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Begegnungsorte in DeutschlandEiner für alle

Wir müssen mehr miteinander reden, heißt es. Aber wo? Eine Spurensuche vom Volkshochschulkurs bis zur Eckkneipe.

Alle wollen ihre Gelenke in Bewegung halten, hier: Betriebssportgruppe in Hamburg Foto: Andreas Herzau/F.C. Gundlach Foundation/laif
Friederike Gräff

Aus Hamburg

Friederike Gräff

Vor einiger Zeit habe ich einen Sportkurs an der Hamburger Volkshochschule besucht. Er hieß „Rückenfit“ und begann oft damit, dass wir bunte Hüpfbälle vor uns her schoben und versuchten, sie den Entgegenkommenden wegzuschlagen. Der Kurs war deutlich lustiger als der Yoga-Unterricht, den ich vorher in einem Studio belegt hatte, und die Teil­neh­me­r:in­nen waren sehr viel gemischter als beim Yoga, wo alle anderen ebenso weiß, mittelalt und akademisch waren wie ich.

Aus dem Volkshochschulkurs erinnere ich mich an eine energische Frau, die bei einer Bank arbeitete, eine jüngere Frau mit osteuropäischem Vornamen, die akademisch wirkte, und an einen älteren Mann in schwarzen Turnschläppchen, der früher auf dem Markt gearbeitet hatte. Lange Unterhaltungen gab es dort nicht, wir waren da, um unsere steifen Gelenke zu lockern. Aber in der Eingangsrunde schien kurz auf, wie es den Leuten ging, ob ihr Kreuz schmerzte oder ihre Arbeit gerade mühsam war.

Ich habe viel von diesem Kurs erzählt und irgendwann fragte ich mich: Wie kann es sein, dass mir ein Kurs, in dem Menschen Gummibälle prellen, so auffällt? Und: Wo sonst mischen sich Leute aus verschiedenen sozialen Schichten, Religionen, Altersgruppen und Kulturen?

Der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat 1989 ein Buch namens „The Great Good Place“ geschrieben, das so leidenschaftlich ist, wie der Titel klingt. Es ist ein Plädoyer für informelle Treffpunkte für alle, für Cafés, Büchereien und Friseursalons, in denen soziale Unterschiede keine Rolle spielen. Glaubt man Oldenburg, so sind diese Orte die Grundlage für eine funktionierende Nachbarschaft, mehr noch, der Kitt für eine ganze Gesellschaft. Er folgt damit der Kontakthypothese, die der Psychologe Gordon Allport in den segregationistischen USA der 1950er-Jahre aufgestellt hat und die schlicht wie schlüssig ist: Kontakte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen bauen Vorurteile und Angst ab. Dazu braucht es gemeinsame Orte und eben diese sieht Oldenburg im Verschwinden begriffen. Sein Text ist eine Lobrede und gleichzeitig ein Abgesang.

Wo sind sie, die Dritten Orte?

Sein Konzept ist dagegen vital, mehr noch, es feiert gerade eine Renaissance. „Dritte Orte“ sind das Zauberwort all derer, die sich Sorgen machen um eine polarisierte, auseinanderdriftende Gesellschaft. Stiftungen veranstalten Tagungen zum Dritten Ort, So­zio­lo­g:in­nen und auch Po­li­ti­ke­r:in­nen versprechen sich neuen Zusammenhalt davon. Aber wo sind sie, die Dritten Orte? Entsteht dort tatsächlich Gemeinschaftlichkeit? Und wer will sie eigentlich wirklich, diese Orte für alle, wer hat Lust, dorthin zu gehen, und wer möchte sie jenseits frommer Absichtserklärungen betreiben?

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Eine Zeit lang dachte ich, dass der Rückenfit-Kurs gemischt war, weil er in der Hamburger Schanze stattfand, die weitestgehend, aber noch nicht komplett gentrifiziert ist. Der Mann in den Turnschläppchen hatte vermutlich noch einen alten Mietvertrag, der ihm das Bleiben erlaubte, während sich einige der Jüngeren auch die neuen Mieten leisten konnten. Bringt die Gentrifizierung also mit sich, dass sich die Schichten mischen? So wie in einem Metallwarenladen um die Ecke, wo polnische Handwerker, Hipster und Menschen mit wenig Geld gleichermaßen ihre Schrauben kaufen. Aber damit endet meine Liste Dritter Orte für die Schanze bereits.

