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Folgen des Irankriegs für ChinaLangfristige Chancen durch Krieg

Dank massiver Ölreserven kann China die Energiekrise besser abfedern als andere Staaten der Region. Und geopolitisch dürfte Peking Nutznießer sein.

Vorgesorgt: ein Öltanker im Hafen im chinesischen Zhoushan Foto: reuters

Es klingt makaber, doch Chen Dingding nennt einen anhaltenden Irankrieg eine „strategische Chance“ für China. In einer viel beachteten Analyse schlussfolgert der Politikprofessor der Jinan-Universität im Osten des Landes, dass die Volksrepublik der große Nutznießer des Konflikts in Nahost sein könnte.

Denn zum einen würde der Krieg „systematisch die militärischen, diplomatischen und finanziellen Ressourcen der Vereinigten Staaten erschöpfen“. Anders formuliert: Die USA, Chinas größter Rivale im hegemonialen Wettbewerb, verbrauchen derzeit ihr Schießpulver in Nahost, während Peking das angerichtete Chaos von der Seitenlinie aus beobachtet.

Und dabei gewinnt die Volksrepublik insbesondere im Globalen Süden an Strahlkraft, ohne dafür etwas zu leisten. Je mehr Kriege US-Präsident Donald Trump vom Zaun reißt, desto friedliebender und rationaler erscheint die alternative Weltmacht China – ein Narrativ, das Staatschef Xi Jinping über seine Propagandamedien global verbreitet.

Zugleich würde der Krieg laut Chen langfristig sowohl Kapitalflüsse als auch Energierouten und Lieferketten zugunsten Pekings umleiten. Wer etwa keine Sanktionen fürchten möchte, handelt künftig wohl stärker in Renminbi statt in Dollar. Und die kontinentale Landroute, die über China nach Europa führt, gewinnt angesichts der geschlossenen Straße von Hormus an Attraktivität. „Das ist keine Schadenfreude, sondern eine nüchterne strukturelle Realität“, schreibt Chen.

China hat große Ölreserven aufgebaut

Fakt ist: Iran war für China ein wichtiger Öllieferant, aber keineswegs essenziell. Zwar verkaufte Teheran vor dem Krieg 80 Prozent seiner Ölexporte nach China. Doch machten dies Lieferungen nur 12 Prozent der chinesischen Ölimporte aus. Ein Drittel seines Öls fördert die Volksrepublik selbst, darunter in der westlichen Region Xinjiang.

Die asiatischen Nachbarn sind viel stärker von der Ölkrise betroffen. Südkorea etwa, dessen auf Halbleiter fokussierte Volkswirtschaft einen starken Energiebedarf hat, bezieht rund 70 Prozent seines Rohöls über die Straße von Hormus. In Japan ist der Anteil der Importe, die über die derzeit geschlossene Handelsroute verschifft werden, sogar noch höher. In China liegt der Wert bei rund 40 Prozent.

Die Volksrepublik hat gleich mehrfach vorgesorgt. Zum einen macht sich bezahlt, dass Peking in den letzten Jahren massiv in erneuerbare Energien investiert hat. Diese decken bereits über 40 Prozent des Strombedarfs ab. Hinzu kommt, dass Chinas Staatsführung für den Ernstfall riesige strategische Ölreserven angelegt hat. Laut einer Schätzung der Columbia-Universität könnten diese bis zu 1,4 Milliarden Barrel umfassen. Dieser Puffer kann die Auswirkungen der Engpässe für mindestens vier Monate abfedern.

Immun ist das Reich der Mitte allerdings nicht. „Für China besteht die Hauptbedrohung durch den Irankonflikt darin, dass er den weltweiten Konsum hemmen könnte, mit offensichtlichen Folgen für chinesische Exporte“, argumentiert die Ökonomin Alicia García-Herrero für die europäische Denkfabrik Bruegel. Denn China Volkswirtschaft leidet unter einem historisch schwachen Binnenkonsum und hängt zugleich umso stärker von ihren Exporten ab – insbesondere in den EU-Raum. Kauft Europa also wegen einer drohenden Wirtschaftskrise weniger aus dem Reich der Mitte, wird das chinesische Wachstum ausgebremst.

Insofern ist China also nur bedingt Nutznießer des Irankriegs. Chens eingangs erwähnte Analyse, die in Chinas sozialen Medien für Furore sorgte, wurde übrigens bald von der Zensur gelöscht. Denn sie passt nicht ins Selbstbild der Parteiführung, die China als neutrale, friedensliebende Großmacht präsentiert und nicht als Profiteur von Krieg und Elend auf der Welt. Öffentlich spricht sich Peking denn auch für eine Deeskalation im Nahen Osten aus. Außenamtssprecher Lin Jian erklärte am Mittwoch zu Pakistans Vermittlungsangebot: „Wir unterstützen alle Bemühungen, die zur Deeskalation der Situation und zur Wiederaufnahme des Dialogs beitragen.“

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