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Auf Tiktok posieren Kinder aus Sudan mit Leichen im Hintergrund. Millionen schauen zu – und die Plattform bekommt das Problem kaum in den Griff

High Five mit einem mutmaßlichen Politiker: Kindersoldat im Sudan posiert für ein TikTok-Video Screenshot: TikTok

Aus Kampala Simone Schlindwein

In einer viel zu großen Uniform sitzt der kleine Junge zwischen Soldaten auf dem Dach eines Militärgeländewagens und strahlt in die Kamera. Er ist vielleicht elf Jahre alt. Auf einem weiteren Foto hält derselbe Junge eine alte Kalaschnikow in der Hand und strahlt über das ganze Gesicht.

Zahlreiche Fotos und Videos von Kindersoldaten in Sudan zirkulieren dieser Tage auf den sozialen Medienplattformen, vor allem auf Tiktok. In einem weiteren, besonders verstörenden und offenbar selbst gedrehten Video läuft ein Junge im Alter von vielleicht 12 oder 13 Jahren mit wirren Locken durch staubige Straßen und ruft „Allah ist groß!“ auf Arabisch. Hinter ihm sieht man zahlreiche Leichen liegen.

„Das Video war ziemlich beliebt auf Tiktok und erreichte Millionen von Aufrufen“, so Sebastian Vandermeersch, Reporter bei der investigativen Medienplattform Bellingcat, der bei seiner Recherche über Kriegsverbrechen in Sudan über diese Tiktok-Accounts der Kindersoldaten gestolpert ist. „Ich konnte auf Tiktok ein ganzes Netzwerk von Accounts finden, die Inhalte über Kindersoldaten teilten und damit Millionen von Aufrufen erzielten.“

Er beschloss, gemeinsam mit seinen Redakteuren auf das Problem aufmerksam zu machen, sagt er, und begann, soziale Medien gezielt nach Inhalten von oder über Kindersoldaten in Sudan zu durchsuchen – und letztlich die Verantwortlichen der Plattformen damit zu konfrontieren. „Wir wollten auf dieses Problem aufmerksam machen. Kindersoldaten als Influencer beziehungsweise Kindersoldaten mit einer großen Anhängerschaft – sind etwas völlig Neues.“

Der Krieg in Sudan, der im April vor drei Jahren begann, ist eine der größten humanitären Katastrophen weltweit. Fast zehn Millionen Menschen wurden innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben, mehr als vier Millionen suchen in den Nachbarländern Schutz. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist von akutem Hunger betroffen.

Besonders die Kinder leiden in diesem Krieg. „Über zehn Millionen Kinder wurden durch die wahllosen und gezielten Angriffe der SAF und RSF auf Zivilisten und zivile Infrastruktur brutaler Gewalt ausgesetzt“, meldet die US-Menschenrechtsorganisation Genocide Watch 2025. „Viele müssen mitansehen, wie ihre Familienangehörigen getötet, ihre Häuser zerstört und ganze Dörfer massakriert wurden.“

In einem Bericht des UN-Menschenrechtsrates in Genf vom Februar, melden die UN-Ermittler, dass Kindern gezielt Gewalt angetan wird. Viele – vom Kleinkind bis zum jugendlichen Mädchen – wurden vergewaltigt, die Jungen bereits im Kindesalter entführt und in die RSF-Miliz aber auch in die Reihen der Armee als Kämpfer integriert.

Auch beim Massaker in der Stadt El Fasher in der Region Darfur, die Ende Oktober von der RSF gestürmt wurde und wo schätzungsweise rund 70.000 Menschen in nur drei Tagen brutal ermordet wurden, wurde „eine beträchtliche Anzahl“ von Kindern eingesetzt. Sie dienten entweder „als Kämpfer und zur Informationsbeschaffung“ dienten, so der UN-Bericht.