Zwei Straßen weiter hat ein Bekannter von mir, ein Architekt, eine Kneipe übernommen. Er war früher oft als Gast dort, die Wirtin hieß Anni und ihre Gäste waren alte Männer, die mit dem Rollator aus dem Pflegeheim zu ihr kamen oder vom Stadtrand aus anreisten, als sie sich die Mieten vor Ort nicht mehr leisten konnten. „Ich habe Interesse für Alltagskultur, die im Untergang begriffen ist“, sagt mein Bekannter und es klingt wie ein ethnologisches Projekt.

Als Anni selbst ins Pflegeheim musste, kaufte er das Haus und renovierte die Kneipe, die früher höhlenartig war, mit zugeklebten Fenstern. Nun kam Licht in einen Raum mit neuen Tischen und Stühlen. Nur den Eingang veränderte mein Bekannter nicht.

Kneipen sind ein Ort des Zusammenkommens, wie hier beim Skatabend in Reetz. Aber wie durchmischt ist das Publikum dort wirklich? Foto: Ute Mahler/Ostkreuz

Für wen die neue Kneipe gedacht war? „Für uns und unsere Freunde, als eine Art Wohnzimmer“, sagt mein Bekannter, und es war keine Überraschung, dass die alten Gäste nicht mehr kamen, selbst nicht, wenn er sie hereinbat. Mein Bekannter schenkt dort weiter das Fassbier aus, zu dem die schöne alte Leuchtreklame am Eingang passt. Aber das Bier ist so teuer, dass ihm seine Töchter sagten, er müsse noch ein billigeres ausschenken, damit sie kämen.

Wahrscheinlich waren die Gäste zu Annis Zeiten nicht gemischter, als sie es heute sind. Frauen hatte mein Bekannter dort nicht gesehen, und der eine Stammgast, der weiterhin kam, tat sich schwer damit, dass sie nun auch erschienen und sogar laut lachten. Ist von Kneipen also ohnehin nicht mehr zu erwarten als dass sie ein Versammlungsort von Gleichen ist – einmal eine Kneipe nur für nicht akademische alte Männer und dann eine nur für akademische Hipster?

Ray Oldenburgs Antwort wäre klar: auf keinen Fall. Für den Soziologen gibt es echte Kneipen und es gibt etwas, das er abschätzig B.Y.O.F.-Kneipen nennt, „Bring your own friends“. Das sind Orte, die man mit seiner eigenen Gruppe betritt, dort auch gar keinen Kontakt mit anderen will, also wie ein Ufo ein- und wieder ausfliegt. Es ist das ausgelagerte Wohnzimmer, das sich mein Bekannter gewünscht hat, wo man keine anderen Meinungen ertragen muss, und genau nicht das, was ein Dritter Ort bieten könnte: so etwas wie ein Forum, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede austariert werden.

Es ist kein Stadt-versus-Land-Problem

Die bloße Koexistenz verschiedener Milieus, Kulturen und Nationalitäten an einem Ort bedeutet erst einmal wenig. Das Leben in der Stadt ist nicht zwangsläufig sozial vielfältiger als das auf dem Dorf – wer möchte, bleibt in seiner Blase. Und das geht womöglich sogar leichter als auf dem Dorf, wo alle Kinder zur gleichen Schule gehen und es eben nur den einen Fußballverein gibt.

In Deutschland werden die Wohngebiete in vielen Städten immer homogener, die Grenzlinie läuft entlang der Armutsgrenze, die oft mit nicht deutscher Staatsbürgerschaft einhergeht. Ist das nicht automatisch das Aus für eine Kneipe, in der sich unterschiedliche Milieus treffen? Wie viele Dritte Orte kann es in einer Stadt geben, wenn Arme und Reichere keinen gemeinsamen Bäcker haben und in unterschiedliche Büchereien gehen?

In Hamburg hat man die Geflüchteten-Unterkünfte lange dort gebaut, wo andere Arme lebten. Bis das Ungleichgewicht so offensichtlich wurde, dass 2017 ein „Schlüssel für gerechtere Verteilung“ geschaffen wurde. Eine der neuen Unterkünfte wurde im edlen Blankenese gebaut, wo die An­woh­ne­r:in­nen prompt auf die Barrikaden gingen. Carmen Girmscheid, die Leiterin, erinnert sich noch an die Nachbar:innen, die in den ersten Monaten kamen, um sich zu beschweren: über die Kinder auf dem Spielplatz oder über das Taxi, das mutmaßlich gekommen sei, weil jemand Drogengeschäfte abgewickelt habe, während es tatsächlich ein Krankenwagen für eine Schwangere war.

