Pläne der Neuen Generation: Die Revolution kommt, gewiss
Die Letzte Generation wollte mit radikalen Methoden brave Forderungen erkämpfen. Die Neue Generation ruft jetzt zu „Revolution Days“ auf.
Wie ein Revolutionär sieht Henning Jeschke eigentlich gar nicht aus. Mit seinem Wollpulli und seinen zerzausten Haaren kann man ihn sich eher in einem Antiquariat vorstellen oder in einer Bibliothek. Der 26-Jährige ist ein Mensch von leisem Schlag, der seine Worte mit Bedacht wählt. Wenn er aber über die Klimakatastrophe spricht oder über seinen Aktivismus, dann findet sich in seiner Stimme plötzlich eine Bestimmtheit, die fast einschüchternd sein kann. „Was wir wollen, das ist, den Begriff der Revolution wieder positiv zu besetzen“, sagt Jeschke dann etwa.
Dass Jeschke das R-Wort inzwischen so leicht über die Lippen geht, ist alles andere als selbstverständlich. Lange haben er und seine Mitstreiter:innen von der inzwischen aufgelösten Klimagruppe Letzte Generation jeden Anschein grundlegender Veränderungsabsicht vermieden.
Ja, die Letzte Generation hat in ihrer Hochphase mit ihren Straßenblockaden das halbe Land gegen sich aufgebracht, mit Blick auf Aktionsformen konnte man ihr noch nie mangelnde Radikalität vorwerfen. Aber ihre Ziele wie das Essen-Retten-Gesetz oder ein Tempolimit auf Autobahnen waren fast schon spießig. In linken Kreisen wurde das lange belächelt.
Inzwischen schlägt die Neue Generation – eine der Nachfolgegruppen – andere Töne an. Für das Wochenende ab dem 17. April rufen sie in Berlin zu ihren dritten „Revolution Days“ auf. Geplant ist ein Online-Diskussionsforum namens „Parlament der Menschen“ zur Gefahr des Faschismus. In der darauffolgenden Woche soll der Protest gemeinschaftlich ins Regierungsviertel getragen werden, um die „demokratiezersetzende Allianz aus Rechten und Reichen herauszufordern“, sagt Jeschke. Im Klartext: Mit Störaktionen ist zu rechnen.
Das R-Wort mit Leben füllen
Aber – ist das schon Revolution? Beim Tee in den Räumen des mit der Gruppe befreundeten Jaja Verlags in Berlin-Neukölln sitzt neben Jeschke auch Lina Eichler, ebenso Letzte-Generations-Veteranin. Dass innerhalb der parlamentarischen Demokratie und dem Kapitalismus das Ruder noch rumgerissen werden kann, glaube sie inzwischen gar nicht mehr, sagt sie. Stattdessen hofft Eichler auf den Systemkollaps.
„Es ist wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren einen Moment des Bruchs geben wird“, sagt sie. Das könne eine Finanzkrise sein oder der ökologische Kollaps, jedenfalls aber eine Situation, in der sich ganz schnell ganz viel verändert. Es seien solche Momente, auf die man setzen müsse. „Das können revolutionäre Situationen sein. Darauf wollen wir uns vorbereiten“, sagt Eichler. Und klingt plötzlich wie ein trotzkistischer Kader einer kommunistischen Kleinstgruppe.
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Wer verstehen will, wie sich die eigentlich so bürgerlichen Klimaaktivist:innen in ihren orangefarbenen Warnwesten verändert haben, muss sich vor Augen führen, was Aktivist:innen wie Jeschke und Eichler in den vergangenen Jahren erlebt haben. Die beiden waren zwei der sieben Aktivist:innen, die 2021 zum Auftakt der Letzten Generation in einen Hungerstreik getreten waren. Das ziemlich bescheidende Ziel war: ein Gespräch mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz.
Schnell aber wurde klar, dass sich die Politik nicht von Klimaaktivist:innen und deren unerhörtem Ziel eines gesunden Planeten „erpressen“ lassen würde. Scholz verweigerte das Gespräch. Erst als Jeschke schon in einen Durststreik getreten war, der ihn an den Rand des Todes brachte, lenkte Scholz ein – um dann doch nur Plattitüden von sich zu geben.
Als Reaktion kündigten die Aktivist:innen eine großangelegte Blockadekampagne an, um die Politik zur Erfüllung von Minimalforderungen zu bringen, wie dem schon erwähnten Tempolimit. Was folgte, waren RAF-Vergleiche, Razzien in den Wohnungen der Aktivist:innen, Hetze in der Springer-Presse.
Der Staat blies zum Kampf gegen die Letzte Generation. Mit Schmerzgriffen wandte die Polizei systematisch Gewalt an und nahm die Aktivist:innen ohne Gerichtsverfahren in Präventivhaft. Jeschke wird aktuell am Landgericht Potsdam der Prozess wegen des Vorwurfs gemacht, er sei „Rädelsführer einer kriminellen Vereinigung“.