Der Junge streckt im Siegestaumel ein Gewehr gen Himmel

Dass diese Kindersoldaten nun auf den sozialen Medien richtige Onlinestars werden, ist neu. Kindersoldaten gibt es in Sudan seit Jahrzehnten: Als „Lion Cups“, übersetzt „Löwenbabys“ werden sie traditionell bezeichnet. Der Begriff wurde bereits in den vergangenen Kriegen gegen den mittlerweile unabhängigen Südsudan für Kindersoldaten verwendet. Auch damals wurden Abertausende Kinder auf beiden Seiten der Fronten eingesetzt.

Bellingcat-Reporter Vandermeersch nutzte Online-Tools, um „die Authentizität eines Videos zu überprüfen, indem wir dessen genauen Standort bestimmen, hauptsächlich anhand von Satellitenbildern“, sagt er der taz. Besonders interessiert hat ihn das Video, in dem der Junge mit den wirren Locken durch die Straße läuft und im Hintergrund Leichen im Staub zu erkennen sind.

Bellingcat konnte bestätigen, dass das Video Anfang Dezember 2025 in der Stadt Babanusa in der Region West Kordofan gedreht wurde. In Babanusa war die 22. Infanterieeinheit von Sudans Armee SAF stationiert, dann stürmten die RSF-Rebellen am 1. Dezember die Stadt, die Soldaten ergaben sich.

Ein Kinder­soldat im Sudan lässt sich für ein TikTok-Video von einem Vorgesetzten feiern Screenshot: TikTok

Der Junge mit den gelockten Haaren steht in einem weiteren Tiktok-Video vor dem Eingangsschild der Armeebastion in Babanusa und streckt im Siegestaumel ein Gewehr gen Himmel. „Bei der Analyse der Videos, in denen Kinder auf dem Gelände des Stützpunktes umhergingen, konnten wir markante Merkmale im Hintergrund, wie den Eingang des Stützpunktes, Gebäude und asphaltierte Straßen, mit Satellitenbildern abgleichen“, sagt Vandermeersch.

Er glich diese Merkmale mithilfe von Google Maps ab und konnte den Standpunkt exakt bestimmen. „Wir gingen dann noch einen Schritt weiter und besorgten uns ein Satellitenbild vom 2. Dezember 2025, also einen Tag nach der Einnahme des Stützpunkts. Auf diesem Bild konnten wir eine Gruppe von Objekten erkennen, deren Form und Muster den Leichen im Video entsprachen.“

High Five mit einem mutmaßlichen Politiker: Kindersoldat im Sudan posiert für ein TikTok-Video Foto: TikTok

Bellingcat konfrontierte Tiktok damit und meldete insgesamt zwölf Accounts. „Dann wurden sieben der zwölf Konten gesperrt“, so der Journalist. Bei den verbleibenden fünf Konten seien nur die gemeldeten Beiträge entfernt worden, nicht die gesamten Konten. Vandermeersch recherchierte weiter: „Wir überprüften diese fünf Konten und stellten fest, dass dort immer noch unzählige Videos mit Millionen von Aufrufen zu finden waren.“

Er beschrieb das in seinem Artikel vom 20. Februar. Immerhin: Nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, sperrte Tiktok alle weiteren Konten. Doch, so Vandermeersch: „Etwa zehn Tage später entdeckte ich, dass einer der Kindersoldaten, ein neues Tiktok-Konto erstellt hatte.“ Er hatte bereits 17.000 Follower und Hunderttausende von Aufrufen für seine neuen Videos.

Vandermeersch kontaktierte Tiktok erneut, und nun wurde auch dieses Konto gesperrt. Doch der Reporter befürchtet, „dass dies ein anhaltendes Problem bleiben wird“. Es scheint, dass Tiktok Schwierigkeiten hat, dieses Phänomen der Kindersoldaten „angemessen zu regeln“, so Vandermeersch. Die Videos seien eine „sehr wirkungsvolle Propaganda, die dazu führen kann, dass noch mehr Kinder als Soldaten am Krieg teilnehmen wollen“.

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