Schweinfurt trotzt dem Trend: „Mir tut es weh, was mit der SPD passiert“
Ralf Hofmann erobert in Schweinfurt für die SPD das Oberbürgermeisteramt. Seine Partei beschäftige sich zu sehr mit sich selbst, sagt er.
taz: Herr Hofmann, entgegen der bundesweiten Depri-Stimmung in der SPD haben Sie im fränkischen Schweinfurt das Rathaus erobert – nach 34 Jahren CSU-Regentschaft. Wie haben Sie das geschafft?
Ralf Hofmann: Ich bin immer noch reichlich euphorisiert von dem historischen Ereignis. Wir haben in einer schwierigen Situation für die SPD etwas Besonderes geschafft. Wir haben die Wahlkampagne selbst auf die Beine gestellt, dazu einen Fragebogen genutzt, den ich selbst entworfen habe. Damit habe ich gefragt, wie sich die Menschen einbringen wollen und können, und wir hatten von Gewerkschaften über Ex-CSUler bis in die breite Migrationsgesellschaft viele Menschen dabei. Es gab die Grundstimmung in der Stadt, dass es Veränderung braucht.
taz: Was sind die größten Herausforderungen in Schweinfurt?
Bei der Stichwahl für das Amt des Rathauschefs entfielen am Sonntag 67,7 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Ralf Hofmann. Sein Mitbewerber Oliver Schulte von der CSU kam lediglich auf 32,3 Prozent. Seit 34 Jahren war das Oberbürgermeisteramt fest in den Händen der CSU. Die Stadt am Main mit 55.000 Einwohner*innen ist ein wichtiger Standort für die Automobilindustrie und vom Strukturwandel betroffen.
Ralf Hofmann: Der Strukturwandel. Wir werden hier in den nächsten Jahren etwa 3.000 Arbeitsplätze in der Automobilzulieferung verlieren. Schweinfurt war ja eine der beiden Städte in Deutschland, wo es lange Zeit mehr sozialversicherungspflichtige Jobs als Einwohner gab. Heute sind in den fünf Großbetrieben in der Stadt noch etwa 20.000 Menschen beschäftigt. Der Schlingerkurs der Bundesregierung und der EU stellt uns hier vor enorme Herausforderungen. Von den Betriebsräten und auch von den Standortleitungen haben wir gehört, dass die Stadt hier Akteur werden muss und lange zu passiv war. Wir müssen schauen, dass wir die guten Arbeitsplätze halten können, was uns mit der Ansiedlung einer KI-Gigafactory vor den Toren der Stadt auch gelingen könnte.
taz: Vor allem in Baden-Württemberg hat die SPD stark bei den Industriearbeitern eingebüßt, auch an die AfD. In Rheinland-Pfalz gab es jetzt ebenfalls eine Niederlage. Was kann die Partei von Ihnen lernen?
Ralf Hofmann: Wir hatten hier in Schweinfurt bei den Bundestagswahlen einen extrem hohen AfD-Anteil. Aber in vielen Gebieten, in denen die AfD stark war, haben wir jetzt bei der Stichwahl bis zu zwei Drittel der Stimmen geholt. Die Menschen sind nicht verloren, sie haben einen Vertrauensverlust und große Abstiegsängste. Das konnten wir gut in unserem Wahlkampf auffangen. Wir haben den großen Vorteil, dass die Betriebsräte und die IG Metall hier sehr pragmatisch arbeiten. Die Menschen merken, dass ihnen gewerkschaftliche Arbeit guttut. Daran konnten wir anknüpfen.
taz: Was würden Sie den SPD-Chef*innen Bärbel Bas und Lars Klingbeil raten?
Ralf Hofmann: Die SPD hat nur eine Zukunftschance, wenn sie sich auf ihre kommunalpolitischen Wurzeln besinnt. Die Parteispitze muss mit den erfolgreichen Kommunalpolitikern Zukunftsstrategien entwickeln. Ich bin mit einer Bierbank durch die Stadt gelaufen, und die Leute konnten sich neben mich setzen. Ich habe mir alles angehört und habe ehrlich gesagt, welche Probleme wir lösen können und welche eben auch nicht. Obwohl es in Schweinfurt viele Fahrradfahrer*innen gibt, ist unsere Radinfrastruktur schlecht ausgebaut. Da habe ich gesagt, dass es in den kommenden zwei Jahren dafür kein Geld gibt angesichts der Kassenlage. Da geht es auch mal ruppig zu, aber da darf man keine Angst haben.
taz: Ist die SPD zu zimperlich?
Ralf Hofmann: Ja, wir müssen vor Ort mit den Menschen reden und auch mal ins Risiko gehen. Die SPD ist immer so staatstragend. Ich sehe bei der SPD kommunikative Probleme. Die Orientierung auf die Funktionärsebene ist ein Problem. Auf Parteitagen habe ich mich nie wirklich wohlgefühlt. Wir müssen doch nicht immer über die Programmatik sprechen! Es geht viel um Vertrauen und Zuwendung, und da hat die SPD die größte Lücke.
taz: Würden Sie sich wünschen, dass Klingbeil und Bas mal bei Ihnen zu Besuch kommen?
Ralf Hofmann: Ja, natürlich. Aber ich bin da realistisch, ich kann auch überall hinfahren, wo so ein Treffen stattfinden könnte. Der Kalender der beiden ist deutlich strapazierter als meiner. Mir tut es weh, was mit der SPD passiert. Wenn eine Chance besteht, mit denen in oberster Verantwortung über die Zukunft der Partei zu sprechen, komme ich überall hin.
taz: Wie muss sich die SPD verändern, um wieder Wahlen zu gewinnen?
Ralf Hofmann: Wenn ich da ein Patent hätte, wäre das nobelpreisverdächtig. Wir beschäftigen uns zu sehr mit uns. Interne Beteiligung und so weiter, das ist alles ganz toll. Aber wir müssen raus. Wir müssen zu den Leuten, Infostände machen, von Tür zu Tür gehen, nicht nur in Wahlkämpfen, und darüber sprechen, was bei den Menschen ansteht. Was mich zum Beispiel total nervt, ist dieses Zurückdrehen der Energiewende in der Bundesregierung. Wie kann man auf so eine Idee kommen? Das ist das Gegenteil von Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Am aktuellen Krieg sieht man doch wieder, wie abhängig wir von der fossilen Energie sind. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir für eine gewisse Zeit auf Dinge verzichten müssen. Aber Deutschland ist immer noch eine starke Industrienation, wir können das sozial abfedern. Und es gibt viel zu gewinnen – etwa, dass unsere Kinder noch einen lebenswerten Planeten vorfinden.
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