„Das System hat sich als unbelehrbar erwiesen“
„Die Letzte Generation hat uns vor Augen geführt, wie kaputt alles ist. Also nicht nur ökologisch bedrohlich, sondern systemisch kaputt“, sagt Jeschke. Für ihn und die anderen Aktivist:innen der Letzten Generation war 2024 klar: Mit der bisherigen Strategie geht es nicht weiter. „Das System hat sich als unbelehrbar erwiesen“, sagt Eichler.
Die Neue Generation sieht ihren Fokus seither nicht mehr in der Klima-, sondern in der Demokratiefrage. Der Tenor: Die parlamentarische Demokratie wurde von der „Merz-Mafia“ und einer „Allianz aus Rechten und Reichen“ korrumpiert. Dieser Einfluss sei es, der eine sinnvolle Klimapolitik verhindere – weshalb eine neue Form der Demokratie nötig sei, für die es eben eine „friedliche Revolution“ brauche.
Dabei setzen die Aktivist:innen auf ausgeloste Bürger:innenräte. In der Demokratietheorie wird dieses Konzept seit Jahren diskutiert. Diverse Forscher:innen und zunehmend auch Aktivist:innen sehen im Losverfahren großes Potenzial. Tatsächlich zeigen Studien, dass ausgeloste Bürger:innen, die mit Zeit und Informationen ausgestattet werden, teilweise mutiger und progressiver entscheiden als die lobbybeeinflussten Politiker:innen, die sich in einem brutalen Medienumfeld behaupten müssen.
In Realität gehören die Bürger:innenräte allerdings zum überhaupt nicht revolutionären Standardrepertoire der politischen Beteiligungsformate. Auch Jeschke sagt: „Wir haben uns mal alle ausgelosten Bürger:innenräte angeguckt, die es in den letzten Jahren zum Thema Klima gab, und festgestellt: Die Ergebnisse kaum eines Rats wurden in die Gesetze übernommen.“ Mit dem „Parlament der Menschen“ will die Gruppe deshalb einen Rat aufbauen, der auch gegen das bestehende parlamentarische System Wirkmacht entfalten kann.
Der Plan: Mit öffentlichkeitswirksamen Protesten und einer großangelegten Haustürkampagne wollen sie immer bekannter werden. Perspektivisch soll so eine Datenbank entstehen, aus der in einem nach Kategorien wie Geschlecht, Migrationshintergrund oder Einkommen quotierten Losverfahren ein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung entsteht. Dieses Parlament soll nach Jeschke dann als Gegenmodell zum Wahlparlament in Erscheinung treten. „Wir wollen immer wieder fragen: Was ist eigentlich legitimer – das Parlament des Geldes oder unser Parlament der Menschen?“, sagt er.
Skeptiker sieht neuen Selbstbetrug
Nicht alle in der Klimabewegung überzeugt das. Ein Skeptiker ist Tadzio Müller. Der langjährige Aktivist ist ein Vordenker der sogenannten Kollapsbewegung, einer Strömung, die den Kampf für eine bessere Klimapolitik ebenfalls als verloren ansieht – und die sich deshalb auf die kommenden Krisen vorbereiten will. Das tun die Kollapsianer:innen, indem sie sich etwa technisches Know-how aneignen oder in Vorbereitung auf rechte Landgewinne Kampfsport trainieren.
Müller stört sich am Revolutionsbegriff der Gruppe. Das Motto der Revolution Days – „Aufbauen, Einmischen, Gemeinschaft“ – verweise doch auf „keine fundamentale Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse“, sagt er. Gut sei, dass die Bewegung verstanden habe, dass auf die Politik nicht mehr zu zählen sei.
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„Aber wenn die Neue Generation jetzt sagt, dass es nur etwas Organisierung brauche, und dann erheben sich die Massen, stürzt sie sich doch gleich in den nächsten Selbstbetrug“, warnt Müller. Dass Bürger:innenräte auch produktiv sein können, glaubt Müller trotzdem: „Wenn es darum geht, Nachbarschaften zusammenzubringen, damit wir uns beraten können, was wir im nächsten Hitzesommer gemeinsam machen können – dann ist das eine sinnvolle Form der solidarischen Katastrophenvorsorge.“
„Natürlich sind wir derzeit als Gruppe noch am Wachsen“, gibt auch Eichler zu. Für sie sind die Revolution Days aber ein Anfang. Denn „Revolution zu machen, muss man auch lernen und sich vorstellen können“, sagt sie. Es gehe bei den anstehenden Protesten darum, gemeinsam im Regierungsviertel erfahrbar zu machen, wie sich der friedliche Aufstand anfühlen kann. „Es kann gut sein, dass unser Revolutionsversuch scheitert“, sagt sie. Und kündigt an: „Aber wir werden sie immer wieder versuchen.“
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