Antifeminismus-Boom: Vom Krypto-Bro zum Frauenhasser
Das Driften nach rechts basiert auf der Abwertung von Frauen. Junge Männer werden online mobilisiert, Männlichkeit als Quelle von Macht zu sehen.
J unge Frauen werden immer linker, junge Männer werden immer rechter!“ – so oder so ähnlich wird heute medial über den sogenannten politischen Gendergap berichtet. Gerade in der Gen Z tue sich ein Graben zwischen den Geschlechtern auf, der auf äußerst unterschiedlichen politischen Haltungen beruhe. Die Frauen schauten Reels und Tiktoks von Tara Louise Wittwer oder Josephine Schreiber, lesen Bücher von Mareike Fallwickl oder bell hooks.
Die Männer hingegen konsumierten Streams von Clavicular und Monte, lesen (wenn überhaupt) Selbsthilfebücher und Beiträge in Trading- oder Crypto-Reddits. Das führe zu einer bitteren politischen Realität: Junge Männer wählten zunehmend rechts, junge Frauen zunehmend links. Was ist da dran?
Philosoph, Autor, Influencer. Auf TikTok und Instagram spricht er über Themen rund um Sexualität, Geschlecht und Beziehungen. 2024 erschien von ihm: „Freunde lieben – Die Revolte in unseren engsten Beziehungen“ (Harper Collins)
Eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema begann mit einem Artikel in der Financial Times von 2024, der in verschiedenen Ländern den neuen Geschlechterkonflikt mit Tausenden Befragten und ausgiebigem Zahlenwerk belegte. Schaut man sich jedoch umfassende, wissenschaftliche Studien an, wird das Bild vielschichtiger.
In manchen Ländern, etwa Polen und Italien, ist der politische Gendergap extrem stark ausgeprägt. In anderen Ländern, etwa Portugal oder Griechenland, ist er kaum bis gar nicht existent.
In Deutschland ist die politische Lücke zwischen jungen Frauen und Männern seit einigen Jahren stabil, aber nicht besonders groß. Bis in die 1980er Jahre war der politische Gendergap sogar noch umgekehrt, Frauen waren konservativer als Männer – rechte Männer sind also kein automatischer Effekt patriarchaler Gesellschaften.
Gesamteuropäisch, so kann man heute sagen, beträgt das Geschlechterverhältnis bei der Wahl rechter Parteien 2:3 zugunsten der Männer. Doch nur in etwas mehr als der Hälfte aller europäischen Länder existiert ein messbarer politischer Gendergap. Und das, ie Kraft, die die Geschlechter politisch auseinander treibt, das sind vor allem junge Frauen, die linker und progressiver werden. Sitzen wir also einer Illusion auf, wenn wir behaupten, dass sich junge Männer zunehmend nach rechts radikalisieren? Ist die Aufregung um den Effekt maskulinistischer Influencer wie Andrew Tate, Jordan B. Peterson oder Myron Gaines nur eine „moral panic“?
Eine Antwort auf diese Fragen gibt uns der Soziologe Niklas Kumkar, der seit Jahren zu gesellschaftlicher Polarisierung forscht. Er thematisiert dabei ganz zentral einen vermeintlich widersprüchlichen Befund: Einerseits wird medial unglaublich viel über stärker werdende Polarisierung gesprochen, andererseits wird keine besonders große Polarisierung in der Bevölkerung gemessen.
Wer hat also recht? Reden wir über ein Phänomen, das gar nicht existiert? Oder stellt die Wissenschaft die falschen Fragen? Kumkar schlägt einen dritten Weg vor: Er versteht Polarisierung als „kommunikative Ordnung“. Politische Sachverhalte werden einfach heruntergebrochen. Sie werden Plattformlogiken von Social Media anpasst und formen so ein klareres Parteienprofil. Polarisierung, so Kumkar, ist in einer medial vermittelten Demokratie keine zufällige Nebenwirkung. Es ist eine notwendige Grundbedingung. Die Bevölkerung muss gar nicht gespalten sein, damit ein Diskurs polarisiert geführt wird – vielmehr ist es Voraussetzung politischer Social-Media-Diskurse, polarisiert zu sein.
Wie kann man das auf den politischen Gender-Gap beziehen? Vielleicht steht hinter der Diskussion über rechter werdende Männer eine tiefer liegende Sorge: dass politische Radikalisierung junger Männer heute (wieder) extrem stark über die Abwertung von Frauen, die Missachtung feministischer Kämpfe und die Verdrängung alles Weiblichen funktioniert. Vielleicht sind nicht mehr junge Männer per se rechts, aber sie werden vermehrt über Antifeminismus mobilisiert.
Der politische Gender-Gap problematisiert dann weniger den stärkeren Drift von jungen Männern nach rechts, als vielmehr die Strategien, die junge Männer an rechte Ideologien heranführen. Und das verschiebt den Fokus: Wir sollten nicht am Ende des Radikalisierungsprozesses ansetzen, wo wir einen ideologisch verfestigten Hass auf Frauen finden.
Ein stärkerer Hebel wäre es, am vorpolitischen Raum junger Männer anzusetzen. Die Methoden zu analysieren, mit denen die Alt-Right-Pipeline aufgebaut wird: von harmlosem Gym Content und Meal Prepping über stoische Selbstdisziplin und Lustfeindlichkeit bis zu übertriebener emotionaler Härte und Misogynie.
Worin liegt die Ohnmacht begründet, die junge Männer nach Männlichkeit als Quelle von Macht streben lässt? Und welche immer neuen Themen werden maskulinistisch besetzt?
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Ein Beispiel: Wo früher Whiskey-Bros dem männlichen Genuss von starkem Alkohol frönten, finden wir heute Parfum-Dudes auf Tiktok, die in eine eigentlich weiblich besetzte Sphäre vordringen, um ihren Content zu verbreiten. Parfum, als weibliches Hobby verlacht, wird plötzlich ein männliches Statussymbol, wo es um Markenkenntnis und Luxus geht. Ich will damit nicht sagen, dass Männer nicht über Düfte reden sollen. Aber das, was als männlich gilt und über welche Wege Männer zu vorherrschender Männlichkeit gelangen können, ist ein offenes Feld, und die sogenannten Frag(rance)-Bros auf Tiktok nur ein kleines Beispiel.
Wenn es also heißt, dass junge Männer immer rechter und junge Frauen immer linker werden, sollten wir vorsichtig sein. Hinter dem Abgrund, der sich zwischen den Geschlechtern immer weiter auftut, könnte mehr stecken als bloß ein zunehmendes Interesse an rechter Politik von Typen. Es könnte auch sein, dass es eher um einen (alten) Antifeminismus in neuen Schläuchen geht, der rechte Kulturkämpfe heute maßgeblich bestimmt.
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