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Nach Klinikschließung in AhlhornSuchtkranke Kinder und Jugendliche bleiben auf der Strecke

Deutschlands größte Entwöhnungsklinik für suchterkrankte junge Menschen muss schließen. Ab Sommer gibt es dann nur noch 25 Plätze – deutschlandweit.

Verführerisch: Alkopops sind leicht konsumierbar und knallen trotzdem Foto: Steffen Füssel/dpa

Hunderttausende Kinder und Jugendliche leiden an Suchtstörungen, sei es durch Medienkonsum oder Drogenmissbrauch. Durch die Schließung von Deutschlands größter Entwöhnungsklinik droht das ohnehin schon geringe Hilfsangebot weiter zu schrumpfen – auf 25 Rehaplätze. Und das in ganz Deutschland.

„Ein strukturelles Systemversagen“ nennt das der Betreiber der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, die am 30. Juni ihr Angebot einstellt. Das Problem: Die Therapieangebote werden von den Kranken- und Rentenversicherungen bezahlt. Die Sätze der Versicherer seien allerdings zu gering, um eine Klinik wie die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik zu betreiben.

Es gebe „keine finanzielle Lösung, bei der eine qualitative und für die Patientengruppe zielführende Fortführung des Klinikbetriebs möglich ist“, sagt Wolfgang Vorwerk, Vorstand der Leinerstift Gruppe, die die Klinik betreibt.

Die Kinder, die in die Klinik kommen, haben bereits eine Entgiftung oder einen Entzug hinter sich. Allerdings reicht das für suchtkranke Kinder und Jugendliche nicht aus, sagt Rainer Thomasius. Er hat das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aufgebaut und gilt als Jugendsuchtexperte: „Die Erfolgsquote bei den qualifizierten Entzugskliniken liegt bei 25 Prozent, 75 Prozent werden also wieder rückfällig“.

Millionendefizite zwingen die Klinik zur Aufgabe

Gerade deshalb braucht es Angebote wie das der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik im niedersächsischen Ahlhorn. Mit individuellen Therapieangeboten, medizinischer Versorgung und einer integrierten Schule werden Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg aus der Sucht begleitet. Auch in Hinblick auf eine zukünftige Berufsbildung werden die Pa­ti­en­t:in­nen unterstützt.

Das kostet Geld. Mehrere Monate sind die Pa­ti­en­t:in­nen vor Ort untergebracht. Der Tagessatz, den die Klinik pro Platz von der Renten- oder Krankenversicherung erhält, beträgt derzeit 320 Euro. Die tatsächlichen Kosten liegen etwa 70 Prozent darüber, wie das Leinerstift auf Nachfrage mitteilt.

Die Folge ist ein erhebliches Defizit. Über eine Million Euro Minus soll die Klinik 2025 eingefahren haben, für dieses Jahr wird mit einem Verlust von 1,5 Millionen Euro gerechnet. Dabei war die Klinik bereits 2024 insolvent. Das diakonische Leinerstift sprang ein, um den Betrieb zu retten. „Von zahlreichen Seiten wurde uns signalisiert, dass es dieses Angebot unbedingt braucht“, sagt Wolfgang Vorwerk.

„Über ein Jahr haben wir uns intensiv darum bemüht, mit den verschiedenen Kostenträgern und der Politik tragbare Einigungen zu treffen. Leider wurden wir eines Besseren belehrt“, lautet sein ernüchterndes Fazit. Dabei ist die Bedeutung seiner Klinik in der Politik durchaus durchgedrungen.

„Die rehabilitationsmedizinische Versorgung suchterkrankter Kinder und Jugendlicher ist notwendig und sie ist erhaltenswert“, sagt Hendrik Streeck, der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. Gerade bei jungen Menschen entscheide frühe und qualifizierte Hilfe oft darüber, ob ein Leben wieder auf Kurs komme oder ob aus einer schweren Krise eine dauerhafte Abhängigkeit werde. „Umso alarmierender ist die aktuelle Lage“, sagt Streeck.

Die Deutsche Rentenversicherung verweist auf die bundeseinheitlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen, nach denen sie die Leistungen bezahlt

Dass es dennoch so wenige Angebote gibt, liege „nicht an fehlendem Bedarf, sondern an einer zersplitterten Verantwortung“, so Streeck weiter. Das belegen auch die Zahlen des Jugendsuchtexperten Thomasius: 1.200 Kinder und Jugendliche benötigten pro Jahr eine Behandlung in einer Entwöhnungsklinik. Nur 110 davon können mit den aktuellen Kapazitäten versorgt werden. Fallen die 60 Plätze der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik weg, werden es zukünftig noch weniger sein.

In der Pflicht sieht Streeck deshalb die Länder, Kostenträger, aber auch den Bund. Zwar könne letzterer nicht jede einzelne Einrichtung ersetzen. „Aber er trägt sehr wohl Verantwortung dafür, dass gesetzliche und finanzielle Rahmenbedingungen nicht dazu führen, dass junge Menschen zwischen den Systemen verloren gehen“, sagt Streeck.

Deshalb setze er sich „mit Nachdruck dafür ein, dass diese Versorgung nicht weiter ausgedünnt wird“. Eine „klare Erwartung“ möchte er im Gespräch mit den Kostenträgern und den politischen Verantwortlichen formulieren.

Im Falle der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik könnte das zu spät kommen. Das Fass zum Überlaufen brachte nicht zuletzt eine Strukturreform der Deutschen Rentenversicherung zum 1. Januar 2026. Damit kündige sich „ab 2027 nochmal eine Reduzierung des Tagessatzes durch die Rentenversicherung und damit eine Erhöhung des Defizits auf unserer Seite an“, sagt Karen Landwehr, verantwortlich für die Unternehmenskommunikation des Leinerstifts. Über drei Millionen Euro würden der Klinik 2027 dann fehlen.

Zu viel, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Deutsche Rentenversicherung verweist auf die bundeseinheitlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen, nach denen sie die Leistungen bezahlt. Für 2026 sei mit der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik ein Vergütungssatz verhandelt worden, der „den Besonderheiten der Klinik und den finanziellen Bedarfen entspricht“. Warum die Klinik ihren Betrieb nicht fortführen kann, könne „die Einrichtung oder ihr Träger nur selbst beantworten“.

Zukünftige Versorgung bleibt ungeklärt

Zukünftig möchte die Deutsche Rentenversicherung im Rahmen ihres Versorgungsauftrages sicherstellen, dass „alle jungen Menschen einen Reha-Platz erhalten, wenn sie ihn benötigen“. Die Bedarfslage werde aktuell durch Gespräche beim Bundesministerium für Gesundheit mit den relevanten Akteuren geklärt.

Dieses Unterfangen dürfte durch die Schließung von Deutschlands größter Reha-Klinik für suchterkrankte Kinder und Jugendliche nicht einfacher werden. Eine Unterbringung in anderen Einrichtungen, etwa denen für Erwachsene, hält Experte Thomasius für keine Alternative. Kinder und Jugendliche bräuchten eine qualifizierte, zielgerichtete Behandlung.

Auch das Come In in Hamburg, das Reha-Plätze für Kinder und Jugendliche anbietet, kämpft mit dem Pflegesatz, den es erhält. Lediglich durch die Querfinanzierung ihres Trägers könne es weiterhin bestehen. Sollte sich das strukturell unterfinanzierte System allerdings nicht dauerhaft stabilisieren, könnten perspektivisch weitere Angebote in Frage stehen, heißt es von Seiten der Hamburger Reha-Klinik.

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