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Wolfram Weimer und die KulturKontrolle und Gunsterweisung

Gastkommentar von

Harry Nutt

Die Causa Weimer ist mehr als Kulturkampf: Die Doppelrolle der Kunst von Bewahrung und dem Herausfordern sozialer Routinen geht nicht mehr auf.

Wolfram Weimer in seinen jungen Jahren. Er hatte schon immer ein Händchen für den Kulturkampf der etwas anderen Art Bild: Alex Grimm/Reuters

B ei allem Verständnis für die Empörung über den von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vorangetriebenen Umbau der Kulturpolitik zu einer Art Kontrollregime – es bleibt ein Unbehagen zurück, das selbst sein Rücktritt nicht aufheben würde. Geübte Politikbeobachter werden einwenden, dass dieser ohnehin nicht wahrscheinlich ist, obwohl Weimer so viel Unmut auf sich gezogen hat wie kein Amtsvorgänger zuvor.

Das liegt nicht nur an dessen handwerklichem Dilettantismus. Vielmehr ist ein Funktionswandel des erst seit 1998 existierenden Amtes zu beobachten. Michael Naumann, der erste Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM), war als Staatssekretär Mitglied des Kabinetts und nahm dort zugleich eine Außenseiterposition ein, indem er seine Rolle als im Prinzip staatsfern interpretierte.

Unvergessen seine provokante Bezeichnung des Föderalismus als „Verfassungsfolklore“. Naumann brachte den Blick von außen mit. Gewünscht war etwas für die Galerie, zum Vergleich wurde der französische Kulturminister Jacques Lang genannt, wohl in der Hoffnung, dass von dessen Eleganz ein wenig auch auf das hiesige Kulturleben abstrahlen möge.

Harry Nutt

ist freier Autor und war Leiter des Feuilletons bei der taz sowie der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung.

Das war magisches Denken und deckte sich nicht mit den bisherigen Effekten einheimischer Kulturproduktion, die oft über Künstlerinnen und Künstler verlaufen war, die sich besonders an den Standorten des Goethe-Instituts aufgerufen fühlten, sich kritisch bis ablehnend zur Entwicklung und Politik in Deutschland zu äußern. Große Teile der sogenannten Gegenkultur wurden staatlich finanziert und trugen – oft gegen den Willen der Mehrheitsgesellschaft – zum Gelingen der jungen Demokratie bei. Die sich öffnende Gesellschaft war souverän genug, selbsterklärte Staatsfeinde zu integrieren.

Weimer hat wenig Rückhalt

Damit soll nun wohl Schluss sein. Die stabilisierende Wirkung eines institutionellen Widerspruchs scheint gezielt ignoriert zu werden im Namen einer neuen Kulturpolitik, die sich an den Prinzipien von Kontrolle und Gunsterweisung orientiert. Zwar spricht einiges dafür, dass der parteilose Medienunternehmer Weimer eine Agenda verfolgt, die einem aus Irritation und Reibung hervorgehenden Verständnis von Kulturpolitik diametral entgegengesetzt ist. Völlig abgesagt war das von Helmut Kohl ausgerufene Projekt einer geistig-moralischen Wende vermutlich nie.

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Zum Gesamtbild schwelender Kulturkämpfe gehört aber auch, dass Weimer weder in der Bundesregierung noch innerhalb des rechtskonservativen Milieus der Unionsparteien über sonderlich viel Rückhalt verfügt – trotz des starken Gegenwinds war in der Affäre um den Buchhandlungspreis kaum nennenswerte Unterstützung für Weimer zu verzeichnen.

Sein Rücktritt, so darf man vermuten, würde innerhalb der Union als Schwäche des Bundeskanzlers gewertet werden, die aber auf die Erwartungen einer robust nach rechts verschobenen Politik einzahlt: Obwohl Weimers kulturpolitischer Rigorismus gegen einen vermeintlich linken Aktivismus den Erwartungen dieses Lagers entspricht, würde dessen Demission als willkommene Niederlage von Friedrich Merz begrüßt.

Die Personalie Weimer ist ein Bruch mit der bisherigen bundesdeutschen Kulturpolitik

Wie auch immer die Personalie Weimer weitergeht, kann sie als Bruch mit dem bisherigen Verständnis bundesrepublikanischer Kulturpolitik gedeutet werden, das von der Garantie eines institutionellen Rahmens geprägt war, der das Selbstbild einer durch wirtschaftliches Wachstum gefestigten Demokratie widerspiegelte. Die Kulturstaatsministerinnen und -minister genügten sich in der Aufgabe, das Geld zu besorgen, Eröffnungsreden zu halten und sich ansonsten auf Assistenzleistungen zum Guten, Wahren, Schönen und gern auch Kontroversen zu beschränken.

