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Protest zum Jahrestag der BefreiungBuchenwald als Bühne

Martin Krauss

Kommentar von

Martin Krauss

Ob Kufijas im KZ oder der Streit um eine Rede Wolfram Weimers: Die Zukunft des Gedenkens ist ein beängstigendes Thema. Ist da für Juden noch Platz?

Kulisse eines Kulturkampfes: das Tor zum KZ Buchenwald Foto: Stefan Ziese/imagebroker/imago

J e weniger Menschen, die von den Nazis in Buchenwald inhaftiert und gequält wurden, noch leben, desto heftiger wird um die Deutungsmacht gestritten. Eine sich öffnende geschichtspolitische Leerstelle will gefüllt werden. Und sei es mit Geschmacklosigkeit.

Es gibt etwa eine Initiative, die sich „Kufiyas in Buchenwald“ nennt. Sie will das am 11. April anstehende Gedenken an die Selbstbefreiung der KZ-Häftlinge nutzen, um über „Völkermord in Gaza in der Gedenkstätte Buchenwald“ zu sprechen. Der Staat Israel gilt ihr bloß als „Apartheidstaat“. Eine Sprecherin verwendet in einem Interview mit der Jungen Welt sogar die Formulierung „genozidaler Staat Israel“.

Das Buchenwald-Gedenken ist ein bemerkenswerter Anlass, den Staat, der 1948 als Zufluchtsort für bedrohte Juden und Jüdinnen in aller Welt gegründet wurde, verächtlich zu machen. Es ist unbestreitbar eine Provokation – von Leuten, die vermuten, ihre Zeit komme. Damit gibt die Initiative eine Vorahnung davon, mit welcher Härte künftige Kämpfe um die Hegemonie über das Gedenken an Buchenwald, Auschwitz und die anderen Orte der Schoa geführt werden.

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Die Sprecherin der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Katinka Poensgen, die sich selbst als einen „mit Palästina solidarischen Menschen“ bezeichnet, lehnt „Kufiyas in Buchenwald“ ab, denn es gehe „vor allem darum, die wenigen noch überlebenden Häftlinge zu schützen“.

Todesmarsch nach Buchenwald

Poensgen nennt ein Beispiel: „Naftali Fürst war als 12-Jähriger auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald und ist dort im Januar 1945 angekommen. Heute lebt er in Israel, hat 60 Jahre lang seinen Schwur befolgt, nie wieder Deutsch zu sprechen und nie mehr hierherzukommen. Seit 20 Jahren aber kommt er zu den Feierlichkeiten zur (Selbst-)Befreiung und geht in Schulklassen. Seine Enkelin war mit ihrem zweijährigen Sohn in einem der Kibbuzim, die am 7. Oktober überfallen wurden. Sie hat überlebt, weil sie sich verstecken konnte. Ihre Schwiegereltern nicht.“

Dass die Lehre aus Buchenwald nicht die sein darf, heutigen Judenmord zu relativieren, sollte selbstverständlich sein

Dass die Lehre aus Buchenwald nicht die sein darf, heutigen Judenmord zu relativieren oder – wie es sogar teilweise von Menschen geschieht, die als politisches Bekenntnis eine Kufija tragen – zu feiern, dürfte – sagen wir lieber: sollte – selbstverständlich sein.

Die Lagerarbeitsgemeinschaft wurde im April 1945, unmittelbar nach der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, von politischen Häftlingen gegründet. Sie und ein anderer Opferverband fordern auch, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer der Feier fernbleiben soll.

„Tatsächlich haben wir Sie und Ihre inhaltlichen Positionen in den vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen, dass Sie sich mit dem Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt hätten“, heißt es in einem offenen Brief, der daran erinnert, dass Weimer in seinen Büchern eine zivilisatorische Bedeutung Europas und des Christentums propagiert – und Juden folglich ausschließt.

Fragwürdiges Lob

Weimer lobte etwa den Satz Heinrich Heines, der christliche Taufzettel sei das „Entréebillet zur europäischen Kultur“. (Dass der Satz sarkastisch gemeint war, hat Weimer nicht begriffen – nur nebenbei gesagt.)

Ob eine Palästina-Initiative am 11. April das Buchenwald-Gedenken stören wird, wissen wir noch nicht. Dass Wolfram Weimer in seiner Rede dort Juden so exkludieren wird, wie er es früher als frei fabulierender Publizist tat, können wir hingegen ausschließen. Ein Kulturstaatsminister tut so etwas nicht.

Und doch haben beide auf ihre Weise das große und beängstigende Thema künftigen Gedenkens vorgegeben: Ist für Juden da noch Platz? Ist für sie überhaupt noch irgendwo Platz?

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Martin Krauss
Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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