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Handykonsum der älteren GenerationBildschirmzeit der Boomer boomt

Uli Hannemann

Kommentar von

Uli Hannemann

Das Doomscrolling 50- bis 70-Jähriger nimmt offenbar in beängstigendem Maße zu. Ist also gar nicht die Gen Z das Problem?

Wer sein Handy so hält, verrät etwas über sein Alter Foto: imagebroker/imago

K inder und Enkel schlagen Alarm. Wo sie vormals die Sorge um den körperlichen und geistigen Verfall ihrer geliebten Alterchen umtrieb, ist es heute deren Internetsucht. Denn laut der Washington Post haben Personen über 65 Jahre eine doppelt so hohe Bildschirmzeit wie noch vor zwei Jahren. Sie besitzen auch deutlich mehr Devices als Menschen unter 25, aber natürlich haben sie im Schnitt mehr Geld.

Zunehmend gilt die Formel: Boomer = Doomer. Das Doomscrolling 50- bis 70-Jähriger nimmt offenbar in beängstigendem Maße zu. Schlimmer wurde das, wie so vieles andere auch, vor allem mit der Pandemie. Dazu kommt, dass ältere Leute weniger schlafen, was mehr potentielle Zeit für den ungehemmten Medienkonsum bedeutet.

Haben wir, frei nach Winston Churchill, also „das falsche Schwein geschlachtet“ mit unseren Bemühungen, Kindern und Jugendlichen den unbeschränkten Zugang ins Netz zu verwehren?

Wären eingeschränkte Netzzeiten oder gar ein Internetführerschein nicht für die Boomer-Generation weitaus angebrachter? Denn während Kinder und Jugendliche zu Hause oder in der Schule wenigstens die Basics über die Gefahren digitaler Überlastung mitbekommen, sehen sich die Alten damit allein gelassen. Sie sind in der Beziehung wie ein Naturvolk, dass eingeschleppten Viren oder Feuerwasser unschuldig und wehrlos gegenüber steht.

Zwischen Sucht und mangelnder Netiquette

Sie sind mit diesen technischen Möglichkeiten nun mal nicht groß geworden, und haben sie sich erst als Erwachsene angeeignet. Eine Millennial-Kollegin, die mich auslachte, als sie mich mit klobigen Fingerchen auf meinem Handy herumtapsen sah, hat instinktiv den Punkt getroffen: Die unbeholfene mechanische Handhabung lässt Rückschlüsse auf den inhaltlichen und mentalen Umgang mit dem ungewohnten Medium zu.

Sucht und Kontrollverlust sind dabei nur das eine. Mangelnde Netiquette und unangemessenes Verhalten in der Kommunikation mit anderen, besonders fremden, Usern ist der andere große Problemkomplex.

So macht es für mich einen Unterschied, ob ich meinen Blutdruck vor oder nach dem morgendlichen Lesen der ersten Netzkommentare messe. Dass ich überhaupt messe, ist ja bereits ein Hinweis auf mein Alter. Und auch dass ich den Müll noch lese. Schließlich kann man das auch einfach sein lassen.

Die Jungen haben Facebook längst verlassen

So wie die Jungen. Auf Facebook ist längst keiner mehr von denen, was schon alleine ihre menschliche und mediale Kompetenz beweist. Sie haben die Plattform verlassen, die von Wut-Boomern zernagt und unbrauchbar gemacht wurde, wie ein Deich von Bisamratten, oder wie zuvor bereits X (vormals Twitter) von Rechten. Überall tummeln sich dort nun Meinesgleichen (Jahrgang 1965) und machen sich das Leben gegenseitig zur digitalen Vorhölle.

Allerdings ist gerade die Gruppe der Boomer äußerst heterogen. Denn in Deutschland ist wegen des Zweiten Weltkriegs die Boomer-Generation verschoben und bezeichnet die Jahrgänge 1955 bis 1969. Gerade in dieser Altersklasse ist die Bandbreite der digitalen Fähigkeiten jedoch gewaltig.

Denn sie schließt zwar zum einen auch die alten Schlachtrösser mit ein, die tatsächlich zu denken scheinen, man nähme sie und ihren Hass persönlich wahr: Die ganze Welt blickt gebannt auf ihn, Horst Nessel (65) aus Helmstedt, wie er es den Woken so richtig zeigt, die unser Land zerstören. Er ahnt nicht mal, dass er mitsamt seinen Deppenlachsmileys und Empathiedefiziten doch bloß ein winziges Untertönchen in einem einzigen lauten, unsagbar hässlichen Hintergrundrauschen ist. Man weiß noch nicht mal, ob er echt ist, so sehr geht er in der Masse unzähliger Russenbots, Sea Lions, und Accounts alkoholkranker FDP-Politiker unter.

Zum anderen aber hat man, gerade in den Endsechziger-Jahrgängen, die sich ja schon mit der Generation X überschneiden, Leute, die das sogar beruflich machen. Sie haben das Internet erfunden und weiterentwickelt, sie sind das Internet. Denen kann man das schlecht wegnehmen; denen braucht man all das auch nicht zu erklären. Es ist eben doch, wie die Washington Post schreibt: „Not all boomers!“

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Uli Hannemann
Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.
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