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50 Jahre Militärputsch in ArgentinienErinnerungskultur unter Beschuss

Am 24. März 1976 putschte in Argentinien das Militär und ermordete in den Folgejahren Tausende von Menschen. Manche sind bis heute verschwunden.

Panzer und Soldaten nach dem Militärputsch 1976 vor der Casa Rosada in Buenos Aires, dem Amtssitz des argentinischen Präsidenten Foto: United Archives/imago
Jürgen Vogt

Aus Buenos Aires

Jürgen Vogt

Ramiro Bustillo wurde auf offener Straße in der argentinischen Stadt Córdoba entführt. Der damals 27-jährige Arbeiter war verheiratet, Vater zweier Kinder und studierte Ingenieurwesen an der Universität von Córdoba. Nach seiner Entführung im Oktober 1977 verlor sich seine Spur in den geheimen Gefangenenlagern der argentinischen Militärdiktatur, die sich am 24. März 1976 an die Macht geputscht hatte.

Bis zum 11. März 2026. „Die vermisste Person ist wieder aufgetaucht“, gab an dem Tag Bundesrichter Miguel Narvaja bekannt. Bustillo ist einer von zwölf Verschwundenen, deren Leichen vergangenen Dezember auf dem Gelände des geheimen Gefängnisses „La Perla“ bei Córdoba von den Fo­ren­si­ke­r*in­nen der EAAF gefunden und schließlich identifiziert worden waren.

„Es ist eine unermessliche Freude, eine Flut von Gefühlen. Heute beginnt eine neue Phase der Trauer“, sagt Bustillos Tochter Elena. „Wir sind nicht länger Kinder der Verschwundenen. Wir sind befreit von diesem schrecklichen Wort, das sie erfunden haben, um das Unaussprechliche zu benennen“, erklärte sie wenige Tage vor dem 50. Jahrestag des Militärputsches an diesem Dienstag.

Als oberster Chef der Streitkräfte hatte damals Jorge Rafael Videla zusammen mit Admiral Emilio Massera und General Orlando Agosti die Präsidentin Isabel Perón abgesetzt. Als De-facto-Präsident löste Videla die Parteien auf und schaffte das Parlament ab. Der Putsch war der Beginn eines systematischen Plans einer brutalen Unterdrückung.

Juntachef Videla hat die Verbrechen nie bereut

„Unser Ziel war es, eine anarchisierte Gesellschaft zu disziplinieren“, sagte Ex-Diktator Jorge Rafael Videla in einem Interview im Jahr 2011. „Wir mussten eine große Anzahl Menschen beseitigen.“ Videla wurde dreimal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Reue zeigte er bis zu seinem Tod im Mai 2013 nicht. Einem offiziellen Bericht zufolge wurden während der bis 1983 andauernden Diktatur über 10.000 Menschen entführt und ermordet.

Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf 30.000. Viele von ihnen gelten noch immer als verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen ins Meer geworfen. In über 40 Jahren Ermittlungsarbeit konnte die Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) 1.652 Überreste von Verschwundenen ausfindig machen und 848 von ihnen identifizieren.

„Que digan dónde están.“ Die Militärs sollen endlich sagen, wo sie sind, ist die zentrale Forderung der Menschenrechtsorganisationen zum 50. Jahrestag. Mit den Porträts der Verschwundenen wird auf den Straßen und Plätzen des Landes der Schweigepakt der Verantwortlichen angeprangert werden, der bis heute eine vollständige Aufklärung verhindern.

Mit der ideologischen Kettensäge an die Erinnerungskultur

70 Prozent der Bevölkerung haben eine negative Sichtweise auf die Diktatur, und etwas mehr als 60 Prozent sehen diese Zeit vor allem als eine Zeit systematischen Verschwindenlassens und der Menschenrechtsverletzungen. Das sind die Ergebnisse einer vor wenigen Tage vorgestellten Umfrage des Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS). Bei der Frage nach dem Begriff, der am häufigsten mit der Diktatur verbunden wird, wurde Desaparecidos (Verschwundene) genannt.

Allerdings meint ein Drittel der Befragten, dass es zwischen 1976 und 1983 „eine Regierung gab, die einen Kampf gegen den Terrorismus führte, bei dem es möglicherweise zu Exzessen kam“. Seit ihrem Amtsantritt versucht die Regierung des libertären Präsidenten Javier Milei mit dem Slogan für ein „vollständiges Gedenken“ den Staatsterrorismus von damals zu relativieren und wirft Menschenrechtsorganisationen wie den Müttern der Plaza de Mayo Einseitigkeit vor.

„Die Strategie der Regierung besteht darin, die bewaffneten Aktionen der linken Stadtguerilla Montoneros und anderer Organisationen hervorzuheben und, wo möglich, einseitige und aus dem Zusammenhang gerissene Informationen zu verbreiten“, kritisiert Marcela Perelman, Leiterin der Forschungsabteilung des CELS.

Dazu kommt die drastische Kürzung staatlicher Mittel für Einrichtungen, die an die Diktatur erinnern, „die nicht mit fehlendem Geld oder der wirtschaftlichen Kettensäge, sondern mit einer ideologischen Kettensäge gerechtfertigt werden“, fügt Perelman hinzu.

Am 50. Jahrestag des Putsches werden landesweit Tausende auf die Straße gehen. Seit 2006 ist der 24. März als „Tag der Erinnerung an Wahrheit und Gerechtigkeit“ ein nationaler Gedenktag. Seither auch ist der Militärputsch Teil des offiziellen Lehrplans an staatlichen und privaten Schulen und muss als eigenständiges Thema behandelt werden.

Der 17-jährige Liam besuchte mit seiner Schulklasse die ehemalige Marine-Mechanikerschule (ESMA). Sie war das größte geheime Haft- und Folterzentrum in Buenos Aires und ist heute eine Erinnerungsstätte und Museum. Vor hier aus wurden Gefangene zu den Todesflügen gebracht und aus Flugzeugen ins Meer geworfen. „Als ich an dem Ort stand, an dem all diese Verbrechen begangen wurden, und die Berichte der Opfer las, musste ich unweigerlich daran denken, dass ich oder einer meiner Angehörigen zu den Gefangenen oder Verschwundenen hätte gehören können“, sagt Liam.

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