Aber dann drehte sich der Wind und er drehte sich nicht wegen spektakulärer Veränderungen, sondern weil eine Ehrenamtliche, von deren Sozialkompetenz Carmen Girmscheid nahezu andächtig erzählt, das Gespräch mit den An­woh­ne­r:in­nen suchte. In der Adventszeit standen dann plötzlich drei von ihnen mit Keksen an der Tür. Fortan gab es regelmäßige Teestunden. Die Frauen begannen die Kinder der Geflüchteten in ihren SUVs mit zur Schule zu nehmen; sie luden sie ein, gemeinsam mit ihren eigenen Kindern im Gartenpool zu planschen. Nur zum Hockeykurs nahmen sie sie nicht mit, denn den konnten die Geflüchteten nicht zahlen.

Er fände nicht, dass dieses Gefälle ein Grund sei, die Geflüchteten nicht in den reicheren Bezirken unterzubringen, sagt Girmscheids Kollege Saeid Alisedaghat. Im Gegenteil. „Wenn die Kinder sehen, dass Familien einen eigenen Garten haben, dann wollen sie sich später auch so etwas leisten können“. Bei ihm zumindest sei es so gewesen.

Die Gentrifizierung größerer Städte vertreibt alte Begegnungsorte und ersetzt sie durch gesichtslose Ketten Foto: Katja Hoffmann/laif

Bei der nächsten Bür­ge­r:in­nen­be­fra­gung in Blankenese sprach sich plötzlich eine Mehrheit dafür aus, dass die Unterkunft bleiben solle. Trotzdem wurde sie 2023 geschlossen, an ihrer statt entstanden Sozialwohnungen, auch für Mieter:innen, die im regulären Wohnungsmarkt chancenlos sind. „Es tut uns so leid, dass ihr geht“, sagten die An­woh­ne­r:in­nen zu Carmen Girmscheid.

Es gibt eine interessante Diskrepanz zwischen praktischen Erfahrungen und theoretischen Haltungen. Der Soziologe Maurice Crul und die Sozialwissenschaftlerin Frans Lelie sind bei ihrer Studie „Gesellschaft der Minderheiten. Leben in der Superdiversität“ darauf gestoßen, dass eine nicht unerhebliche Gruppe in der alten Mehrheitsgesellschaft in der Praxis positive Erfahrungen mit ihrer migrantischen Nachbarschaft macht, aber dennoch Vielfalt theoretisch negativ sieht. Das gleiche gilt auch andersrum. Menschen, die Vielfalt positiv sehen, lassen sich oft durch praktische negative Erfahrungen nicht beeinflussen.

Theoretisch tolerant, praktisch in der Blase

Gleichzeitig fanden Crul und Lelie heraus, dass Menschen mit hohem Bildungsabschluss, die Vielfalt positiv gegenüberstehen, in der Praxis oft in ihrer eigenen Blase bleiben, selbst wenn sie in einem gemischten Quartier leben. Während Menschen mit einem niedrigem Schulabschluss deutlich häufiger einen gemischten Freundes- und Bekanntenkreis haben.

Aber was ist eigentlich gewonnen, wenn Menschen zwar positive Erfahrungen mit anderen machen, das aber ihre grundsätzlich ablehnende Haltung nicht beeinflusst? Crul und Lelie haben in ihrer Studie unter denjenigen, die Diversität ablehnen, zwei Typen gefunden: solche, die in der Praxis negative Erfahrungen machen, und solche, die in der Praxis positive Begegnungen haben.

Diese theoretisch und praktisch Ablehnenden verfestigten sich in einer Negativspirale, während die anderen mehr Kontakte hatten und einen differenzierteren Blick auf die Mitglieder der anderen sozialen Gruppen warfen. Sie fanden Diversität nicht gut – aber sie versuchten, das Beste für sich daraus zu machen. Das ist wenig, wenn man Grundhaltungen ändern will. Es ist viel, wenn es um ein funktionierendes Zusammenleben geht.

