Iraner kehren in ihr Land zurück: „Ich will meine Familie nicht alleine lassen“
Am Bahnhof in Istanbul steigen erstaunlich viele Iraner:innen in den Bus, der sie in ihr Heimatland bringen soll. Was sind ihre Beweggründe?
Der junge Mann steht etwas abseits der Gruppe, die darauf wartet, einen großen Reisebus zu besteigen. Er hat lange schwarze Haare, trägt eine weiße Ski-Jacke und scheint dennoch zu frieren.
Ja, ihm sei kalt, sagt er, er komme gerade aus Brasilien. Was macht er dann in Istanbul? Er zeigt auf den Reisebus. „Ich fahre nach Teheran.“ Warum ausgerechnet jetzt, mitten im Krieg nach Teheran? Der junge Mann, nennen wir ihn Ahmet, zuckt wie resigniert mit den Schultern. „Ich bin Iraner und meine Familie ist im Iran.“ Es scheint, als wolle er sagen, es muss sein, mir bleibt nichts anderes übrig.
Ahmet ist wochenlang durch Brasilien getrampt. „Ein tolles Land, ich wäre gerne dort geblieben“. Als der Angriff der USA und Israels auf Iran begann, habe er noch gedacht, das ist schnell wieder vorbei. Doch das glaubt er jetzt nicht mehr. „Es wird wohl noch lange dauern. Ich kann meine Familie jetzt nicht allein lassen“.
Ahmet hat eine lange Reise vor sich. Allein bis Teheran wird es mindestens 40 Stunden dauern. Von Istanbul bis an die iranische Grenze sind es schon rund 2.000 km. Dann noch einmal knapp 1.000 km bis Teheran. Aber Ahmet ist dann noch lange nicht am Ziel. Er muss nach Bandar Abbas. „An der Straße von Hormus“, sagt er lächelnd, weil er weiß, dass im Moment die ganze Welt über diese Meeresenge spricht.
„Mir wird schon nichts passieren“.
Ob er keine Angst hat? „Eigentlich nicht“, sagt er, „mir wird schon nichts passieren“. Über Politik will er nicht sprechen, er scheint auch den anderen Reisenden zu misstrauen. „Mir geht es nur um meine Familie“, sagt er.
Ahmet ist nicht der einzige, den es jetzt, drei Wochen nach Beginn der Angriffe auf den Iran, in die Heimat zieht. An einer großen Verbindungsstraße, die quer durch den Istanbuler Stadtteil Aksaray führt, stehen an diesem kalten, regnerischen Morgen etliche Gruppen IranerInnen, die darauf warten, dass ihr Bus in Richtung Teheran startet.
Die Reisebüros an dieser Hauptstraße haben sich in den letzten Wochen in einen großen Umschlagplatz für Iranreisende verwandelt. Jeden Morgen gehen von hier aus mindestens zehn große Reisebusse nach Iran. „Alle sind voll“, sagt ein türkischer Reisebürobesitzer, der wie seine Kollegen das Schaufenster mit Infos in iranischer Sprache vollgehängt hat. „Läuft super“, meint er.
„Zionistischer Bombenhagel“
Seit der Luftraum über Iran für Passagiermaschinen gesperrt ist und auch Bagdad nicht mehr angeflogen werden kann, ist Istanbul zum Drehkreuz für alle IranerInnen weltweit geworden, die nun über den Landweg zurück in ihre Heimat wollen. Und das sind erstaunlich viele.
Statt dass, wie in Europa befürchtet, nun massenhaft Leute aus Iran fliehen, kehren sehr viele Leute aus dem Ausland nach Iran zurück. Die meisten sagen genauso wie Ahmet, sie wollen in dieser Situation ihre Familie nicht allein lassen.
Eine Frau, die mit ihrer Tochter aus Belgien gekommen ist, sagt, ihre Mutter sei krank, sie müsse unbedingt zurück. Andere geben sich kämpferisch. Eine Gruppe junger Männer druckst zunächst etwas herum, bis sie ihren Reiseleiter rufen, der angeblich besser Englisch sprechen würde. Der legt dann auch gleich los. „Alle Iraner gehen jetzt zurück, um ihr Land gegen die zionistischen Angriffe zu verteidigen. Sie wollen nicht im sicheren Ausland sein, während ihre Familien im Bombenhagel sterben“.
Sich vergewissern
Die anderen aus der Gruppe schauen ein wenig gequält, aber niemand widerspricht. Wenig später sagen zwei andere junge Männer, die sich den Auftritt des Regimesprechers aus der Distanz angeschaut haben, „Ja, es stimmt, wir gehen wegen unserer Familien zurück“. Aber für Iran kämpfen, da schütteln sie unsicher den Kopf. „Wir wollen ja nicht nach Teheran, sondern zu unserem Dorf in der nordöstlichen Provinz. Da passiert nichts, da ist es sicher“.
Nur ein junger Mann sagt leise, während er sich umschaut, „wir haben Hoffnung“. Hoffnung worauf? „Wir hoffen, dass endlich das Regime fällt“. Er will seinen Namen nicht sagen, aber er erzählt seine Geschichte.
Er lebt in Istanbul, aber ein Teil seiner Familie ist in Iran. Sein Vater ist Türke, die Mutter Iranerin aus Ost-Iran. Ethnisch eine Turkmenin. Er fühlt sich eigentlich als Türke, aber er will nun nach der Familie seiner Mutter schauen. Über Internet oder Telefon gäbe es keine Verbindung mehr. Wenn er sich vergewissert hat, dass es ihren Leuten gut geht, will er wieder zurück.
So wie ihm geht es gerade vielen Leuten in Istanbul. Die iranische Community in der Stadt ist groß, es gibt viele türkisch-iranische Verbindungen. Die meisten stimmen dem türkischen Präsidenten zu, der immer wieder betont, dieser Krieg müsse schnell enden, bevor noch mehr Länder in den Konflikt hineingezogen werden.
Die meisten Busse wählen von Istanbul aus die Südroute, die von Ankara über die Taurus-Autobahn bis Urfa führt und dann weiter nach Van. Die Stadt nahe der iranischen Grenze ist normalerweise ganz auf iranische Touristen eingestellt. „Gerade jetzt wären wir über Newroz normalerweise komplett ausgebucht, aber jetzt stehen alle Hotels leer“, klagte ein Tourismusmanager gegenüber Hürriyet. Es kommen zwar Iraner über die Grenze, aber das sind vor allem Tagesbesucher, die abends wieder zurückgehen, sagen Beobachter vor Ort.
In Aksaray sind sie darauf eingestellt, dass ihr neuer Geschäftszweig noch eine Zeit lang so weitergeht. Neben den Reisebüros werben jetzt auch Lokale und Hotels mit iranischen Schildern um Kunden. „Bis man wieder fliegen kann, wird es wohl noch dauern“, sagt ein Ticketverkäufer.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!