Überfischte Krebsart in dm-Produkten: Ausgekrillt?
Die Drogeriekette dm will keine Produkte mehr anbieten, die die überfischte Krebsart Krill enthalten. Aber warum so kleinlaut?
Europas größte Drogeriekette dm verabschiedet sich von Produkten auf Basis der überfischten Krebsart Krill. Das teilte eine Sprecherin von dm der Umweltorganisation Sea Shepherd Ende Februar mit. Das Schreiben liegt der taz vor. Im vergangenen Jahr habe das Unternehmen beschlossen, „Krillöl nicht mehr in unseren Eigenmarkenprodukten zu verwenden“, steht da. „Darüber hinaus haben wir Krillölprodukte anderer Hersteller aus unserem Sortiment genommen. Diese Produkte werden derzeit abverkauft.“
Allerdings steht weiter oben noch ein anderer Satz: „Die Wünsche und Bedürfnisse unserer Kunden stehen im Mittelpunkt unseres Handelns.“ Moment, gar nicht die Vermeidung eines drohenden Ökosystemkollapses durch die Krillüberfischung? Der Satz liest sich wie ein großes Vielleicht.
Krill also. Leuchtgarnelen, etwa so groß wie Heftklammern. Von ihnen ernähren sich Wale, Robben, Seevögel oder Pinguine. Antarktischer Krill transportiert außerdem Eisen in die lichtdurchfluteten Oberflächenzonen des Meeres, in denen der Nährstoff sonst rar wäre – obwohl er beispielsweise für das Wachstum von Algen zentral ist. Die wiederum binden bei der Fotosynthese Kohlenstoff, sind also natürliche Klimaschützer.
Genau wie der Krill selbst: Er ernährt sich hauptsächlich von pflanzlichem Plankton. Der darin enthaltene Kohlenstoff sinkt im Krillkot auf den Meeresboden ab – damit bindet Krill rund 23 Millionen Tonnen Kohlenstoff im Jahr. Mit Blick auf die Biomasse sehen Meeresforscher in ihm den erfolgreichsten Organismus der Erde.
Der Hunger auf Krillöl
Wäre da nur nicht der Mensch, der Krill mit dem Klimawandel und einem steigenden Gesundheitsbewusstsein bedroht. In der Gastronomie ist Krill zwar nicht so richtig gelandet, aber der Hunger auf die im Krillöl enthaltenen Omega-3-Fettsäuren hat eine Menge Nahrungsergänzungsmittel in Supermarktregale und Drogerien geschwemmt.
Krillöl erwirtschaftete im vergangenen Jahr 932 Millionen US-Dollar. Bis 2034, so schätzen Marktanalysen, könnten es 2,43 Milliarden werden. In Europa ist Deutschland der größte Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Den meisten Krill fangen Norweger (rund 55 Prozent) und verwenden sehr viel davon als Futter für Lachsfarmen. Der chinesische Markt wächst rasch.
Die Verheerungen des Krillfangs sind abzusehen: Schon jetzt gehen Schwangerschaften von Bartenwalen zurück, bis zu 86 Prozent im Vergleich zu Jahren, in denen wenig Krill gefischt wurde. Pinguinpopulationen haben sich erheblich reduziert in den vergangenen 40 Jahren. Forscher warnen vor einem ökologischen Kollaps durch einen Krillmangel im Meer.
In der Wirtschaft interessiert das bisher kaum jemanden. Ein wenig bewegt sich aber doch: Im März 2018 verkündete Holland & Barrett den Ausstieg aus Krillprodukten. Das Unternehmen ist die größte Verkaufskette von Gesundheits- und Wellnessprodukten in Großbritannien. Greenpeace hatte den Konzern unter Druck gesetzt. Vier Jahre später stieg Holland & Barrett allerdings doch wieder ins Geschäft ein – mit dem Versprechen, nur noch Krill zu vertreiben, der nicht um die antarktische Halbinsel gefischt werde, „um Schäden am empfindlichen Ökosystem zu verhindern“.
Wieder dreieinhalb Jahre später entdeckte Holland & Barrett, was ihm von Umweltschützern bereits erklärt worden war: Umweltschonend gefangener Krill ist Etikettenschwindel. Ob sie ihm aufgesessen waren oder ihn in Kauf nahmen, bleibt unklar.
Zu Beginn der noch laufenden Krillsaison jedenfalls veröffentlichte Holland & Barrett nun den endgültigen Rückzug aus dem Krillgeschäft und einen Abverkauf der Produkte bis in den April: „Wir unternehmen einen großen Schritt zum Schutz der fragilen antarktischen Ökosysteme, die das globale Wohlbefinden erhalten.“
dm bleibt vage
Zurück zu dm, dem weltweit drittgrößten Player der Branche. Gerüchte, dass dm von Krillprodukten Abstand nehmen wolle, gibt es schon länger. Aber auch jetzt, wo das Unternehmen sie gegenüber Sea Shepherd bestätigt hat, hält es den Ball in der Öffentlichkeit flach: keine Kampagne, keine Pressemitteilung.
Wer beharrlicher nachfragt, ob die Gerüchte denn stimmten, bekommt von einer dm-Sprecherin eine vage Erklärung: Das Unternehmen wolle keinen Druck auf Produzenten ausüben. Auskünfte darüber, wie groß das Marktsegment Krillöl für dm ist oder was die Entscheidung vorantrieb, darauf zu verzichten, gibt es nicht. Auch, warum der Abschied sich so leise vollzieht, will das Unternehmen nicht erklären.
Schließlich lässt sich dm doch für klitzekleine Momente in die Karten schauen. Ein Sprecher antwortet schriftlich, dass Produkte sich generell auf der begrenzten Regalfläche „behaupten“ müssten. Die Entscheidung, einzelne Dinge im Sortiment auszulisten, falle ins Ressort für Beschaffung. Und das habe nun festgestellt, dass pflanzliche Alternativen beliebter seien als Krillölkapseln. Und weil, möchte dm zitiert werden, „unsere Regalplätze begrenzt sind und wir ein nachfrageorientiertes Drogeriesortiment kuratieren, ist die Auslistung eine logische Schlussfolgerung. Auch aus ökologischen Gesichtspunkten ergibt diese Entscheidung für uns Sinn“.
Daran ist manches heiter („kuratieren“) und eines ernst: Das Wörtchen „auch“ zeigt an, dass Umweltschutz vielleicht nur ein Nice-to-have ist. So bleiben alle Türen offen.
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