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Nachbarschaft allein, das bloße Tür an Tür wohnen, bedeutet noch kein Zusammen. Aber es ist die Gelegenheit für mehr. Eine Kollegin von mir lebt mit ihrer Familie in einem städtischen Mietblock, in dem viele Mi­gran­t:in­nen wohnen. Sie hatte eine andere Wohnung nicht bekommen, diese zweite aber sehr schnell, und sie glaubt nicht, dass es Zufall war: „Biodeutsche Namen und zwei angehende Akademiker“, sagt sie, das sei ein gutes Argument für die Wohnungsbaugesellschaft gewesen. Sie selbst wäre lieber, wie ihre Freun­d:in­nen und Bekannte, in einen Altbau gezogen.

Nun lebt sie seit zwei Jahren in einem Hochhausblock und hätte nie gedacht, dass es so „nett und so gemeinschaftlich ist“. Die Nachbarinnen bringen Suppe, wenn sie krank ist, sie borgen sich gegenseitig Milch, Koffer und auch Geld. Es gibt eine Teerunde, die sich abends trifft, oft bis in die Nacht hinein.

Zwei aus der Runde sind arbeitslos und haben einen anderen Schlafrhythmus als meine Kollegin. Sie haben manchmal auch andere Ansichten, zum Beispiel, wenn es um die Rollen von Jungen und Mädchen geht. „Mädchen sind zickiger“, heißt es dann. „Ist es wirklich so?“, murmelt meine Kollegin, aber sie belässt es dabei. In ihrer alten Polit-WG war sie auf einer Linie mit den anderen, aber wenn sie krank war, brachte niemand Suppe.

Sogenannte Dritte Orte erfordern etwas Toleranz, einen gewissen Verzicht auf Profit und ein Leben, das nicht die gesamten Kräfte auffrisst

Wer über Dritte Orte spricht, merkt ziemlich bald, dass sie keine Selbstgänger sind. Nicht mal Schulen mit diverser Schü­le­r:in­nen­schaft sind es. Maurice Crul und Frans Lelie kommen zu dem durchaus deprimierenden Ergebnis, dass der Besuch solcher Schulen nicht notwendigerweise dazu führt, dass man als Erwachsene Diversität positiv gegenüber steht.

Dritte Orte können Begegnungen ermöglichen, nicht mehr und nicht weniger. Und dazu braucht es mehr als einen bloßen Raum. Ray Oldenburg schreibt ausführlich über die Qualitäten der Wirt:innen, die aus ihrer Kneipe echte Begegnungsräume machen. Dazu gehört auch ein Verzicht: auf auffällige Dekoration, die wortlos Klassenzugehörigkeit und soziale Codes schon beim Reinkommen aufruft. Schnellimbiss- und Café-Ketten spricht Oldenburg jegliche Dritte-Ort-Qualität ab.

Es würde ihn schmerzen, dass sie heute diverser besucht sind als die allermeisten inhabergeführten Alternativen. Wer in Hamburg seine Blase verlassen möchte, sollte zur Bäckerei Junge gehen oder in die Ikea-Cafeteria und das ist doppelt bedauerlich, denn natürlich hat Oldenburg recht. Austausch oder Begegnung findet da kaum statt.

Aber was braucht ein Dritter Ort, um Begegnung zu katalysieren? Gordon Allport glaubte, dass die Begegnung allein nicht genügt, sondern dass vier Bedingungen erfüllt sein müssen: Die Beteiligten sollten den gleichen Status haben, gemeinsame Ziele verfolgen, zusammenarbeiten und institutionell unterstützt werden. Die gegenwärtige Forschung ist nicht mehr ganz so streng wie Allport, aber eines bestätigt sie doch: Je stärker diese Bedingungen erfüllt sind, desto größer ist der Effekt des Kontakts. Reicht es, wenn im Museum am eintrittsfreien Donnerstag der Bildungsinteressierte mit gehobenem Einkommen wahrnimmt, dass es eine Gruppe von Leuten mit weniger Geld gibt, die sich ebenfalls für Handschriften aus Südostasien interessiert?