Es wäre aber falsch, den Fall Weimer lediglich als missratene Personalie abzutun. Ganz sicher ist er „der falsche Mann“, als den der Autor Claudius Seidl ihn in der Süddeutschen Zeitung entzaubert hat. Weit darüber hinaus stehen die Vorgänge jedoch im Zeichen einer kulturellen Krise, für die die passenden Begriffe abhandengekommen sind.

Tief verwurzeltes Misstrauen

Die Formel vom Strukturwandel der Öffentlichkeit scheint in Erinnerung an Jürgen Habermas und dessen unermüdliche Errettung einer kommunikativen Vernunft als zu schwach. Längst beherrschen zerfallende Öffentlichkeiten die Szene. Schlechte Aussichten für eine deliberative Demokratie, in der nach ausgiebigen Beratungen um Lösungen gerungen wird. Den Steuerungsbemühungen liberaler Demokratien schlägt inzwischen ein tief verwurzeltes Misstrauen entgegen, das von schnell wechselnden Regierungen nicht selten mit mutwillig-dezisionistischen Entscheidungen bearbeitet wird.

In ihrem Buchessay „Dieser Drang nach Härte“ spricht die Philosophin Eva von Redecker von der Schwierigkeit, eine Sprache zu finden, mit der auf den gesellschaftlichen Rechtsruck am besten reagiert werden kann. Analogien verkehren sich, Begriffe werden von der Gegenseite vereinnahmt, im Weltanschauungsbürgerkrieg gibt es keine Ruhezonen. In den akuten Kulturkämpfen gehe es, so von Redecker, in erster Linie um die Verteidigung von Phantombesitz: „Alle Elemente, die von rechts politisiert werden, stehen in der Gegenwart als gepanzerte Besitzansprüche still.“

In der Pose unbedingter Verteidigungsbereitschaft wird politisches Handeln simuliert. Bürgerliche Freiheit wird fortan im Heizungskeller verteidigt, alles Mögliche kann zum Eigentum verklärt werden, um es anschließend als Kulturgut zu behaupten. So werden Revolten angezettelt, in denen vorgeblich „unser Land“ zurückgeholt werden soll, eine Art individualisierter Phantombesitz, während Öffentlichkeit doch einmal als Ort für den Austausch zum zwanglosen Zwang des besseren Arguments galt.

In einer unter Druck geratenen Gesellschaft scheint die kulturpolitische Doppelfunktion von Bewahrung des kulturellen Erbes und dem Herausfordern sozialer Routinen durch die Künste nicht mehr aufzugehen. In den kommenden Konflikten droht Kultur immer häufiger zur Verfügungsmasse ideologischer Phantasmen zu werden.

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8 Kommentare

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  • "...einer geistig-moralischen Wende"



    Und dann:



    "spricht die Philosophin Eva von Redecker von der Schwierigkeit, eine Sprache zu finden, mit der auf den gesellschaftlichen Rechtsruck am besten reagiert werden kann."



    Und der Kulturstaatsminister vereinnahmt für sich Gedanken im Gedenken an die "Kritische Theorie", indem er den Namen Habermas in ein Wortspiel einbaut.



    "Die Gesellschaft politisch verändern zu wollen: Das wird zum Impuls für Habermas‘ Karriere. Er wächst auf in Gummersbach, kommt 1944 als Fronthelfer an den Westwall, erschrickt in den Nachkriegsjahren über das muffige Klima der Adenauer-Zeit.



    Die demokratische Verfassung, so scheint es, steht nur auf dem Papier. Die Gesellschaft wirkt autoritär. Oft führen Altnazis das Wort. So findet der junge Habermas zur Frage seines Lebens: „Wie sich der einzelne in der Gesellschaft - frei übersetzt - Gehör verschaffen könne, ohne dass diese Freiheit von moralischer, religiöser Autorität garantiert werden muss.“



    Anders formuliert: Wie schafft man eine Demokratie, die wirklich eine ist? In der man sich offen und rational austauschen kann?"



    b. swr.de



    Nicht nur in der "Generation Habermas" wird jetzt öfter die Adenauer-Zeit rekurriert.

