: KI oder nicht KI – das ist hier die Frage
Wie künstliche Intelligenz im Alltag längst verwendet wird und wo wir sie nicht einsetzen sollten. Vier Fragen an Judith Simon
Judith Simon ist Professorin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Sie beschäftigt sich mit ethischen, erkenntnistheoretischen und politischen Fragen im Kontext digitaler Technologien.
wochentaz: Frau Simon, wo fällt Ihnen die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) im Alltag auf? Und nutzen Sie selbst KI im Alltag?
Man kommt um die Nutzung von KI ja gar nicht herum, schon wenn ich mein Handy mit dem Gesicht entsperre, ist das KI. Wenn aber Generative KI gemeint sein soll – eine Form der künstlichen Intelligenz, die in der Lage ist, völlig neue Inhalte wie Texte, Bilder, Musik und sogar Videos zu erschaffen, indem sie die zugrunde liegenden Muster aus bestehenden Datenbeständen erlernt – da verweigere ich die eigene Nutzung so lange ich kann, aber natürlich begegnet sie auch mir überall.
Soll KI Ihrer Meinung nach eingeschränkt werden?
Auch hier stellt sich die Frage: welche KI, in welchem Kontext. Generative KI könnte meinethalben gerne im Orkus der Geschichte verschwinden. KI im Allgemeinen hat viele sinnvolle Einsatzbereiche – hier ist eher die Frage: Wie gut muss KI für welche Zwecke sein, mittels welcher Vorgaben und Verfahren stellen wir dies sicher, und gibt es Bereiche, in denen wir uns als Gesellschaft beispielsweise prinzipiell nicht auf KI verlassen wollen.
Bedeutet die Entwicklung von KI das Ende von klassischer Büroarbeit?
Das würde mich sehr wundern. Im Moment ist es so, dass generative KI für mich tatsächlich Mehrarbeit verursacht: Ich bekomme noch mehr E-Mails, noch mehr Einreichungen bei wissenschaftlichen Zeitschriften, für die ich Gutachter:innen suchen muss, noch mehr Dinge, die ich selbst begutachten soll. Auch in der Lehre, zum Beispiel in der Betreuung von Abschlussarbeiten ist es so, dass Generative KI Mehrarbeit verursacht. Selbst im besten Fall, wenn Studierende die KI-Nutzung beim Schreiben ihrer Arbeiten transparent machen, muss ich mich durch diese Mischtexte wühlen, in welchen eigenständige Gedanken mit Textpassagen aus den Quellen verquirlt sind.
Judith Simon ist Professorin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg.
Wie gehen Sie als Professorin mit Nutzung von KI durch Student:innen um?
Ich nutze generative KI selbst nicht, verbiete die Nutzung aber auch nicht. Ich versuche einerseits zu vermitteln, warum und wofür lesen und schreiben immer noch wichtig sind. Andererseits versuche ich Lehr- und Prüfungsformate so zu gestalten, dass das Delegieren an KI wenig hilfreich ist. In manchen Kontexten ist das einfacher, zum Beispiel in kleineren Seminaren habe ich auf mündliche Prüfungen umgestellt, die Anzahl der Texte reduziert, die Nutzung von Lernjournalen eingeführt oder Studierenden erlaubt, mit handgeschriebenen Spickzetteln in die Prüfung zu kommen. Das heißt, ich versuche Raum und Zeit fürs Lesen zu geben und Anreize zu setzen, damit Studierende Schreiben als ein Instrument für Denken und Lernen erproben können. Interview Athanasios Kilintaris
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