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Gewalt im InternetZu spät, zu schwach, zu abhängig von Big Tech

Gastkommentar von

Aya Jaff

Digitale Gewalt ist ein Geschäftsmodell. Um sie zu verhindern, müssen Plattformen reguliert werden. EU-Vorgaben zeigen, wie das funktionieren kann.

Hunderttausende Frauen sind Erhebungen zufolge Opfer von manipulierten pornografischen Inhalten oder Nacktbildern geworden Foto: Marcus Brandt/dpa

W as an der Debatte um die Deepfake-Fälle rund um Collien Fernandes aufregt, ist nicht nur das Ausmaß der Erniedrigung, sondern die Tatsache, dass dieses Leid vermeidbar gewesen wäre. Die EU hat längst Vorgaben gemacht, wie digitale Gewalt besser verfolgt und Plattformen stärker in die Pflicht genommen werden können. Deutschland hätte diese Richtlinien früher in nationales Recht überführen können.

Stattdessen haben wir jahrelang zugesehen, wie Täter geschützt wurden, während Betroffene allein blieben. Die Politik reagiert erst jetzt, nachdem das Problem längst ein Massenphänomen geworden ist. Der Gesetzentwurf von Justizministerin Hubig enthält zwar Fortschritte. Dass künftig auch die Verbreitung solcher Bilder strafbar sein soll, ist ein längst überfälliger Schritt. Gleichzeitig bleibt ein gravierendes Schlupfloch bestehen.

Wer Deepfakes mit einem Wasserzeichen versieht oder als „KI-generiert“ kennzeichnet, könnte sich weiterhin der Verantwortung entziehen. Das sendet ein fatales Signal. Digitale sexualisierte Gewalt wird damit nicht konsequent als Gewalt anerkannt, sondern als technisches Detail verhandelt. Doch selbst ein strengeres Strafrecht wird nicht reichen. Die Dimension des Problems liegt in der Logik der Plattformen selbst.

Aya Jaff

ist Autorin, Unternehmerin und Tech-Kritikerin. Im November 2025 erschien Jaffs Buch „Broligarchie – Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern“ im Econ Verlag.

Die Europaabgeordnete Alexandra Geese bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, dass die reine Verfolgung der Täter nicht ausreichen wird. Die Bilder müssten von den Plattformen verschwinden. Aufgabe der Bundesregierung sei es, die Europäische Kommission dazu zu drängen, den Digital Services Act (DSA) konsequent gegen diese Plattformen durchzusetzen.

Genau hier liegt der politische Kern. Der DSA ist ein Instrument, um Machtasymmetrien im digitalen Raum zumindest ein bisschen einzudämmen. Wenn er nicht konsequent angewendet wird, bleibt er ein Papiertiger. Digitale Gewalt ist keine Randerscheinung der Technologie. Sie ist ein Geschäftsmodell, das auf Reichweite, Aufmerksamkeit und Straflosigkeit basiert. Wer Frauen wirklich schützen will, muss Plattformen regulieren.

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