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Wie ein Treibhaus der Desinformation

Im Kampf für und wider die Demokratie drohen Fake News das Rennen gegen Fakten zu gewinnen. Es gilt, die Machtstrukturen der Plattformen zu durchbrechen

Illustration: Katja Gendikova

Von Patrick Gensing

Vor einigen Jahren schien es so, als sei die Gesellschaft gegen Des­information gut gewappnet: Plattformen regulieren, Betreiber in die Pflicht nehmen, bessere Recherche, professioneller Faktencheck, journalistische Einordnung. Die Instrumente schienen vorrätig, sie müssten nur genutzt werden. Mein 2019 veröffentlichtes Buch „Fakten gegen Fake News“ formulierte diese Zuversicht als Programm. Fakten sollten überzeugen und wirken, wenn man sie nur sauber genug aufbereitet und sichtbar genug platziert.

Knapp eine Dekade später erweist sich diese Hoffnung nicht direkt als naiv, aber doch als zu optimistisch. Die damaligen Diagnosen waren nicht falsch. Im Gegenteil, sie haben sich bestätigt. Nur eben mit einer Wucht, die die Prognosen überrollt hat. Was als mediales Kor­rek­tur­pro­blem erschien, entpuppt sich als Umbau des gesamten Diskursraums. In diesem Raum sind Fakten so leicht verfügbar wie nie zuvor. Zugleich sind sie politisch schwächer als je zuvor. Der Titel „Fakten gegen Fake News“war eine Selbstvergewisserung. Er setzte auf das aufklärerische Versprechen, dass überprüfbare Tatsachen, journalistische Sorgfalt und öffentliche Einordnung ausreichen, um der Flut von Falschbehauptungen standzuhalten. Der Ausruf hatte Pathos, aber auch Programm. Nur reichte das nicht. Schon in den 2010er Jahren ließen sich die Linien klar erkennen. Autoritäre Akteure wie die AfD, der Kreml oder Donald Trump nutzten Desinformation strategisch. Bekannt ist zudem gewesen: Algorithmen verstärken Emotionen. Journalistische Institutionen werden gezielt delegitimiert. Öffentliche Debatten polarisieren sich. Diese Befunde waren gut belegt, empirisch wie international vergleichbar. Es fehlte nicht an Wissen und praktischen Beispielen.

Unterschätzt wurde dabei wohl die Dynamik ihrer Wechselwirkungen. Desinformation arbeitet nicht im Modus des Skandals, sondern mit Redundanz und Gewöhnung. Falschbehauptungen verschieben nach und nach Wahrnehmungsrahmen, verformen Erwartungen, untergraben Deutungsmuster. Irgendwann kippt etwas. Dann wirken sachliche Informationen verdächtig, Institutionen suspekt, Verfahren beliebig. Wahrheit verschwindet nicht spektakulär. Sie erodiert leise. Und die großen Plattformen lieferten dafür die optimale Umgebung, wie ein Treibhaus der Desinformation.

Desinformation ist kein isolierter Störfall im Informationsfluss, sondern ein grundlegendes Strukturmerkmal unserer gegenwärtigen Öffentlichkeit. Was bleibt, sind Bauchgefühl, Bestätigung und das, was im eigenen Feed plausibel wirkt. Meinungen werden zum Faktum erklärt, Fakten werden zur Meinungssache herabgestuft und damit verhandelbar. Hannah Arendt beschrieb diesen Zustand mit Blick auf totalitäre Propaganda. Ziel sei nicht, eine bestimmte Lüge durchzusetzen, sondern den Begriff von Wahrheit selbst zu zerstören. In digitalen Öffentlichkeiten lässt sich genau diese Verschiebung beobachten – mit dramatischer Geschwindigkeit. Korrekturen existieren. Fakten sind jederzeit abrufbar. Sie erreichen jedoch fast nie diejenigen, für die sie relevant wären. Am Ende entscheidet nicht, was stimmt, sondern was passt.

Während progressive politische Strömungen über immer mehr Wissen und valide Argumente verfügen, mit denen sie aber nichts mehr bewirken können, brauchen reaktionäre Milieus keine Fakten, um maßgeblich auf den öffentlichen Diskurs einzuwirken und ihn zu bestimmen. Das bekannte Framing ist regelmäßig in den großen Talk-Formaten zu beobachten, etwa in der zu Recht kritisierten Miosga-Sendung mit Tino ­Chrupalla, in der auf großer Bühne die Frage diskutiert wurde, ob „Trump ein Vorbild“ sei.

Diese Veränderungen in der politischen und medialen Atmosphäre sind kein Naturereignis, sondern von Menschen gemacht. Sie sind das Resultat von journalistischer Angst vor klaren Einordnungen, false balance – aber vor allem eines Öffentlichkeitsmodells, das von wenigen privaten Unternehmen organisiert wird. Aufmerksamkeit ist Ware, Empörung Währung, Zuspitzung der Motor. Algorithmen belohnen Tempo und Affekt, nicht Einordnung und Kontext. Differenzierung kostet Klicks. Prüfung kostet Zeit.

In diesem Klima haben Fakten strukturell kaum eine Chance, auch wenn man sich immer neue niedrigschwellige Formate ausdenkt, um die Aufmerksamkeit der Plattformen bedienen zu können. Auch wenn man Faktenchecks so weit he­run­ter­bricht, dass kaum noch etwas übrig bleibt. Viele etablierte Medien kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, sie reagieren darauf teilweise mit verkürzter oder sogar irreführender Zuspitzung, der Übernahme von rechten Narrativen, die als „­kontroverse Positionen“ zur Debatte gestellt ­werden.