  • Naumann verstand Kultur, Neumann Politik. Weimer leider eher Polemik und das Handwerk nicht.



    Er wird hoffentlich unauffällig später im Jahr woanders hin geschoben, wenn die Union noch klar im Kopf ist. Bonn ist nicht Weimer, oder so.

    Wo er handwerklich grobe Fehler macht? Er hätte argumentieren können, dass ein Gemeinwesen seine ausgewiesenen Feinde nicht finanzieren sollte, und das unbedingt universal anwenden. Da steht der Feind nämlich fast ausschließlich rechts, nach wie vor. Hätte ein blauner Buchladen die Förderung nicht bekommen, weil er Blut und Boden propagiert, dann hätte Weimer Glaubwürdigkeit bewiesen. Gut, hypothetisch, denn die Onlineklitschläden und -verlage von Rechtsaußen schaffen ja nicht die geringste Qualitätskontrolle. Aber als Beispiel.



    Andere Option: sich von dem ach so schrecklichen Gender absetzen, indem mensch die Toleranz von rechtsmitte ausspielt. Soll doch jede und jeder schreiben, wie Lust und Laune. Das reicht schon für die Unionsfolklore; danach lässt sich farbenfrei die wichtige gut gemachte Kultur fördern (wo eigentlich der Bund sowieso wenig zu suchen hat, doch das wäre noch ein anderes Thema). Hat Weimer keinen Strategie-Mitarbeiter m/w/d?

  • Kunst als Anregung zum Denken, als Kritik oder als Gegenentwurf zu gesellschaftlichen Routinen ist längst passé. Im Liberalismus gelten die KünstlerInnen als Archetypen des freien und schöpferischen Individuums, Vorbild für die unbedingte Selbstverwirklichung, stehen als denkwürdige Platzhalter für UnternehmerInnen, ManagerInnen und MacherInnen. Spätestens ab 1946 gilt für die Kunst das Dogma der Bedeutungsoffenheit. Alles andere gilt heute als Propaganda. Und so stehen heute bei der Kunst der Unterhaltungswert, der Anlagewert, der Nutzen als Dekoration oder als Accessoire für die eigene Identität im Vordergrund. Die zeitgenössische Kunstkritik ist vor allem kritiklose Lobhudelei der Kunst an und für sich und stellt betont heraus, wie emotional, berührend und bewegend diese oder jene Kunst. Übrigens: Größter Bilderhandel Deutschlands war und ist vielleicht immer noch Ikea.

  • Die einzige logische Konsequenz aus dieser Sache ist der sofortige Stopp jeglicher Zahlungen aus Steuermittel für Kunst und Kultur. Eine Brache die sich nicht selber finanzieren kann und nur künstlich durch Subventionen am Leben erhalten wird braucht niemand. Dann bräuchten wir auch kein Kulturministerium mehr, noch ein Kostenfaktor weniger zu bezahlen.

    • @Günter Witte:

      Kunst ist eine Branche? Sehr merkwürdig. Kunst ist eine Grundlage für das Leben sehr vieler Menschen, eine Lebenshilfe gar. Es ist nicht nebensächlich, es ist zentral. In irgendeiner Form sind alle mit Kunst der einen oder anderen Art verbunden. Und das alles kann man vergessen? Welch eine vermessene Einstellung...

      • @Perkele:

        Der Staat, besser gesagt unser Steuergeld, ist aber nicht zuständig für die selbstverwirklichungsträume von einzelnen !



        Kunst und Kultur möchten ja unabhängig sein, da gibt es nur den Weg auf jegliche Staatliche Unterstützung zu verzichten.

        • @Günter Witte:

          Der Staat hat dafür zu sorgen, dass die Menschen ein möglichst sicheres, unbeschwertes Leben führen können. Dazu gehört ohne Wenn und Aber auch die Kultur. Oben habe ich schon beschrieben, dass die Kultur ein sehr wesentlicher Bestandteil des Lebens ist: es gibt Musik, Literartur, Malerei, Bildhauerei Theater u.v.m. - also eine der Lebensgrundlagen überhaupt, die in der einen oder anderen Form von jedem !!! Menschen in der Gesellschaft genutzt, gebraucht wird. Kultur gehört zur Zivilisation - und das soll man nicht unterstützen?

  • Ich hoffe und wünsche, das die "Causa Weimer"



    bald Geschichte sein wird.



    Nicht nur die...