Maurice Crul und Frans Lelie schreiben in ihrer Studie von „bedeutungsvollen Begegnungen“, was so emphatisch klingt wie Oldenburgs echter Wirt. Sie glauben, dass sie am häufigsten über organisierte Aktivitäten gelingen, ein gemeinsames Interesse wie Gärtnern oder Sport oder Sprachenlernen. Dort wird aus der Person, die eine andere Partei wählt als man selbst, anders isst, anders glaubt, anders gendert, eine Person, die wie man selbst Karotten ziehen oder endlich Französisch können will. Es kann etwas sehr Erleichterndes haben, nicht länger die Unterschiede auszumessen.

Und damit landet man wieder bei Einrichtungen wie der Volkshochschule, deren Gründungsgedanke Bildung für alle ist. Aber diejenigen, die dorthin kommen, sind sich oft ähnlich: weiblich, nicht mehr erwerbstätig und mit hohem Bildungsabschluss. Eine Schraube, an der die Volkshochschule für mehr Vielfalt drehen kann, sind die Gebühren – und die Hamburger Volkshochschule dreht energischer daran als es die Museen tun. Wer wenig Geld hat, aber nicht unter die üblichen Ermäßigungen fällt, kann formlos einen Antrag beim Verein „Bildung für alle“ auf Förderung stellen.

Die Grundbildungskurse sind sowieso kostenlos, aber in Stadtteilen, wo die Leute wenig Geld haben, wie etwa am Osdorfer Born, gibt es einen Sozialrabatt, sodass sie nur die Hälfte der Gebühren zahlen. „Viele Leute haben zwei oder drei Jobs und trotzdem kaum Geld“, sagt Kerstin Wolf, die die Kurse hier organisiert. Und die Geflüchteten, die sie nach den Grundbildungskursen gern in anderen Angeboten sähe, beim Fotografieren oder Zeichnen, haben andere Sorgen: irgendwie eine Stelle, eine Wohnung finden.

Dritte Orte scheinen das Zauberwort all derer, die sich Sorgen machen um eine polarisierte, auseinanderdriftende Gesellschaft. Aber entsteht dort tatsächlich Gemeinschaftlichkeit?

Es gibt ein Projekt, bei dem Kerstin Wolf leuchtet, wenn sie davon erzählt. Es war ein Kurs, bei dem Schü­le­r:in­nen Seniorinnen zeigten, wie man ein Handy bedient. „Dann saßen sie da und es kam ein Schwarzer Jugendlicher“, sagt Wolf und ahmt nach, wie eine alte Dame zurückschreckt. Aber am Ende reichten die Damen den Jugendlichen, die eigentlich nur einen Zuschuss für die Klassenkasse bekamen, eine Tafel Schokolade oder fünf Euro unter dem Tisch durch.

So schlicht wie herausfordernd

Die Dritten Orte sind so schlicht wie herausfordernd. Es kann der Tisch sein, den die Nachbarinnen im Laubengang meiner Kollegin aufgestellt haben. Es kann das Café in der Berliner Stadtbibliothek Mitte sein, wo sich Schrate, Studierende und junge Eltern niederlassen können, weil der Betreiber nur 1,70 Euro für einen sehr guten Cappuccino nimmt. Er findet, dass er hier nicht mehr verdienen muss als in seinem früheren Job als Verkäufer. Dritte Orte erfordern etwas Toleranz, einen gewissen Verzicht auf Profit und ein Leben, das nicht die gesamten Kräfte auffrisst. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht.

Ich habe aufgehört mit dem Rückenfit-Kurs, weil ich nach etwas suchte, wo ich mehr Zorn lassen konnte als es ein Gummiball erlaubt. Ich landete beim Fechten in einem Sportverein in der bürgerlichen Stadtmitte. Dort fochten Akademiker:innen, aber auch eine Bürgergeldempfängerin aus einer anderen Stadt, ein Krankenpfleger und ein Straßenbau-Azubi.

Irgendwann tauchten sie nicht mehr auf. Ich glaube nicht, dass es nur daran lag, dass sie das Interesse verloren. Sondern weil die Anfahrt für die Bürgergeldempfängerin zu teuer war, Straßenbau zu anstrengend ist, um danach noch Sport zu machen, und der Schichtdienst Freizeitpläne zerschießt. Mit den Dienstzeiten sei es nicht einfach, regelmäßig zu kommen, hat der Krankenpfleger einmal entschuldigend gesagt. Natürlich geht das Fechten auch ohne sie weiter, aber es ist nicht mehr das Gleiche.

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