Öl und Gas aus dem Golf: IEA-Chef warnt vor heftigstem Energieschock „aller Zeiten“
Die fossile Energiekrise stellt asiatische Staaten vor große Probleme. Ein Gewinner der Krise ist jedoch schon klar: Chinas Batteriesektor.
Heftiger als die Gaskrise nach Russlands Angriff auf die Ukraine 2022, sogar drastischer als die Ölpreisschocks der 1970er: Fatih Birol, Präsident der Internationalen Energieagentur IEA, bezeichnet die Lage an den fossilen Energiemärkten als die schwerste Energiekrise aller Zeiten. Daran wird auch eine mögliche Deeskalation im Krieg zwischen Iran und den USA und Israel nichts ändern, obwohl der Ölpreis nach US-Präsident Donald Trumps Ankündigung eines Angriffsstopps auf Energieanlagen sank.
Der Angriff der USA und Israels auf Iran führt derzeit zu deutlich geringeren Öl- und Gasexporten aus der Golfregion. Durch die Straße von Hormus wurden vor dem Krieg etwa 20 Prozent der globalen Öl- und Flüssiggasproduktion in fast hundert Schiffen pro Tag transportiert. Derzeit passieren nur eine Handvoll Schiffe die Meerenge. Dazu kommen Angriffe beider Seiten auf Energieinfrastruktur wie Raffinerien oder Gasfelder.
Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den 1970er-Jahren habe die Welt „jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren“, sagte Birol. „Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen“, fügte er hinzu.
Selbst ein Kriegsende würde Märkte nicht entspannen
Das gleiche Bild zeigt sich beim Gas: Birol zufolge sei doppelt so viel Gas von Verbraucher*innen weltweit abgeschnitten wie nach Kriegsbeginn 2022. Im Verlauf des Krieges seien bislang mindestens 40 Energieanlagen in der Region „schwer oder sehr schwer beschädigt“ worden.
Selbst wenn der Krieg ende und die Meerenge wiedereröffnet werde, brauche es eine „lange Zeit“, bis beschädigte oder stillgelegte Öl- und Gasfelder wieder in Betrieb genommen werden könnten. „Bei manchen wird es sechs Monate dauern, bei anderen viel länger“, sagte Birol der Financial Times. Wegen iranischer Angriffe auf die größte Gasförderanlage der Welt, Ras Laffan, wird Katar laut Energieminister Saad al-Kaabi noch drei bis fünf Jahre 17 Prozent weniger Flüssiggas liefern können.
Über 80 Prozent der fossilen Energieexporte der Golfregion gehen nach Asien. Die letzten Flüssiggastanker, die noch durch die Straße von Hormus kamen, wurden aber inzwischen Richtung Europa umgelenkt, wo Einkäufer die stark gestiegenen Preise bezahlen können, im Gegensatz zu ärmeren asiatischen Ländern wie Pakistan oder Vietnam. Nur eines der sieben Schiffe blieb auf seinem ursprünglichen Asienkurs und legte am vergangenen Donnerstag in China an, so eine Analyse der Financial Times.
Pakistans Flüssiggasterminals erwarten deshalb, Ende des Monats kein Gas mehr ins pakistanische Netz einspeisen zu können. Die Regierung Bangladeschs hat die Universitäten geschlossen, um Energie zu sparen. In den Philippinen und Vietnam werden Unternehmen angehalten, ihre Mitarbeiter*innen von zu Hause aus arbeiten zu lassen, um den Kraftstoffbedarf zu verringern. China und Japan werden das teurere Gas teilweise mit mehr Kohle- und Atomstrom ersetzen.
Ein Gewinner der Krise sind Chinas Batteriehersteller
Die Denkfabrik Ember warnt in einem Bericht am Montag allerdings die Länder Süd- und Ostasiens davor, sich auf Kohle zu verlassen. Würde zum Beispiel Thailand seine Kohlekraftwerke auf 70 Prozent Kapazität hochfahren – 2024 waren es durchschnittlich 62 Prozent –, würde das etwa 263 Millionen US-Dollar zusätzlich kosten und 3,2 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen. Die gleiche Menge Strom mit neuen, sauberen Solaranlagen zu erzeugen, wäre demnach 35 Prozent billiger.
Außerdem, darauf weist Ember hin, kann Kohle auch in Ländern wie Indien und Indonesien, die den Brennstoff vor Ort fördern können und nicht importieren müssen, nur den Gas- und Ölbedarf des Stromsektors kompensieren. Autos, Lkws und Industrie wären weiter von Öl- und Gasimporten aus der Golfregion abhängig. Die einzige Lösung dafür sei es, auch diese Sektoren zu elektrifizieren und mit billigen erneuerbaren Energien zu betreiben.
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung forderte schon zu Beginn des Irankriegs, den Ausbau der erneuerbaren Energien im Land zu beschleunigen. Die asiatischen Länder stünden am „Scheideweg“, schreiben die Ember-Expert*innen: „Sie können sich zu Elektrostaaten entwickeln, die Emissionen reduzieren und Klimaziele einhalten, oder Petrostaaten bleiben, die größere Energieanfälligkeiten riskieren.“
Ein Gewinner der fossilen Energiekrise ist bereits der chinesische Batteriesektor: CATL, BYD und Sungrow haben sogar die derzeit hohe Profite einstreichenden Ölkonzerne ExxonMobil, BP und Chevron an den Börsen ausgestochen. Die Öl- und Gasschocks „verändern das ganze Energieparadigma“, sagte Neil Beveridge, Analyst bei der Beratungsfirma Bernstein. „Selbst, wenn der Krieg nächsten Monat endet, gibt es kein Zurück.“ (mit afp/rtr)
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