82. Jahrestag SS-Massaker in Voštane: Deutsche (bis 1990) unerwünscht
Im dalmatinischen Bergdorf Voštane gedenken Angehörige der Opfer des SS-Massakers von 1944. Auch nach 82 Jahren ist das Blutbad wenig aufgearbeitet.
A ntica žena Marka. Mišo sin Marka, Boja kći Marka, Grgo sin Marka. Dem 17-jährigen Bože Vukas, der diese Namen vorliest, bricht immer wieder die Stimme.
Vukas ist aus Voštane, so wie die 515 Menschen, deren Namen er an diesem Montag in der kleinen dalmatinischen Bergdorfkirche rezitiert. Fast 30 Minuten dauert die Wiedergabe der 515 Vornamen, die jeweils mit den Namen der Ehemänner bzw. der Väter vorgetragen werden, der Eindeutigkeit willen, denn diese 515 Menschen teilen sich nur vier Familiennamen. Immer wieder hört man Schluchzen unter den Gottesdienstbesuchern. Über viele Gesichter laufen Tränen.
Die meisten der Anwesenden sind Angehörige der 515 Menschen. Auch ich. Die Namen, die zu den ersten zählen, die der junge Vukas vorliest und die am Anfang dieses Textes stehen, sind die Namen meiner Großmutter und ihrer drei kleinen Kinder, die am 29. März 1944 von der SS-Division Prinz Eugen in Zusammenarbeit mit den kroatischen Ustaša-Faschisten erschossen und verbrannt wurden.
Über 1.200 Menschen hat dieses faschistische Bündnis an zwei Tagen in sieben Dörfern dieser Gegend ermordet. Bis heute sind alle Fragen nach dem Warum ungeklärt: Warum ausgerechnet hier? Warum so viele? Warum so brutal? Warum ist niemand eingeschritten? Warum wurde das Massaker im sozialistischen Jugoslawien nie aufgearbeitet? Warum gibt es bis heute keine ausreichende historische Forschung?
Gedacht wird auch dem Leid der Überlebenden
Der Pfarrer, der die Messe leitet, betont, dass die Gedenkfeier nicht nur dazu dienen soll, die Toten zu zählen, sondern auch an das Leid derer zu erinnern, die das Massaker überlebt haben, und an die Nachfahren, die jahrzehntelang nicht über das Verbrechen reden konnten, die schwiegen, weil andere schwiegen.
Ich bin zum ersten Mal bei dieser Gedenkzeremonie, die es erst seit einigen Jahren gibt. Lange Jahre hatten sich kroatische und auch deutsche Politiker ferngehalten, mit der Begründung, das Massaker sei noch nicht ausreichend erforscht.
Nach dem Gottesdienst folgen die Anwesenden dem Pfarrer und seinen Kollegen zum Massengrab auf dem kleinen Dorffriedhof direkt neben der Kirche. Unter dem schneebedeckten Kamešnica-Gebirge windet sich die Prozession dann durch die karstige Landschaft und die noch winterbraune Macchia zur Gedenkkapelle. Niemand weiß, wo die Überreste meiner Oma beerdigt wurden. Mutmaßlich unter der Kapelle. „Wenn ich meinen Vater nach ihr fragte, winkte der nur ab und sagte: schrecklich“, erzählt Ivan immer wieder, dessen Familie meinen zu Waisen gewordenen Vater und seine Schwester 1944 aufnahm.
Verwandschaften klären
Nach der Kranzniederlegung durch politische Vertreter von Staat, Gemeinde und Ort stehen Kleingruppen zusammen, unterhalten sich über das, worüber ihre Großeltern und Eltern nie oder nur wenig geredet haben, und versuchen, Verwandtschaften zu klären. Ständig stellt sich mir jemand als „Akrap“ vor, und zum Glück gibt es einen älteren Herrn, der im unabhängigen Kroatien in den 1990ern dafür zuständig war, die Namen der Ermordeten zu recherchieren, und erläutert die Stammbäume, die so verworren sind, dass wir alle immer wieder lachen müssen, weil niemand mehr durchblickt.
Die meisten der Menschen, die heute hier sind, leben nicht hier, sondern in der Hafenstadt Split oder seit zwei Generationen in Deutschland. Ausgerechnet.
„Wusstest du, dass bis 1990 Deutsche hier unerwünscht waren?“, fragt mich jemand. Angeblich stand das auf einem Schild am Eingang des Dorfes, das nach dem Zerfall Jugoslawiens verschwand. Nein, das wusste ich nicht. Mit jedem Besuch hier oben taucht ein neues Detail auf. Aber auch neue Gerüchte.
Selbst bei wesentlich besser aufgearbeiteten Massakern wird es diese ständigen Updates, Legenden, Unerzähltes, Dazugedichtetes und Vergessenes geben. Aufarbeitung ist eben nie abgeschlossen. Sie wird so lang dauern, wie erinnert wird.
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