung der CDU wird, werden wir Rückschritte erleben.“
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