Foto: PG

Patrick Gensing

ist Sprecher des FC St. Pauli. Der Journalist und Autor war Leiter des ARD-Faktenfinders und des Investigativ-Ressorts. Sein Themenschwerpunkt ist Rechtsextremismus.

Doch je mehr sich Medien den Vorgaben der Plattformen unterwerfen, umso eher wächst deren Macht und die Möglichkeit, redaktionelle Inhalte in die Plattformen zu saugen – und ­gleichzeitig die Nut­ze­r*in­nen dort zu halten. Die Plattformen wachsen weiter, weil sie die redak­tionellen Inhalte ausbeuten. Es droht ein ver­ödetes Internet, das zunehmend von den her­metisch abgeriegelten ­Plattformen abgehängt wird.

Trotz dieser fatalen Entwicklungen bleiben Journalismus und Faktenchecks unverzichtbar. Sie dokumentieren, ordnen ein, widersprechen. Ohne sie wäre das Feld komplett den Lautesten überlassen. Doch sie operieren in einem Umfeld, das ihre Wirkung systematisch begrenzt. Wer Desinformation offenlegt, wird angegriffen. Wer Widersprüche benennt, wird delegitimiert. Ziel dieser Angriffe ist selten das einzelne Argument, fast immer die Glaubwürdigkeit der Institutionen selbst. Wenn die Träger der Fakten beschädigt werden, verlieren auch die Fakten ihre Durchsetzungskraft. Die Coronapandemie hat diese Dynamiken verdichtet. Wissenschaftliche Unsicherheit wurde als Schwäche gedeutet, politische Abwägung als Willkür. Vertrauen in Expertise erlitt nachhaltigen Schaden. Eine kritische Aufarbeitung ist notwendig, auch weil Maßnahmen nicht immer transparent oder verhältnismäßig wirkten. Sie verkommt jedoch zur Farce, wenn das Urteil bereits feststeht und Entscheidungen aus ihrem Kontext gerissen oder als Teil eines vermeintlichen Plans gelesen werden. Viele erfolgreiche Desinformationsnarrative knüpfen genau hier an. In den 2010er Jahren wurde diese Eskalation nicht vorhergesehen. Nicht, weil die Analyse falsch war, sondern weil ihre Konsequenzen unterschätzt wurden.

Was also tun? Es lohnt sich, einen Blick auf die noch funktionierenden öffentlichen Räume zu werfen, um zu verstehen, was sie attraktiv macht. Vereine, Initiativen, lokale Zusammenschlüsse, Orte, an denen Mitverantwortung mehr zählt als Erregung. Dort entstehen Bindung, Gespräch und Widerspruch ohne Dauerempörung. Dort wird gestritten, ohne dass jeder Dissens zur Identitätsfrage aufgeblasen wird. Sie haben Bedeutung. Das ist ihre Stärke. Wohingegen auf Plattformen ein anderes Prinzip dominiert. Kurze Affekte verdrängen längere Argumente. Konstruktive Beiträge gehen im Rauschen unter oder werden als Zensurversuch denunziert. Mitverantwortung spielt keine Rolle, Fakten werden niedergebrüllt – jeden Abend hundertfach auf dem heimischen Sofa zu erleben im Kosmos der AfD-­nahen ­Tiktok-Livechannels.

Algorithmen verstärken Emotionen. Journalistische Institutionen werden gezielt delegitimiert. Öffentliche Debatten polarisieren sich

Es geht nicht nur um falsche Inhalte, sondern um gefährliche Strukturen und darum, wie unsere Öffentlichkeit funktionieren soll. Klar ist: Solange Plattformmonopole den Diskurs organisieren, werden in Sachen Desinformation lediglich Symptome bekämpft: einzelne Falschmeldungen, einzelne Kampagnen, einzelne Akteure. Die Ursachen bleiben unangetastet. Die Hoffnung auf eine partnerschaftliche Selbstregulierung der Plattformen hat sich als Illusion erwiesen. Sie entziehen sich ihrer Verantwortung und unterstützen teilweise sogar offen autoritäre Politiker, die wiederum die Plattformen fördern. Dieser Zustand ist untragbar. Öffentlichkeit darf nicht dauerhaft privat, zentralisiert und profitorientiert organisiert sein. Erst wenn Sichtbarkeit nicht monopolisiert wird, können Fakten wieder als gemeinsame Bezugsebene wirken. Nicht als unfehlbare Wahrheit, sondern als Grundlage für Verständigung.

Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in Detailkorrekturen einzelner Plattformpraktiken, sondern im Bruch mit ihrer monopolartigen Stellung über weite Teile politischer Kommunikation. Es geht um die Rückgewinnung öffentlicher Räume, in denen Sichtbarkeit nicht gekauft, Fakten nicht beliebig relativiert werden und demokratische Aushandlung nicht algorithmisch verzerrt wird.

Der Rückblick auf die 2010er Jahre lohnt sich. Nicht zur Selbstberuhigung, sondern zur Selbstkritik. Die Warnungen und Alternativen lagen auf dem Tisch, nur wurde kaum eine eigene Infrastruktur aufgebaut. Warum Befunde nicht durchdrangen, bleibt eine offene Frage. Einzelne Projekte zum Faktencheck werden kaum ausreichen. Wer den demokratischen Diskurs retten will, muss die Machtstrukturen der Plattformökonomie angreifen und durchbrechen – publizistisch und ­politisch.

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