piwik no script img

Krieg im LibanonZu Gast im Krieg

Eine katholische Kirche in Beirut wird zur multikonfessionellen Notunterkunft für Migranten und Geflüchtete. Eine Million Menschen flohen bereits aus dem Süden.

Im Innenhof der Kirche: eine Familie aus Sudan, am 6. März 2026 Foto: Claudia Greco/reuters
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Kumari Perera hatte nicht damit gerechnet, fliehen zu müssen. Sie kommt aus Sri Lanka und lebt mit ihrem 14-jährigen Sohn in der Stadt Saida im Südlibanon. In der drittgrößten Stadt des Landes wohnen hauptsächlich sunnitische Muslime. Anfang März trafen israelische Angriffe auch ihre Nachbarschaft. Hastig packte sie ein paar Dinge in die Tasche.

„Es ging ganz schnell, ich wusste gar nicht, was ich alles einpacken sollte.“ Zumindest ihre Papiere konnte sie sichern, einen dicken Pullover habe sie vergessen. „Wir sind mit dem Bus gefahren, doch es gab viel Stau. Wir haben drei Tage nach Beirut gebraucht.“ Nächtelang habe sie am Strand geschlafen.

Die 50-Jährige hat bereits den Krieg 2024 im Libanon erlebt. Daher wusste sie, dass es in Beirut eine Kirche gibt, die Mi­gran­t*in­nen Schutz bietet. Bereits 2024 hatte Perera für zweieinhalb Monate dort übernachtet. Nun schläft sie wieder dort.

Die St. Joseph-Kirche im Herzen der Hauptstadt ist eines der wenigen Gotteshäuser im Libanon, die ihre Türen den Vertriebenen geöffnet haben. Über eine Million Menschen flohen bislang vor den Bombardierungen und voran rückenden Bodentruppen Israels.

Im Gottesdienst der katholischen Kirche wird aus dem zweiten Buch Mose vorgelesen: Mose versorgt das Volk durch ein Wunder mit Wasser, nachdem es über Durst klagt. Die Gemeinde singt, am Ende des Gottesdienstes gibt es eine Durchsage: „Wir haben heute kein Mittagessen für alle, weil unsere Kirche zur Notunterkunft verwandelt wurde.“

Matratzenlager: In der Kirche kommen derzeit doppelt so viele Menschen unter wie noch im Krieg 2024 Foto: Claudia Greco/reuters

Doppelt so viele Geflüchtete wie 2024

Im ersten und zweiten Stock des Kirchenbaus sind Räume voller Matratzen und Kissen. 200 Menschen hat die Kirche aufgenommen, darunter 70 Kinder. Das ging nur, weil die Kirche an den Flüchtlingsdienst der Jesuiten angeschlossen ist, erklärt Michael Petro, US-amerikanischer Priester in der Ausbildung und Leiter der Notunterkunft. „30 Kinder sind weniger als 3 Jahre alt. Wir haben auch zwei schwangere Frauen, die kurz vor der Geburt stehen.“ Es wären nicht die ersten Babys, die in der Notunterkunft geboren werden.

„Die Kinder, die hier geboren wurden, sind wieder da. Ein Jahr später können sie laufen und sprechen. Es ist wunderbar, sie zu sehen. Aber es ist auch herzzerreißend, sie wieder hier in der Kirche zu haben“, sagt er.

Die Kinder, die hier geboren wurden, sind wieder da. Ein Jahr später können sie laufen und sprechen. Es ist wunderbar, sie zu sehen. Aber es ist auch herzzerreißend

Michael Petro, Leiter der Notunterkunft

Der Krieg zwischen Israel und der von Iran unterstützen Miliz Hisbollah sorgte im September und Oktober 2024 schon einmal für eine Massenvertreibung: Etwa 1,2 Millionen Menschen mussten damals ihr Zuhause verlassen. Einige konnten mit dem Beginn des sogenannten Waffenstillstands ab November 2024 wieder dorthin zurückkehren. Doch 64.000 blieben Vertriebene bis zu dieser erneuten Eskalation im März 2026.

Nun sind erneut Schulen zu offiziellen Notunterkünften geworden. Doch der Platz reicht nicht aus. „Wir haben die Zahl der Menschen, die derzeit in der Kirche untergebracht sind, im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt“, erklärt Petro.

Doppelt geflüchtet: aus Sudan, dann aus dem Südlibanon

Die Kirche füllt eine weitere Lücke: Libanons Gastarbeiter und Geflüchtete werden in offiziellen Unterkünften abgewiesen. In dem kleinen Land gibt es mehr als 170.000 Gastarbeiter. „Die Menschen arbeiten hauptsächlich als Hausangestellte, Reinigungskräfte, Hausmeister und in der Landwirtschaft“, erklärt Petro. In der Kirche schlafen nun Menschen aus Sudan, Äthiopien, Bangladesch, den Philippinen und Sri Lanka – Muslime, Christen, Buddhisten, Hindus.

Im Süden des Landes, im Osten in Baalbek sowie in Südbeirut leben hauptsächlich Schiiten. Aber auch geflüchtete Syrer und Arbeiter aus den Philippinen oder Sudan wohnen in diesen ärmeren, schiitischen Teilen des Landes, weil sie woanders die Miete nicht zahlen können. Viele Su­da­ne­s*in­nen lebten in südlichen Gebieten wie Saida, Bint Jbeil und Nabatieh, arbeiteten dort als Hausmeister oder Sicherheitspersonal. Viele Su­da­ne­s*in­nen sind selbst vor einem Krieg geflüchtet, nun sind sie erneut vertrieben.

So nächtigen derzeit einige Geflüchtete im Libanon: Zelte in Beirut am 20. März Foto: Yara Nardi/reuters

Manche Vermieter nutzen die Not der Menschen aus

„Wohin sollen wir gehen? Sie haben keinen anderen Ort“, sagt Aluel Manyok. Sie steht mit einem silbernen Tablett im Korridor und verteilt Zitronenkuchen an Kinder. Die 39-Jährige ist im Süd-Sudan aufgewachsen, wohnt seit 13 Jahren im Libanon und arbeitet als Community Leader bei der Sudanesischen Frauenvereinigung. Sie hat sudanesischen Frauen das Keksebacken beigebracht, Englisch- und Computerkurse und Arbeitsmöglichkeiten vermittelt. Wegen des Kriegs wurden die Aktivitäten gestoppt. Jetzt hilft sie freiwillig in der Notunterkunft.

„Die Wohnungssuche ist extrem schwierig“, sagt Manyok. Aufgrund der Wohnungskrise versuchten manche, fünf oder sechs Personen in einem Zimmer unterzubringen. Sie berichtet von Fällen, in denen Vermieter Menschen aus dem globalen Süden abwiesen. Andere Vermieter schlagen Profit aus der Not.

Hinzu kommt Rassismus. Dabei ist der Libanon für viele Mi­gran­t*in­nen längst Heimat. Trotz der schwierigen Lage möchte auch Perera bleiben. In ihrer Heimat Sri Lanka gebe es Proteste und Instabilität. Im Libanon hat sie geheiratet und Freunde gefunden. „Mein Herz ist hier.“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare